Ein Bewohner von Mlejnas und Tlön
Trank Bier und las in Borges Geschichte der Nacht, „der Schädelknochen, das geheime Herz“, und jetzt, ein paar Stunden später, die roten Tintenflecken wie Blut auf den weißen Bettlaken.
Mehr Rausgerissenes aus meinem Notizbuch, more to come.
20. Januar, Weimar | Briefentwurf für den Newsletter
Seit Tagen der Versuch, ein paar Worte für diesen Brief aus meinem Notizbuch zu kratzen. In meinem Tagebuch nehme ich zu viele Rollen an, fokussiere Tagesgefühle oder kompensiere sie, steige in unterschiedliche Varianten meines Ichs, Kostüme, Masken, die als solche wirken. Sie spannen und meine Augen tränen. Manchmal wie bei Gantenbein, genauso schlecht mindestens. Manchmal fällt mir die grüne Tinte an meinen Hemdsärmeln auf, die Tinte an den Fingerkuppen, die dicken getrockneten Tropfen auf dem Schreibtischholz. Ich habe hier eine Art Geheimschrift begonnen, die niemand entziffern kann, meist nicht mal ich. Beim Notieren fällt es mir nicht auf. Ich überspringe Buchstaben, verziehe drei davon zu einem, tausche sie willkürlich aus. Als ich durch die ersten fünfzig Seiten geblättert habe, die ich seit Dezember hier reinschreibe, um ein paar Absätze für diesen Brief zu finden, musste ich feststellen, dass fast die Hälfte der Seiten kaum lesbar ist. Vor allem die nächtlichen, im Affekt entstandenen Notate, es könnten genausogut Zeichnungen sein. Die Lücken meiner Erinnerung haben sich auf mein ohnehin abartiges Schriftbild übertragen. Die einzig lesbaren Teile dieses Buchs zeichnen zeichnen ein fragwürdiges Bild meines Blickes auf mich selbst. Ich war immer schon ein Zweifelnder, manchmal glücklicherweise nicht sehr versiert. Das Drehen um mich selbst ekelt mich an, selbst wenn ich das mitdenke beim Schreiben und mir trotzdem nicht helfen kann, mein Narzissmus abides. Seit Jahren lasse ich Euch diese Runden um mich herum mittanzen, es ist also wichtig für mich, Adressaten zu haben, sonst taugt mir das alles hier nicht. Immer drücken Sie einem das Ideal ins Gesicht, man müsse doch zu allererst für sich selbst schreiben, doch ohne Zuschauer ist mein Notizbuch ein Massaker. Grüne Attentate auf mich selbst hinter verschlossenen Türen. Also will ich wieder zu meinem alten Rhythmus zurück und alle paar Tage einige Absätze aus diesem Buch für meinen Blog verwerten oder diesen Newsletter. Ich wollte Texte veröffentlichen seit ich ein Kind war, ob gerechtfertig oder nicht, dem habe ich nie Bedeutung beigemessen für lange Zeit, ich hatte den Drang, ein wie auch immer geartetes Publikum zu finden, sei es auch imaginär… (abgebrochen)
21. Januar, Weimar
Rede ständig von Ewigkeit, jeden Gedanken darauf anlegend, doch das Handeln…
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Arno Geiger, Das glückliche Geheimnis: „Die Fähigkeit, zu warten, wird über Zeit zu einer Schwäche.“
22. Januar, Weimar | Morgen
Und die Vorhänge weinen im Wind und die Bücherregale stehen müde ihr Holz und sehen wehmütig den Schuhen nach, die ihr Leben jeden Tag neu auftragen.
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Nietzsche: „mohnblumige Tugenden“
23. Januar, Weimar
Aus den Notizen Tranströmers: „Ich habe so kärglich an euch geschrieben. Doch was ich nicht schreiben konnte, schwoll und schwoll an wie ein altmodisches Luftschiff und glitt schließlich durch den Nachthimmel davon.“ - ausgehend von diesem Zitat, würde ich gerne einen Brief an Michael Krüger schreiben und ein paar meiner Gedichte beilegen. Ich weiß schon jetzt, dass ich es nicht machen werde.
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Gedicht für Frank, „Die Pampelmuse und Ich“, Gedichte, die nur für eine Person bestimmt sind (Padgett), auch: Gedichtreihe mit dem Titel „Warum sie weinten“.
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Wider die Kachelschreiber
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Nach dem Rhythmus geklopft und ihn nicht gefunden. Lebe seit Tagen bei den Dichtern. Kaum Maske, nur Lügen an die Welt.
23. Januar, Weimar | Abend
Varianten des Bleistiftgedichts ohne Ergebnis. Immer wieder Rückkehr zur ersten Schreibmaschinenversion von vor ein paar Tagen. Ich kann nicht allen ernstes einen wächsernen Himmel stehenlassen, nicht nachdem ich Tranströmers halbfertigen Himmel sah. Wenigstens weniger Angst vor der weißen Seite. Aktueller Stand, vielleicht lasse ich es so:
In der Nacht wacht er auf und fühlt den Schnee
vor den schwarzen Fenstern, folgt dem Silberfisch
am Türrahmen in das blaue Zimmer, eine Verfolgung,
und dort soll er prüfen, prüfen und messen und wägen,
- vertrauen ihm die Bleistifte noch?
In den Vororten schlagen die Wellen an die Kennzeichen
und doch hat es vorläufig erst recht einen neuen Morgen,
die Bleistifte beratschlagen einen Nachmittagsaufstand und es
singt ein wächserner Himmel in ein Streichholz ohne Kopf
- hier endet dein Verstand!
Die halbe Summe der Erinnerung ist Wasserwunde und
er starrt voll der Hoffnung auf seine Lederschuhe und die
dreckigen Rücken der antiquarischen Jahreszeiten wie sie
das Vorrücken des Bleibataillons auf die Bekenntnisse decken
- ist es Landnahme?
Die Vorhänge sind Mäntel im Wind, die Bücherregale
krümmen ihr Holz den Jahren entgegen wie die
Tinte an den Kuppen seiner Hemdsärmel und das
haltlose Dunkel der Wälder seines Aufbruchs sagt
- deine Kirche ist ein Stück Papier!
2. Februar, Weimar
Brinkmann, Westwärts 1+2: „die Preise für das Nirwana sind gestiegen“
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In der Nacht wache ich auf und fühle den Schnee vor den schwarzen Fenstern / Ein Silberfisch, der mich verführt / Ein Silberfisch im Türrahmen.
5. Februar, Weimar | Die Nacht auf dem Rücken
Zurück zur Phantastik. Eskapismus eskalieren lassen. Ich bin ein Bewohner von Mlejnas und Tlön. Die Erinnerung an mich wird nur eine Nacht überdauern. Cortazar, Borges. Heute ein Borges-Morgen, mehrere Ideen für den Roman, vor allem Zeittheorien. Meine Varianten der Zeitreise als solipsistischer Narzissmusversuch in Absätzen. Erinnerungsmodelle in der bereisten Vergangenheit. Vorsatzbrief im Stile Borges’ „An Leopoldo Lugones“, an Lothar den Antiquar.
6. Februar
Wiederlesen von Revenge of the Lawn. Das Vertrauen der Bleistifte war auch in Brautigans Tonlage geschrieben und da habe ich es nicht bemerkt, mich sogar abgestoßen gefühlt davon. Ich darf diese leichte Tonlage auch wieder ausfüllen.
6. Februar, später am Abend
Als es dunkel wurde, bin ich durch die Straßen von Weimar gelaufen, bis mir die Finger abfroren. Ich fand einen Platz an der Theke, die Kneipe bis auf den letzten Stuhl gefüllt. Trank Bier und las in Borges Geschichte der Nacht, „der Schädelknochen, das geheime Herz“, und jetzt, ein paar Stunden später, die roten Tintenflecken wie Blut auf den weißen Bettlaken.
The Flailing Notebook
Vor ein paar Tagen kaufte ich einen Füllfederhalter und dieses Notizbuch. Es gab keinen Grund. Vielleicht kann ich mich mit dieser Feder wieder am Leben festkrallen. Und meine Hände mit grüner Tinte beflecken.
Mehr Rausgerissenes aus meinem Notizbuch, more to come.
14. November
Vor ein paar Tagen kaufte ich einen Füllfederhalter und dieses Notizbuch. Es gab keinen Grund. Vielleicht kann ich mich mit dieser Feder wieder am Leben festkrallen. Und meine Hände mit grüner Tinte beflecken. So grün wie der Beton im Vorratskeller meiner Großeltern. Die zertretenen Stachelbeeren auf dem Boden vor dem Holzverschlag mit den feuchten Kartoffeln, die mein Großvater aus großen gelben Netzen dort hineinkippt. Ich schmecke die Milch meines Hirns auf der Zunge und sie schmeckt dort noch nicht blutig. Der graue Rockschoß meiner Großmutter. Ihr totes weißes Haar. Die Fäustlinge und die Kieselsteine. Das völlige Ausdemlebensein.
16. November
Manchmal stehe ich im Supermarkt zwischen den Kühlregalen und höre Coltrane. Dabei beobachte ich die Effizienten und die eine flackernde Leuchte hinter dem Seelachsfilet.
17. November, The Flailing Notebook
Alles wiegt ganz leicht in den Ästen, in den Gassen, durch die ich wandere, mit dem Loch in der Sohle meines linken Stiefels, diesem Notizbuch noch in der Manteltasche und dem Geist der Scrience Fiction in der Hand. Seit Wochen plane ich, ein Tagebuch der Kränkungen zu führen. Doch es taugt nur zu diesem Zeilengeschinde, da mir der Anstand fehlt. Der Schriftsteller Adam Levin schrieb einmal in der Paris Review, er nutze Notizbücher nur „when I’m traveling or when I’m flailing“. Er kommentierte damit ein paar Seiten seines Notizbuchs, die in der Review abgedruckt wurden und schrieb weiter: „I sure as hell wasn’t traveling when I wrote this…“ Flailing - wild herumfuchteln, auf etwas eindreschen, in seinem Fall vorzugsweise auf sich selbst - es trifft wohl auch auf die meisten Seiten zu, die ich hier fülle. The Flailing Notebook. That’s what this is.
19. November
Erneute Lektüre der Memoiren von Gabriel Garcia Marquez, beinahe zwanzig Jahre nach dem ersten Mal. Erinnerungen an den Winter 2004 oder 2005, die letzten Seiten des Buches kurz nach Weihnachten. Der Rotwein und mein schäbiges Manuskript unter dem Arm. Ich trug es stolz herum wie Marquez seinen Laubsturm. Die gelben Seiten in der schwarzen Kartonmappe. Der Umschlag auf dem Cafétisch in Frankfurt. Böll in den Hinterhöfen und das ganze Weinen, das ich damals gelassen habe. Die automatischen Absagen des Literaturinstituts jeden Winter und der Instantkaffee auf dem Fensterbrett.
23. November
Am diesseitigen Ende der Nacht rettete er sich als Schädel in den Morgen. Im Träumen noch Skelett, schabte er Knochen um Knochen vom Rumpf und starb in der Dämmerung.
27. November
Als ich vier war brachte mir meine Großmutter das Lesen bei. In einem Winter wie diesem. Die ins Dunkel gefallene Sonne vor dem Fenster. Die beschlagene Scheibe und der Geruch von Mandarinenschalen auf den Heizkörpern. Wir auf dem Sofa, ich auf dem gespannten Wollrock in ihrem grauen Schoß, den Rücken an ihrer Brust. Spielerisch schnippte sie mir mit ihren langen, harten Fingernägeln imaginäre Läuse vom Kopf - wir gaben ihnen Namen, bevor sie sterben mussten. Sie hieß mich vorlesen, was sie auf einem quadratischen Werbenotizblock für mich notierte. Erst Buchstaben, dann ganze Folgen von ihnen. Wald, Laub, Sand, Baum. Holz und Liebe. Ich las ihr vor und sie knipste unsere erfundenen Läuse von meinem Haar in die trockene Heizungsluft. Ihre von der Arbeit des Tages schwarz marmorierten Handflächen und mein Lokomotivführergesicht, wenn sie mir die Tränen mit ihren erdigen Fingern von der Wange wischte. Mandarinen und Nelken und der Bus, der zweimal die Stunde am Fenster vorbeikam. Wald und Sand und Holz und…
31. November
Es ist alles viel. Ein neuer Dezember und das Meiste ist abgefallen. Mein Leben häutet sich und all die Mäntel, die mir die Jahrzehnte überwarfen, werden löchrig und zerfasern im Wind der Winter. Draußen entfernt sich der Wald mit wulstigen Paraden von den Tränensommern. Zurück, zurück zu einer einzelnen Lampe am Fenster, zurückfinden zu den Klängen, die mit mir vibrieren. Die kleine Kirche dieser Seiten ist was mich noch am Leben hält.
14. Dezember
Keine Seiten.
4. Januar
Die Tage sind merkwürdig still, kein rechter Winter mehr, kein Regen, nur die Tinte an den Fingern und den Schläfen. Noch immer keine Tür. Die Milch bleibt stattlich. Zurück zu den einfachen Begebenheiten von Brasch. Die einfachen Sätze entfliehen mir weiterhin. Einfach. Falsch. Simpel vielleicht. Simple Sätze, simple Songs. Ein wiederkehrender Ton, eine sich wiederholende Note, ein fotografischer Schatten, eigentlich eine Silhouette vor einem leuchtenden Fenster. Stenografiertes Schwarz hinter dem Vorhang. Ein langer Gang vor die Hunde, lediglich in Bildern, Strophen, Zeilen und Versen, alles lächerlich aufgewärmt vor Zuschauern, die dir nach dem Leben trachten. Abgebrochene Typen, getaucht in Maschinenöl und haltbar gemacht durch Sätze, die sich nicht ohne Drohung hervorwagen. Meine Absätze sehen aus wie pure Angst. Panik in Lettern. Ein Schwanken, ein Zittern, ein Lehnen und Entlehnen, es ist scheußlich. Ich habe mit meinem Notizbuch auf dem Rücksitz eines Motorrads den lateinamerikanischen Kontinent bereist. War schiffbrüchig mit Langston Hughes. Stempelte mit Kafka den Feierabend. Ich wage es an die Luft. Es fehlt an Nichts. Ein großes Problem, vor allem in den Gedichten - das fehlende Nichts.
7. Januar
Ein enger Waldpfad ohne Lichtungen. Generell das warme Dunkel der Wälder meiner Kindheit.
Gelesen bei Geiger: „Wir waren auf eine fast unzulässige Weise glücklich.“
Bildschirm
Doch es reicht nur für geschundene Zeilen. Bevor sie mich abholen, die küssenden Fährleute in ihren Mänteln. Sie warten. Das Ende einer Erzählung innerhalb eines Traumes von gelbgrünem Blech. Das Unerkannte entspricht mir ja im Grunde. Will jetzt schwimmen. Im Salz. Im Sand. An der Seite eines verstreuten Kapitäns. Die Finger werden taub. Und irgendwie traurig. Exegese der Verse eines Schirmes aus Bildern.
Als es dunkel wird laufe ich durch die Straßen und frier an den Fingern. Unter der Heiterkeit der Planeten und der Jahre die mir ihretwegen nichts verzeihen. Halte mich fest am Saum zwischen den Herden der Vergangenheit und der Feuer. Die mich zurück ins Haus treiben. Tanze mit der Bitterkeit der Fotografien an der Küchenwand. Was soll man sonst bewirken. Außerhalb der Träume von grimmen Männern. Und dem lodernden Gesangsheft zwischen den Brautiganromanen. Erinnerungen poetischer Modelle solipsistischer Zeitreisen. Die Vergangenheit überholt die Skizzen der Erwartung. Und der Boden schwimmt in den labyrinthischen Wassern der Villa Mimosa. Ich bleibe hier. Am Küchentisch. Bis sie mich holen mit ihren Mänteln und der Musik aus den Kellern. Die Tür bleibt verschlossen während ich die Banner der Nacht verschleudere. Und das Fleisch im Spiegel mich zum Erdkern zieht. Dann dein Vers wie ein Tritt auf den Mond durch ein Trommelfell. Der Atem verzögert den Einsatz. Und ich starre in die Augen. Und ich starre in die Fenster. Und ich starre in die Wärme. Der verpassten Vergangenheiten. Mein Urteil ist aus Kupfer und mein Schwur die lichtlose Nacht. Habe den großen Wagen aus Übermut neu getauft. Habe dieses Manuskript den Ratten gewidmet aus Mitleid oder mangelnden Alternativen. Meine Angst ist die Vereidigung der Schatten. Und wieder trittst du in den Saum meines Trommelfels. Bedächtigen Schrittes als wärest du der Mond. Skandierst deine Verse. Lieblich und fatal. Deine Nächte verheißen den Sieg des Zugschreibers. Tilgung des Horizonts. Die kalten Schwerter in den Gärten. Den Spiegel, das Vielleicht des Niemands. Deine Pfeile ein Schiff, das kentern will. Und die trommeln beginnen und der Riss ist Kafkas liebe Wehmut zum Feuer. Die Artefakte sind nachgelassen. Man sieht es an den Gesichtern der Abgewandten. Nach schmutzigen Schlachten beten die Nachbarn die Agonie des Staubes. Und die Verse verstecken sich in den Tüchern. Auf der Leine im Garten meiner Großmutter. Sehe durch sie hindurch. Sehe alles unter Nebel. Sehe Palmen im Rauch. Die Anker am Strand. Den armen Tod. Ein feiges Intervall. Die Titelseiten im Abfall unter Kartoffelschalen. Deine nassen Haare ein Wespennest. Monde, Ziffern, Fiebercollagen wenn - deine Augen den Bildschirm aufspannen über meinen Tränen. Die Kerzen in den Kapellen. Die Krawatte in der Jackentasche. Die blutigen Tintenflecken auf dem Bettlaken. Die verrotzten Socken auf der Autobahn. Die verlegten Platten im Wohnzimmer. Eine Galerie aus Halbrahmen die auf keine Zukunft weisen. Der Magier stempelt aus und hadert mit Bedeutungslosigkeit. Ich wundere mich, ob ich auch ein Engel sein könnte. Doch es reicht nur für geschundene Zeilen. Bevor sie mich abholen, die küssenden Fährleute in ihren Mänteln. Sie warten. Das Ende einer Erzählung innerhalb eines Traumes von gelbgrünem Blech. Das Unerkannte entspricht mir ja im Grunde. Will jetzt schwimmen. Im Salz. Im Sand. An der Seite eines verstreuten Kapitäns. Die Finger werden taub. Und irgendwie traurig. Exegese der Verse eines Schirmes aus Bildern.
STAMBOUL BLUES
Zwei melancholische Spaziergänge durch Istanbul
11. APRIL 2020, 10:12 UHR
Der osmanische Luftfahrtpionier Hezarfen Ahmet Çelebi warf sich vor vierhundert Jahren mit selbstgebauten Holzflügeln (inspiriert von Leonardo da Vinci) vom Galata Turm in Istanbul und gleitete drei Kilometer über den Bosporus bis auf die asiatische Seite zum Dogancılar-Platz. Der Galata Birdman. Vom Sultan Murad IV. wurde er anschließend mit Gold und später mit Verbannung nach Algerien belohnt. Er starb mit 31. Vergangenen Dezember beschloss ich auf dem Dach des Galata Turms, dass ich irgendwann in den nächsten Jahren für ein paar Monate in Istanbul leben will, um zu schreiben. Im Fernsehen heute Bilder vor türkischen Supermärkten, Panik und Schlägereien, weil eine zweitägige Ausgangssperre zwei Stunden vor Ladenschluss über die Radiowellen ging. Die Bilder gefangen in einer Art Nachzeitigkeit. Gerade möchte ich nirgendwo sein. Auch nicht hier.

















































































Die treue deiner laster
Noch vor Wochen die Nächte auf dem Zeltplatz, die mondbeleuchteten Spaziergänge zu den Waschstellen mit dem sich ausbreitenden Netz unter der Laterne, zulaufend dem festrunden Spinnenknopf in seiner Mitte wie das Straßennetz in Paris oder Barcelona und der Minzgeschmack beim Betrachten der Sternbilder über den Baumwipfeln, das feuchte Handtuch über der Schulter und das zitternde Surren des Colaautomaten…
Die Typen kleben aneinander vom Blütenstaub, der durchs Fenster hineinweht seit dem Morgen. Farblose Sonne hinter und durch die Vorhänge, die wärmt und vergisst. Niemand hat es mir gleichgetan, niemand hat den Atem angehalten, als ich es musste. Und es war recht. Unzählige Schrauben an dieser kleinen schweizer Maschine vor mir, die sich mit einem einfachen Schraubenzieher wieder festzurren ließen. Die sich verhaspelnden Buchstaben wieder in Ordnung brächten, die festgeklemmten Spinnenbeine wieder entspannten. Noch vor Wochen die Nächte auf dem Zeltplatz, die mondbeleuchteten Spaziergänge zu den Waschstellen mit dem sich ausbreitenden Netz unter der Laterne, zulaufend dem festrunden Spinnenknopf in seiner Mitte wie das Straßennetz in Paris oder Barcelona und der Minzgeschmack beim Betrachten der Sternbilder über den Baumwipfeln, das feuchte Handtuch über der Schulter und das zitternde Surren des Colaautomaten an dem kleinen Rezeptionshäuschen, das sie in einen alten Straßenbahnwaggon gebaut haben und in dem eine gelbe Lampe die ganze Nacht über angezündet bleibt.
Jetzt und endlich, die losen Schrauben dieses Hermes Babys, die grünen Tasten, der silberne Lack und die wiederbelebten Bücherregale, die Gedichte von Pasolini, die Zettel Arno Schmidts, Hunters Briefe endlich in Griffnähe. Es ist Sonntag und uns ist der Kaffee ausgegangen, aber etwas Brot ist noch da und die gesammelten Werke von Salvador Espriu - Ich schlage eine Seite auf und lese von der Erschöpfung des Traumwanderers, dem Abendrauschen der Weinblätter und fühle alles nicht mehr so sehr, nachdem ich mich den Gefühlen jetzt für beinahe ein ganzes Jahr lehnstreu ausgeliefert habe. Der Nebelwinter, vergangen und schon zur zerstückelten Erinnerung an ein vergangenes Leben geschrumpft. Die warmen Vorhänge des Jetzt, die wieder die meinen sind, zumindest mehr als zu sein scheinen.
Ich habe meinen Rückzug vergessen. Ich habe Briefe aus Nachtzügen erhalten. Ich habe mit dem Wohlwollen verhandelt. Ich habe kein Foto geschossen. Ich habe Buchseiten angelächelt. Ein paar lächelten zurück. Mir wurden keine Versprechen gemacht. Ohnmacht, Tinte und Schnee. Und der letzte Löffel Kaffeepulver an einem warmen Sonntag im Juli, zwischen Friedhöfen und taubstummen Platzanweisern an jeder Kreuzung. Die bestimmte Angst vor Sturzfluten. Der orangene Block, der auf dem Holztisch neben mir liegt, und die Aufschrift trägt: "LIFE - TYPEWRITING PAPER"
Ich habe Löcher in diese Seite getippt. Wenn ich sie gleich aus der Walze ziehe und gegen die Vorhänge halte, wird durch diese Löcher wohl das Licht eindringen. Ganz so wie die Worte, die jetzt behäbig aus dem Schweigen erscheinen. Doch oh, diese grünen Tasten, so weich so wunderbar, und kalt. Absatz nach Absatz vermögen es die Typen dir das schwache Pochen zurück in die tauben Venen zu pressen und du spürst wieder die Verbindungen über die Jahrzehnte, die Treue deiner Laster, und letztlich - der Ausgang des Labyrinths. (bestimmt)
Welche farbe hat die wüste nachts?
Die Stufen zur Bühne sind aus altem Holz und erinnern mich an die roten Planken der Pilar, dem kleinen Fischerboot Hemingways auf Kuba, von dem ein Farbfoto über dem Schreibtisch meiner ersten Studentenwohnung hing.
3. April 2022, New York, Morgen
Die letzten drei Monate waren zu großen Teilen ein Untertauchen, eher leises Mitatmen im Schatten. Mein Körper nahm sich einige weiche Wochen. Im vergangenen Jahr gab es Veränderungen. Letztlich Müdigkeit. Manchmal saß ich an einem kleinen Holzschreibtisch in meiner Kölner Wohnung und versuchte meine Anwesenheit zu spüren. Doch oft fühlte ich mich nur den Räumen der Filme und Bücher zugehörig, die meine Bibliothek sind, der Gedankenort, der mir Heimat bedeutet. Mein Leben ist und wird ab sofort nicht mehr an Orte gebunden sein. Einen Großteil meiner Dinge habe ich hergegeben oder eingelagert. Ich binde mich an den Weg.
Kapitelweiten | 29. März 2022, Über dem atlantischen Ozean
Bei manchen Büchern
muss es zur Arbeit
des Lesens gehören
sie kapitelweit durch
die Straßen zu tragen
ihr Gewicht in Worte
schmerzhaft aufzuwiegen
sie sollten dauernd lasten
auf den Schultern sollten
den Unterschied lehren
zwischen Last und Hindernis
man sollte den Weg
der Iris über die Zeilen
in Schritten abwandern
die Absätze begehen und
jede Seite mit eitlem
Sprung verlassen.
29. März 2022, Notate aus “Mörderische Huren” von Roberto Bolaño
Im Flugzeug von Frankfurt zum JFK habe ich fast die komplette Kurzgeschichtensammlung “Mörderische Huren” von Bolaño gelesen. Eine kleine Reise in meine eigene Vergangenheit. Bolaño erzeugt mit wenigen Absätzen immer wieder das gleiche Gefühl bei mir, das ich so an seinen Büchern geliebt habe. Einige Abschnitte habe ich mir herausgeschrieben und eine kleine Auswahl davon will ich hier mit Euch teilen:
— Welche Farbe hat die Wüste nachts?, hatte ich mich vor Tagen im Motel gefragt. Es war eine rhetorische und dumme Frage, in die ich meine Zukunft mit einschloss, oder vielleicht nicht meine Zukunft, sondern meine Fähigkeit, den Schmerz zu ertragen, den ich empfand. (S. 28)
— Eines Morgens beim Frühstück fragte mich die Direktorin nach der Farbe meiner Augen. Sie sind so, weil ich wenig schlafe, sagte ich. (S. 27)
— Dann trat ich ans Fenster. Auf dem Parkplatz des Motels stand noch immer ihr Wagen. Ich öffnete die Tür und ein Windstoß aus der Wüste traf mich voll im Gesicht. Das Auto war leer. Ein Stück weiter weg, an der Straße, sah ich die Direktorin mit ein wenig erhobenen Armen, als spräche sie mit der Luft oder als rezitiere sie oder als wäre sie wieder ein kleines Mädchen, das Statue spielte. (S. 34)
— Er liest die surrealistischen Dichter und versteht kein Wort. Ein friedlicher, einsamer Mann an der Schwelle des Todes. Bilder, Wunden. Das ist alles, was er sieht. Und tatsächlich verlieren sich die Bilder nach und nach wie die untergehende Sonne, und nur die Wunden bleiben übrig. (S. 48)
— Brion Gysin war der Freund von Burroughs, der ihn auf die Idee der Cut-Ups brachte. (S. 78)
— Unausgezogen, einen Roman lesend, als wäre er in der Sprache eines fremden Planeten verfasst, schläft B ein. (S. 90)
— Das Band der Freundschaft entspann sich wie die Pest. (S. 97)
— Die unmögliche Landschaft und der unmögliche Körper. (S. 103)
— Im Rahmen des Möglichen bin ich ein normaler Mensch. (S. 107)
— …ich steuere das Motorrad mit sicherer Hand und drehe das Gas voll auf, die Gran Avenida ist um diese Zeit fast menschenleer, außer den Leuten, die aus dem Stadion kommen, und du hinter mir umfasst meine Taille. Ich spüre deinen Körper am Rücken, der sich anschmiegt wie eine Molluske am Fels, die Luft der Avenida ist um diese Zeit wirklich so kalt und geballt wie die Wellen, die auf die Molluske einstürmen, du schmiegst dich an mich, Max, mit der Selbstverständlichkeit dessen, der ahnt, dass das Meer nicht nur ein feindliches Element ist, sondern ein Zeittunnel, du umschlingst meine Taille wie zuvor das T-Shirt deinen Hals, aber die Conga tanzt jetzt die Luft, die wie ein Sturzbach in das von der Straße gebildete, gestrichelte Rohr einschießt, und du lachst oder sagst etwas, vielleicht hast du unter dem Mantel der Bäume, der die dahinziehenden Passanten beschirmt, irgendwelche Freunde entdeckt, vielleicht beleidigst du nur irgend welche Unbekannten, ach, Max, du sagst nicht tschüss, nicht hallo, nicht bis bald, du rufst Parolen, die älter sind als das Blut, aber sicher nicht älter als der Fels, an den du dich klammerst, glücklich, die Wellen zu spüren, die unterseeischen Strömungen der Nacht, und das sichere Gefühl, nicht von ihnen fortgerissen zu werden. (S. 116)
Blutbühne | 1. April 2022, Morgen
Dieser Tage entfallen mir die Träume schon beim Öffnen der Augen. Einen der wenigen, die geblieben sind, träumte ich gestern in meinem New Yorker Hotelzimmer: endlose Gänge in den Katakomben eines Theaters, rechts und links streifen mich halbgeschminkte Menschen in Unterwäsche oder schweren Stoffen. Alle sind mit sich beschäftigt, ich bin mit allen beschäftigt, sehe mich nur kurz in einem der Glühbirnenspiegel, untersetzt, eine braune Hose, Unterhemd, barfuss. Die schwach beleuchteten Gänge führen abwärts und gabeln sich, kreuzen sich, verlieren sich, enden in verschlossenen grünen Türen, so dass ich oft umkehren und neue Abzweigungen wählen muss. Die Menschen, die mir entgegenkommen, tun dies seltener, je tiefer ich mich in die Theatertunnel verlaufe.
An den Wänden hängen Fotos von alten Aufführungen, doch die Gesichter der Schauspieler wurden mit Bleistift überzeichnet, nur ihre Körper leuchten im Fresnellicht. Mit der Tiefe kommt die Stille und etwas später, leise und drohend, das Murmeln der Menschen im Zuschauerraum. Ich erreiche den Bühnenaufgang. Der Vorhang ist aus blauem Samt und redlich verschlossen. Das Rauschen auf den Rängen verstummt. Ich bin allein. Die Schauspieler, denen ich auf den Gängen begegnet bin, bleiben abwesend. Die Stufen zur Bühne sind aus altem Holz und erinnern mich an die roten Planken der Pilar, dem kleinen Fischerboot Hemingways auf Kuba, von dem ein Farbfoto über dem Schreibtisch meiner ersten Studentenwohnung hing.
Nach einiger Zeit wird mir bewusst, dass ich es bin, den man auf der Bühne erwartet. Ich steige die Holzstufen hinauf und schreite den Samtvorhang entlang, berühre mit der linken Hand den Stoff und halte an einer grünen Markierung, die jemand auf die Bühnenbretter geklebt hat. Ich stehe mit dem Gesicht in Richtung Zuschauer, die vielleicht hinter dem Vorhang warten. Ein Blick nach oben beweist mir, dass das Theater keine Decke hat, der Vorhang scheint bis in den Himmel zu reichen, auch ein Blick nach rechts und nach links offenbart die Endlosigkeit des blauen Stoffes. Alle Erwartung der Dinge hinter dem Vorhang verschwimmt zur Lethargie. Der Vorhang öffnet sich nicht. Ich versuche mit leisen Rufen jemanden hinter der Bühne zum Öffnen des Vorhangs zu gewinnen. Niemand antwortet. Die Zeit verrinnt und das Publikum bleibt stumm. Das Warten dehnt sich aus, breitet sich über meine Nacht aus und der Vorhang bleibt verschlossen. Er öffnet sich nicht. Dann wache ich auf.
Die Jahre der erhabenen Melancholie
Die Atmosphäre faltete sich an diesem Tag zu einem dämmrigen Vakuum und ich allein glättete seine Kanten. Es hatte sich ein Raum eröffnet, in dem ich sein wollte. In diesem Augenblick begann für mich vielleicht das, was ich im Rückblick meine „Jahre der erhabenen Melancholie“ nennen könnte.
Die unbeschwerten Jahre meiner Melancholie rochen nach Pisse und schwarzem Gold. So nannten die Bewohner der Nordseeinsel, auf der ich als Kind einmal für ein Jahr gelebt habe, den Schlick, der in meiner kindlichen Vorstellung fähig war, alles und jeden vollständig in sich aufzunehmen und zu verschlucken. Als ich einige Zeit später auf eine Nachbarinsel dieses meines Kindheitsortes zurückkehrte, stand ich mit nackten Füßen am verregneten Strand und blickte durch den Nebel über das Meer auf die entfernten Ufer meiner Vergangenheit. Zwischen mir und diesem Ort lagen etwa 2 Kilometer und 5 Jahre, in denen meine Haare ihre Farbe von strohblond zu braun gewechselt hatten. Jetzt war ich dort mit meiner Grundschulklasse. Wir hatten den ganzen Tag am Strand auf Sand gebaut, als eine der mitgereisten Lehrerinnen sich mir plötzlich von der Seite näherte. „Du hast dort mal gewohnt, oder?“, fragte sie. “Ja”, antwortete ich, “ist schon ein bisschen her”. „Das muss eine schöne Erinnerung für dich sein!“ Sie legte mir die Hand auf die Schulter, streifte mir die Kapuze meiner Regenjacke über meinen Kopf und ging zurück zu den anderen Kindern. Ich war neun Jahre alt. Und vielleicht begann alles dort, an diesem Strand, im Regen unter einem salzigen Himmel. Meine Erinnerungen an die unbeschwerten Kindheitstage auf dieser Insel, die man nun nur noch im Nebel erahnen konnte, legten sich durch die Worte meiner Lehrerin wie eine herausgerissene Seite meines Tagebuchs um meine Schultern. Meine Innenwelt wurde mit einem warmen, weichen Schmerz übergossen, der neben unlauterem Stolz auch die wilde Vergeblichkeit der vergangenen Zeit in sich trug. Anhaltend und ungehalten aufgestellte Haare bevölkerten meine gepunktete Haut, als flüstere jemand ganz nah an meinem Ohr dunkle Mantras des Konservierens in meine Welt, während meine nackten Füße von schwarzem, feuchtem Sand umspült wurden. Herztöne, die streichenden Wellen, rauschendes Blut, Suchtbeschleunigung durch den ersten Hit vom Meeresboden. Ich konnte plötzlich meine Füße nicht mehr aus dem Sand heben. Wehmutgischt auf meinen Nackenhaaren, es tat so weh, so gut, so scheußlich gut. Die aufgewellten Bilder begannen zu stranden, ich musste sie nur aufheben, nein, mich hineinstürzen in all das Unwiederbringliche. Der Regen wurde stärker, die anderen Kinder begannen, sich in Strandkörben zu verstecken und ich zog die Kapuze zurück in den Nacken, ließ den Nebel in meine Augen, ließ den Regen in meinen Kopf, ich war süchtig, süchtig nach Trübnis, nach sinnlosem, selbstbeschworenem Elend. Doch das war mir dort noch nicht bewusst. Damals war es nur das wohlige innere Brummen im Brustkorb, das man verspürt, wenn man bestimmte Menschen im Fernseher sprechen hört oder sich wirklich einmal einer Sünde ausliefert. Die Atmosphäre faltete sich an diesem Tag zu einem dämmrigen Vakuum und ich allein glättete seine Kanten. Es hatte sich ein Raum eröffnet, in dem ich sein wollte. In diesem Augenblick begann für mich vielleicht das, was man im Rückblick meine Jahre der erhabenen Melancholie nennen könnte. Erhaben, unschuldig.
Meine Füße verkrampften im Sand, ich konnte mich nicht herausnehmen aus diesem Gefühl. Eine Stunde verging, zwei. Die anderen Kinder waren mit den Lehrern wieder zur Herberge gelaufen. Doch ich befürchtete, meine Augen niemals von der entfernten Insel lösen zu können, so lange das Meer immer wieder neue Wellen auf mich warf. Das Rauschen würde nie aufhören und ich würde es mir niemals verzeihen können, auch nur einen dieser Bilderbrüche zu versäumen. Die Dämmerung zeichnete sich ab und die ersten Lichter leuchteten im Hafen auf. Der Strand war immer noch voll mit Wanderern, Flaneuren und Kurgästen. Schon eine Stunde zuvor hatte ich den Drang gespürt, bald pinkeln zu müssen, nun war der Drang zur Not geworden, doch meine damals schon ausgeprägte Scham verbot es mir, mich einfach am Strand oder in den Dünen zu erleichtern, wo mich jemand hätte sehen können. Ich wollte mich immer noch nicht von diesen neu entdeckten Gefühlen losreißen, doch irgendwann musste ich vor meinem Körper kapitulieren und versuchte, möglichst schnell und gleichzeitig unauffällig zurück zur Herberge zu laufen. Das alte, heruntergekommene Haus war auf einem kleinen Hügel gelegen und ein schmaler gepflasterter Weg führte von den Dünen hinauf zum Eingang. Es gibt das Haus heute noch und es heißt Sturmblick.
Ich verkrampfte meinen Körper und versuchte, mit aller Macht diesen Eingang zu erreichen, doch mein Körper versagte mir. Auf dem Weg standen überall Mitschüler, lehnten an den Holzgeländern und redeten und lachten und schrien. Zwanzig Meter vor dem Eingang hielt ich es nicht mehr aus. Ich lehnte mich an ein Geländer, in Sichtweite der anderen Kinder und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Die Pisse tränkte meine Unterhose und lief an meinen Innenschenkeln herab, warm, dann schnell eiskalt, irgendwann lief es aus meiner Trainingshose in und über meine Schuhe und es bildete sich ein kleines Rinnsal, das den Weg hinablief. Ich betete, dass die anderen jetzt nicht den Hang hinaufkämen. Irgendwann lief ich mit eingenässten Hosen um das Gebäude und schlich mich in die Waschküche. Meine Sneaker schmatzten bei jedem Schritt vor Pisse und Sand. Dort zog ich mich aus und wusch in einem großen Industriebecken mit einem Stück Kernseife meine Hosen und Schuhe. Ich versuchte, keine Geräusche zu machen beim Auswringen und fand in einer kleinen Kammer, in der sie das Waschmittel und die Ersatzbettwäsche gelagert hatten, eine kleine Heizung, über die ich die Hosen legen konnte. Ich drehte sie voll auf und nahm ein Handtuch aus dem Regal, das ich davor platzierte, um mit meinem nackten Arsch nicht auf den kalten blauen Fliesen sitzen zu müssen. Die Heizung wärmte meinen Rücken. Ich hatte das Licht ausgemacht, um nach außen unsichtbar zu bleiben, saß für eine Stunde mit einem Lächeln in der pechschwarzen Abstellkammer der Jugendherberge und hing meinen trüben Träumereien nach. Es roch noch immer nach Pisse. Die Melancholie meiner Kindheit roch nach Pisse und Schlick.
Im vergangenen Jahr sah ich in einem Berliner Kino Pedro Almodóvars Film „Leid und Herrlichkeit“ darin gibt es eine Stelle, in der die Hauptfigur über das Kino seiner Kindheit schreibt. Bei dieser Stelle habe ich mich zu ersten Mal seit Jahrzehnten an diesen Moment am Strand meiner eigenen Kindheit zurückerinnern müssen und den obenstehenden Text abends an der Hotelbar in mein Notizbuch geschrieben. Die Stelle im Film ging so:
"Meine Vorstellung von Kino war mal mit dem lauen Wind der Sommernächte verbunden. Kino gab es nur im Sommer. Die Filme wurden auf eine riesige Mauer projiziert, die man weiß getüncht hatte. Besonders gut erinnere ich mich an Filme, in denen Wasser vorkam, Wasserfälle, Meeresstrände, der Grund des Meeres, Flüsse oder Quellen. Nur weil wir das Rauschen des Wassers hörten, hatten wir Kinder einen unglaublichen Drang zu pinkeln. Das erledigten wir an Ort und Stelle, links und rechts von der Leinwand. Im Kino meiner Kindheit roch es immer nach Pisse und nach Jasmin und nach Sommerwind."
- Pedro Almodóvar, Leid und Herrlichkeit
Das Theater der Häute
Endlose Nahaufnahme. Ich habe die Welt verlassen, begehe Gedichte. Das Romanhafte ist lachhaft unglaubwürdig.
1. Januar 2022, Abend
Endlose Nahaufnahme. Ich habe die Welt verlassen, begehe Gedichte. Das Romanhafte ist lachhaft unglaubwürdig.
2. Januar, Nachmittag
Ausstellungsbesuch Maria Lassnig im Käthe-Kollwitz-Haus. Eine Ecke mit ausgelegten Texten in kleinen Broschüren. Darin in etwa der Satz oder Aufruf: „Kommt der Veränderung zuvor, die die Zeit mit uns vorhat.“ Der Gedanke an die vergangenen Monate und das Gefühl, Nachhang oder Nachtrag der eigenen Biografie gewesen zu sein.
Am Morgen Besuch der Messe im Dom, die Beuys-Türen und die Bitte an mich, als Mann, doch den Hut abzusetzen. Der Sorrentino-Chor hinter den grauen Pfeilern, nur zu hören, nicht zu sehen. Näherungen an jenes höhere Wesen. Frühstück im Funkhaus. Erinnerung an 2007, als ich die gesammelten Tonaufnahmen von Heinrich Böll habe mitgehen lassen (30 CDs) und seine Stimme über Monate in meinem Wohnzimmer laufen ließ, mein rheinischer Mitbewohner. Seine Texte blieben mir fern, auch das irische Tagebuch, doch seine unbeteiligte, monotone Stimme rettete mich in Zeiten der unerhörten Stille.
2. Januar, Nacht
Zumindest zurück bei diesem Notizbuch, was nicht mehr zu erwarten war. Fülle in den letzten Wochen jeden Tag ein paar Seiten und drücke mich vor der Welt. Für einige Stunden ist das Geräusch meines Bleistifts auf dem Papier wenigstens von ähnlicher Lautstärke wie die Gedanken in meinem Bruchschädel. Manchmal Vorfreude auf den Tag nach der Nacht. Das Ende der Endlosigkeit. Die Nächte gehen ohne Naht über in bauchige Morgen, die sich über den Nachmittag ausgießen. Ich betrinke mich an der Zeit, die nicht zur Verfügung steht und die gerade deshalb so besoffen macht. Morgen werde ich zu diesen Seiten zurückkehren. Die Tinte ist warm.
Das Theater der Häute | 4. Januar, Morgen
Der Rückstand auf die Utopien verringert sich kurzläufig. Die Spitze des linken Schuhs dolcht Schritt um Schritt vorwärts, der Körper seitlich im Wind, gleichsam die nachgezogene Innenseite des rechten Schuhs, die Sichel um Sichel den Abgrund abtastend unterschwingt, entsetzliche Bewegung einer an der Mitte des Rumpfes zerteilten Raupe. Der Taghimmel Nacht und die Gesichter im Kohleflimmern der mondverhangenen Sonne. Alles schwebt.
Ein einzelnes Haar von Dir verfängt sich an der Spitze meines Federhalters und schiebt die Tinte der nassen Sätze wie eine perlschwarze Decke über diese Seite. Dahinter ein Theater, ein Vorhang aus Knochen, eine blutende Bühne und zum Trocknen aufgehangene Nervenenden über einem Holzstuhl. Jemand hat jemanden gehäutet und über die Samtränge verteilt. In der Loge singt eine einsame Mutter die unsichtbaren Kapitel des Paradiso von Lima. Im Grunde bleibe ich weltenlos.
7. Januar, Nacht
Jede Zeile und jeder Absatz eine faule Errungenschaft. Im Moment, da ich das letzte Wort aufs Papier bringe, fühlt es sich gleichsam an, als wolle ich die Seiten nur mit schlechten Argumenten überzeugen, meine Tinte nicht aus Abscheu wieder abtropfen zu lassen.
Splitter | 10. Januar, Abend
Du sagtest, du wollest
in meine Iris steigen,
mir den Splitter klauen,
das Blau eimerweise abtragen
und damit das Haus anstreichen
in dem du schreiben willst
Zapfen für Zapfen
wollest du das blasse
Blau herausbrechen
und mein Azur ernten
Bis mir die Welt grau
durch die Pillen sticht
und wir zu zweit
in den Blaudrucken
ersaufen
Dass du Diebin bist
gefiel mir als Erstes
an dir.
Gelbtrauernacht
Vor einem Jahr fand ich eine Ausgabe mit Braschs Gedichten in einer Berliner Buchhandlung. Ich las den großen Band in zwei Nächten und seitdem lässt mich dieser Mann nicht mehr wirklich los.
Gestern bei der Thalbach im Babylon. Die Letzten, die den Saal betraten, bevor die Türen hinter uns schlossen und plötzlich diese Stimme. Katharina direkt neben uns zwischen den grünen Vorhängen. Das Gesicht hinter den großen Brillenrändern, die dünnen grauen Haare und ihre weichen Hände, die den Stapel Braschseiten umschlossen, aus denen sie später lesen würde. "Du winkst, wenn ich hoch soll, wa?"
Vor einem Jahr fand ich eine Ausgabe mit Braschs Gedichten in einer Berliner Buchhandlung. Ich las den großen Band in zwei Nächten und seitdem lässt mich dieser Mann nicht mehr wirklich los, was auch an Filmen und Veranstaltungen zu seinem zwanzigsten Todestag liegt. Während der ersten Stunde des Abends versunken im Schatten neben der Bühne, dazu die Trompeten der bolschewistischen Kapelle schwarz-rot. Bella Ciao der blausamtenen Kinosessel, Fotos von Brasch auf einem Projektor, meterhoch, schwarz-weiß, seine großen Wasseraugen. Ein Abend für Thomas Brasch, ein Abend ohne Thomas Brasch. Dann die Lesung von Thalbach, die in den Siebzigern mit Brasch nach Westberlin zog, nachdem es beiden unmöglich geworden war künstlerisch tätig zu bleiben in ihrer Heimat. Sie liest Lieblingstexte, Apoll, der Marsyas Mythos, die Häutung, das Blut unter dem Pflaster. Dann Beschreibung der Wohnung in der heutigen Torstr. 68, die Manuskriptseiten von Lovely Rita (damals noch Katharina) and den Wänden, schwarz und rot getippt, ihr gespielte Echauffiertheit, dass das ja alle lesen konnten über sie in seiner Wohnung und auch Argwohn, dass es nun doch einen anderen Titel trägt. Sie liest es vor als "Lovely Katharina", wirkt gelöst, erzählt von viel Liebe und viel Streit. Liest letztlich noch herauskopierte Seiten aus einem Notizbuch ihrer Tochter Anna, eine Geschichte über Marilyn, die Brasch für seine Stieftochter geschrieben hatte. Marilyn, die Wehmut, die Gelbtrauer. Dritte Stelle, an der ich weine.
Danach Braschs Film "Engel aus Eisen". Provisorische Leinwand, Gladows Schauspieler seltsam nah, alle Gesichter des Films trotzdem seltsam entrückt, Risse auf den Wangen und in der Erzählzeit. Der Zerfall, der Riss, das Abebben, das Verzetteln, sich nicht verlieren, sich nur plötzlich nicht mehr wiederfinden. Die Angst vor den Spiegeln. Das Loslassen im Voranschreiten, ein Bedürfnis nach Heil. Das wunde Schaben an der Wahrnehmung. Wege, die sich trennen und wieder zueinander führen, sich bedingen, sich voranwerfen und sich wieder und wieder abhanden kommen. Nach der Vorstellung trunken durch die Straßen, stehen vor seiner alten Wohnung, die Lichter sind aus und wir sprechen über Koordinatensysteme und Unendlichkeit. Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.
Die Hermes Baby Rooftop Bar
Einmal sitzt Thomas Kling mit seinem Wespennest auf dem Kopf an meinem Küchentisch und drückt seine Zunge in warmen Raki. Das Nest ist feucht und verharzt, er nimmt es nicht ab, seit er ins Land gekommen ist und ich kann ihn deswegen nicht ansehen.
Nach langer Zeit ein Traum. Ich lebe in einem Ausland. Die Sonne scheint oft und die Menschen auf den Straßen tragen Gewänder. In meinem Zimmer auf dem Dach eines über einen Fluß gebauten Apartmenthauses gibt es keine Heizung, aber fließendes Wasser. Ich lebe dort mit dem einzigen Ziel, etwas zu schreiben, das mir beweist, nicht völlig wertlos zu sein. Im Hause gibt noch andere Künstler, Musiker und Schriftsteller vorwiegend. Patti Smith, Thomas Kling, Lucia Berlin, mehr. Statt zu schreiben, empfange ich ausschließlich die anderen in meiner Wohnung und serviere ihnen starke Getränke. Patti kommt mit Jean Genet, um ihm meine Wohnung zu zeigen, sie war tags zuvor an einem Royal Hawaiian festgeklebt und hatte gedroht, jeden Tag wiederzukommen. Sie reden nicht und nippen andächtig an ihrem Drink. Jean steckt ab und zu seinen Zeigefinger in die gelbe Flüssigkeit und zeichnet damit ein feuchtes Kreuz auf Pattis Stirn. Einmal sitzt Thomas Kling mit seinem Wespennest auf dem Kopf an meinem Küchentisch und drückt seine Zunge in warmen Raki. Das Nest ist feucht und verharzt, er nimmt es nicht ab, seit er ins Land gekommen ist und ich kann ihn deswegen nicht ansehen. Berlin trinkt Bourbon und arbeitet die Seiten durch, die sie am Morgen geschrieben hat. Sie liegt auf meinem Bett, die Schulter an der Wand, die Beine unter ihrem Rock übereinander geschlagen, so dass ihre Knie aussehen wie ein mäandernder Rochen. Der Traum ist eine Schleife. An jedem Morgen setze ich mich an die Hermes Baby, die ich mit ins Land geschleppt habe, und warte auf die Bilder. Bis es klopft.
Im Auftrag der Kosmokraten
Fünftausend Kilometer, die Kamera auf dem Sitz neben mir, das Atlan-Groschenheft auf dem Amaturenbrett und die Sterntagebücher von Lem aus den Lautsprechern. War wieder allein in diesem Sommer, zurückgeworfen auf den Klamottenhaufen meiner Talsohlenwanderei, auf die Nachwehen der Verzettelungen einiger Frühlingsmonate.
Ich habe es verpasst. Der Sommer ist vorbei. Und ich habe den Moment verpasst, an dem es sich wie Sommer anfühlte. Eine Sekunde im Sonnenlicht auf dem Balkon und in der nächsten schon vom Schnappschuss in die Langzeitbelichtung gelöst, die Bäume, das Licht der Laternen, Flecken zu Linien, die angestrahlten Fratzen vor meinem Beifahrerfenster und dann der Sommerregen wie ein letzter Vorhang an den östlichen Grenzen unserer Welt. Fünftausend Kilometer, die Kamera auf dem Sitz neben mir, das Atlan-Groschenheft auf dem Amaturenbrett und die Sterntagebücher von Lem aus den Lautsprechern. War wieder allein in diesem Sommer, zurückgeworfen auf den Klamottenhaufen meiner Talsohlenwanderei, auf die Nachwehen der Verzettelungen einiger Frühlingsmonate. Gleichzeitig verbrecherische Zuversicht, dieses mühsam erschaffene Leben, das mir doch entspricht, mit all seiner schlaflosen Fragilität, grazil und auf Sand gebaut.
Es gibt jetzt wieder Tage, an denen ich verschwinde. Nur verschwinde. Ich schreibe niemandem. Niemand schreibt mir. Bis sogar das dauerhafte, unablässige Selbstgespräch versiegt, das mich durch den Kosmos rührt. Bleibe zurück mit diesem Körper, dem Regen auf meinem Gesicht, keine Erinnerungen, kein Ausblick, gleichsam Abschluss und Beginn von etwas, das ich wohl bin, nie war und vielleicht niemals sein werde.
Dann von Berlin nach Polen, fast in der Nacht, die Autobahn weich und grau, das Meer voller Möwen und die Brandung in meinen Stiefeln und später die Markthalle von Breslau und das Netz Orangen und die polnischen Briefmarken für die elenden Hotelbriefe, die ich niemals einwarf, in die Berge nach Tschechien und das letzte Farbfoto in einem Hinterhof, ein Tisch, ein Messer mit einem Holzgriff, eine Schale Pflaumenkerne und schimmelndes Fruchtfleisch, ein Hund, dem ein Auge fehlt, all das auf dem letzten Farbfoto, doch weiß ich es nicht, habe ich doch noch keines der Bilder angeschaut, seitdem ich wieder hier sitze, an diesem Tisch, jeden Abend, jeden Morgen, der peruanische Pfefferbaum vor dem Fenster und seine Tentakeln im Herbstwind wie ausgeworfene Angeln.
Meine Kamera, dieser Röntgenapparat der Vergänglichkeit. Das Alte, Verwelkte, das ewig Gestrige, das Vergessene und das Versehrte zieht meinen Blick durch den Sucher. Auch auf dieser Reise, versteckt hinter Bauvorhaben, einem stolpernden Europa, blutleeren Gassen und Plakatwänden. Die bunten Panzerwagen der Phantasielosen, geleastes Rängegeschacher. Das Versehrte stirbt aus, wird renoviert und meistbietend verteilt. Der Blick aus den Hotelfenstern, die Neonreklamen und der Krebs in den Kneipen an der Rzeznicza, kostenloser Kaffee aus der Lobby und das Brummen der leuchtenden Hotelbuchstaben im Breslauer Nachthimmel. Dabei anhaltender Respekt vor dem Wahnsinn. Und sein Sog. Gerade beim Verfassen dieser Bekennerschreiben. Thomas Brasch vor mir, sein Spiegelbild, der graue Anzug ohne Hemd darunter, sich selbst im Spiegel filmend mit dem alten Camcorder, die wilden Lippenstiftmanifeste auf dem Glas. Die Krankenhausjournale der Ingeborg Bachmann, die niemals hätten veröffentlicht werden dürfen und die mir immer noch Angst machen in meiner Hand. Und jetzt? Die Wirklichkeit und ihre Gesichter, seltsam in Cellophan gehüllt. Irgendwann findet jemand unsere Erinnerungen in Plastiksäcken auf einem Dachboden und wird damit einfach nichts anfangen können.
Wroclaw. Vier Uhr in der Nacht. Ich beginne ein Gedicht auf dem Briefpapier des Hotels, das mit den Zeilen beginnt: "Nur die Wunde ist Leben, alle Narben sind Ohnmacht." Dann fällt mir nichts mehr ein. Ich lösche das Licht und schlafe ein, bei offenem Fenster. Morgen fahre ich weiter.
Aufzeichnungen aus dem Spätsommer 2021
Rausgerissenes
Gerüche, das Licht, der Auslöser, die tiefen Augen, die Haut, Haarsträhnen, alles ist Plattenhören im Pastisrausch, Knistern und Wellen auf den Innenseiten meiner Augenlider.
17. Juli 2020, 17:20 Uhr
Ich habe vergessen, wie es aussieht, wenn sich jemand zum ersten Mal eines meiner Bilder ansieht. Ich habe eine sehr abgewandte Haltung zu ihnen bekommen. Sie existieren neben mir. Wie ein Schatten, nicht wie ein Spiegelbild. Richard Brautigan schrieb in seinem Vorwort zu „Die Pille gegen das Grubenunglück von Spring Hill“: „Ich schreibe die Bücher bloß, ich bin nicht der Hüter ihrer Seiten. Ich kann mich doch nicht ewig um sie kümmern. Das wäre ja glatter Unsinn.“ Ich wünschte es wäre kein Unsinn. Ich suche die Nähe meiner Arbeit hier und da, doch immer scheint sie mir entglitten, die Berührung verflüchtigt, der Moment vergessen und aufgelöst. Beim Schreiben ist es anders. In meinen alten Notizheften vermag ich in mancher Seite noch einen Funken zu finden, der mich mit meinem damaligen Sentiment verbindet. Mit den Fotos ist es eins geworden. Gerüche, das Licht, der Auslöser, die tiefen Augen, die Haut, Haarsträhnen, alles ist Plattenhören im Pastisrausch, Knistern und Wellen auf den Innenseiten meiner Augenlider. Vielleicht liegt es daran, dass mir die Geschichten abhanden gekommen sind, alles nicht mehr Teil einer Erzählung war ab einem bestimmten Punkt, das Ende des Romans und der Beginn eines niemals endenden Kurzgeschichtenbandes. Manchmal, da sehe ich Menschen meine Fotos betrachten, vielleicht bedeuten sie ihnen irgendwas, sie schauen sie an wie das Foto eines Geliebten, manchmal. Sie sind, und waren, immer meine Realität, auch wenn sie mit ihrer nichts zu tun hatten. Und jetzt sitze ich in diesem Café und trinke Cola und verliere mit jeder Sekunde eine Erinnerung an die Sanduhr meiner Unsicherheit.
17. Juli 2020, 18:30 Uhr
Doch lasst mich, das hier ist kein Manifest des Trübsals, das bin immer noch ich, die Antenne im Wind, den Empfänger aufs Radiomeer, verblühend und 36, und sehe die Farben vor mir, nicht im Rücken. Und die Cola ist zu Wein geworden und die Sandkörner fallen schneller, und doch weicher an diesem Nachmittag, an dem ich wieder an allen Orten gleichzeitig bin, doch nirgends wirklich.
21. Juli 2020, 12:40 Uhr
Vor ein paar Wochen ist mir eine ganze Patrone orangener Tinte ausgelaufen in meiner Ledertasche. In der Sonne neben meinem Tisch sieht der getrocknete Fleck aus wie die Silhouette eines totgefahrenen Hüttensängers.
21. Juli 2020, 13:30 Uhr
Alles hier wirkt französisch. Nichts ist es.
22. Juli 2020, 18:39 Uhr
Sie trägt eine Zeitung unter dem Arm und geht in ein Café. Wer macht sowas noch?
4 Minuten später…
Ich trage seit Wochen ein Notizbuch mit mir herum und habe noch nicht eine Seite beschrieben. Es ist sehr schwer. Obwohl es nur Papier ist.
25. Juli 2020, 8:42 Uhr
Von einer Frau geträumt, die in Leinenkleidern lebt und Blüten als Lesezeichen nimmt. Wenn sie mit einem Buch fertig ist, ist die Blüte getrocknet. Sie lässt sie auf der letzten Seite zurück und stellt das Buch in ihr Regal. Ihre Bibliothek - ein unsichtbarer Garten.
Analphabet und glücklicher Mensch
Niemand wartet auf dich. In tiefer Nacht sind es sogar noch weniger. Ich musste eine Reihe meines Bücherregals leerräumen, um diese Zeilen hier im Stehen tippen zu können. Mein Rücken zerfällt langsam auf meinem Stuhl. Zu meinen Füßen liegen unzählige bedruckte Papiere.
11. Mai 2020, 3:22 UHR
Niemand wartet auf dich. In tiefer Nacht sind es sogar noch weniger. Ich musste eine Reihe meines Bücherregals leerräumen, um diese Zeilen hier im Stehen tippen zu können. Mein Rücken zerfällt langsam auf meinem Stuhl. Zu meinen Füßen liegen unzählige bedruckte Papiere. Matt, glänzend, einige wie Zeitungspapier, einige wie 60er Jahre Tapete. Ich wollte in der letzten Woche anfangen, meine Bilder als Drucke zu verkaufen. Zuerst hatte ich vor, sie bei einem Dienstleister zu bestellen. Doch nach einigem Hin und Her musste ich mir eingestehen, dass das bei mir Kontrollfreak ein Albtraum werden würde. Also baute ich mir von meinen letzten Mücken ein kleines digitales Labor in meine Eulenfarm und verbrachte die letzten Tage mit der Suche nach Papieren. Und oh, boy. Als Papierfetischist eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Zu den ganzen Papieren, die ich probiert habe, werde ich zu gegebener Zeit noch schreiben. Gestern Nachmittag bin ich mit der Einrichtung und den Testdrucken gestartet. Jetzt ist es fast 4 Uhr in der Nacht und in den Stunden nach Mitternacht begannen die Drucke so auszusehen, wie ich es mir gewünscht habe. Die letzte halbe Stunde saß ich hier auf dem Teppich und habe einfach nur das Papier angefasst. Gleichzeitig lief „I could hear the water at the edge of all things“ von Hammock über meine Marshalls und der Titel fasst ganz gut zusammen, was ich jetzt fühle. Ich bin das einzige leuchtende Fenster in dieser Nachtstadt. Nur der Fluss ist mit mir wach geblieben und er wird mich überleben.
12. Mai 2020, 17:44 Uhr
Ein Traum der kurzen Nacht: auf der Suche nach Polaroids mit blauem Rand für einen Bildband mit dem Titel „Blue Summer“ lande ich in einer stillgelegten Schule. Dort warten zwei ältere Damen auf mich in arabischen Nachtgewändern und überreichen mir einen sandigen Umschlag, in dem ich eine Adresse am Rand der Stadt finde. Schnitt. Dort öffnet ein runzeliger Mann die Tür, den ich aus meiner Kindheit erkenne, in meiner Erinnerung lebte er immer in einer Litfaßsäule wie in einem städtischen Leuchtturm, abgeschlossen von der Gesellschaft. Jetzt ist sein Haus ein Anwesen mit einem großen Weingarten. Und wir gehen durch die verwinkelten Räume, die vollgestellt sind mit alten Filmrollen, bis wir in einen kleines Kabuff mit einem Projektor und einigen roten Sesseln aus einem Kino kommen. Der Mann führt mich zu meinem Platz und verschwindet in einer winzigen Vorführkammer, die aussieht wie ein Kassenhäuschen auf einem Jahrmarkt. Schnitt. Der Film beginnt, es ist eine Mischung aus 16mm Film und Super 8. Im Vorspann wird Jonas Mekas als Filmer und Regisseur genannt. Der Film heißt „Die Innenseite des Mantels“ und es ist mein Leben, in Tagebuchform zusammengeschnitten auf drei Stunden wie in Mekas Film „Walden“, und ich spüre in meinem Rücken wie er mich vorwurfsvoll beobachtet, während ich nicht ein einziges Mal weine.
13. Mai 2020, 11:23 Uhr
Das Verpackungsmaterial für die Drucke ist angekommen. Dafür muss ich mir etwas einfallen lassen. Auch für das ganze Papier, die Kamerataschen. Ich ertrinke in Dingen.
14. Mai 2020, 20:00 Uhr
Die Drucke sind online. Ich habe mich für matte Photo Rags entschieden. Alles Glänzende stößt mich auf Dauer ab. Verschickt in flachen Kalenderkartons, die die Hälfte des Zimmers hier einnehmen im Moment. Noch zögere ich, das Ganze öffentlich zu machen.
15. Mai 2020, 23:20 Uhr
Ich habe es getan. Erleichterung und Vorfreude. Und jemand hat meine Kunst gekauft.
17. Mai 2020, 18:30 Uhr
Den ganzen Tag Drucke gemacht und signiert, nachdem ich am Morgen mit dem Bulli in die Nähe von Ramstein gefahren bin, um aus den Untiefen der ebay Kleinanzeigen eine 50 Jahre alte Werkbank zu befreien, die meinem Opa gefallen hätte. Ich brauchte etwas, um das ganze Zeug zu verstauen und das mir Platz gibt, die Drucke einzupacken und aufzuhübschen. Außerdem musste es dazu taugen, daran auch im Stehen an meinem Laptop zu arbeiten. Und das tut es. Diese Zeilen tippe ich frohen Mutes im Stehen über meine mechanische Tastatur in mein Tablet, bevor es gleich weiter ans Einpacken geht, damit Anfang der Woche die ersten Drucke auf den Weg gehen.
Notizbuch (2)
Seit der Quarantäne wilde, teils psychedelische Träume in Realzeit. Mehrmals in dieser Woche direkt nach dem Wachwerden Bilder aufgeschrieben, Farben, Nöte. Die Tage entgleiten einem, zwischen Buchseiten, Waldläufen und Telefonaten.
10. APRIL 2020, 16:24 UHR
Seit der Quarantäne wilde, teils psychedelische Träume in Realzeit. Mehrmals in dieser Woche direkt nach dem Wachwerden Bilder aufgeschrieben, Farben, Nöte. Die Tage entgleiten einem, zwischen Buchseiten, Waldläufen und Telefonaten. Am Morgen Post aus London, Royal Air Mail, Adrian Henri, "Selected Poems 1960-1970", darin der Satz "mein Herz zerplatzt wie ein Aprilballon" - das tut es wirklich. In einem zweiten Paket eine Kiste blauer Bleistifte von Clemens. Gestern beim Umräumen zwischenzeitlich einen großen Kleiderspiegel an die Wand gegenüber des Schreibtischs gelehnt und dort vergessen. Heute dann beim Schreiben ständig versucht, nicht hineinzuschauen. Mein Weinhändler brachte gestern Weißen und Roten im Karton, auf dem Rücksitz seines weißroten Mustangs. Es könnte schlechter sein.
11. APRIL 2020, 1:37 UHR
Der Mond zwischen den Wolken, die nur deswegen ein bisschen schimmern. Höre seit Tagen nachts französische Platten. Ich kann meinen Plattenspieler mit einer kleinen Box verbinden und es klingt wie das Kofferradio, das mein Großvater sonntags in seinem Fahrradkorb durch die Gegend fuhr. Das Zimmer nur erleuchtet von Mond und Flimmerkasten. Mir fehlt die rastlose Ruhe des Lesens im Café. Ruhe dieser Tage ist oft unerträglich. Die Spannung in den Songs von Serge Gainsbourgs "No 4". Der Jarmusch Film in schwarz-weiß. Und man möchte jeden fragen: "Willst du noch nach oben kommen und ein Glas Wein trinken?". Wir, die auf dem Schrottbalkon den Mond anbeten. Ohne diese unerträgliche Spannung. Das Inhaltsverzeichnis der Wünsche.
11. APRIL 2020, 10:12 UHR
Der osmanische Luftfahrtpionier Hezarfen Ahmet Çelebi warf sich vor vierhundert Jahren mit selbstgebauten Holzflügeln (inspiriert von Leonardo da Vinci) vom Galata Turm in Istanbul und gleitete drei Kilometer über den Bosporus bis auf die asiatische Seite zum Dogancılar-Platz. Der Galata Birdman. Vom Sultan Murad IV. wurde er anschließend mit Gold und später mit Verbannung nach Algerien belohnt. Er starb mit 31. Vergangenen Dezember beschloss ich auf dem Dach des Galata Turms, dass ich irgendwann in den nächsten Jahren für ein paar Monate in Istanbul leben will, um zu schreiben. Im Fernsehen heute Bilder vor türkischen Supermärkten, Panik und Schlägereien, weil eine zweitägige Ausgangssperre zwei Stunden vor Ladenschluss über die Radiowellen ging. Die Bilder gefangen in einer Art Nachzeitigkeit. Gerade möchte ich nirgendwo sein. Auch nicht hier.
11. APRIL 2020, 17:37 UHR
Wenn wir uns das nächste Mal sehen, wird es Herbst sein. Deinen Sommer werde ich verpassen.
11. APRIL 2020, 18:45 UHR
Heute abwesend einen frischen Bleistift bis zur Hälfte durchgespitzt und eine kleine blaue Holzblüte neben den Mülleimer fallen lassen. Wenigstens das.
12. APRIL 2020, 11:49 UHR | VERSUCH ÜBER DEN GEGLÜCKTEN TAG
Eine leichte, einsame Trompete in den Hinterhöfen. Ein alter Mann vor dem Fenster im Arbeitszimmer fährt langsam Fahrrad, dass er immer wieder aus dem Gleichgewicht kommt und wild schwenkend ausgleicht. Ab und zu Blättern in "Versuch über den geglückten Tag". Wendungen um Wendungen, im Leeren.
14. APRIL 2020, 2:49 UHR
Wieder keinen Schlaf gefunden. In meine braunen Stiefel gestellt und losgelaufen in der Nacht. Unbestimmte Schritte in den Gassen der Altstadt. Die Wolken über der Straße, die geisterhafte Selbstverständlichkeit. Nächte, die von den Tagen nichts ahnen. Keine Fragen mehr im Raum, nur noch leises Rauschen. Deborah Levy lässt die Schüler ihrer Creative Writing Klassen die fiktiven Biografien schreiben, die die Replikanten in „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ auswendig lernen müssen, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen. Ich spaziere weiter durch die Nacht. Spreche meine Biografie in die kalte Luft, als würde ich mir glauben.
Der Sommer endet.
Überspannt. In der vergangenen Woche keine Nacht ohne Traum. Das Gefühl, mitten im Tiefschlaf geweckt zu werden, obwohl man verschlafen hat. Innerlich aber Ruhe, nach dem Entschluss, das Jahr in Teilen verloren zu geben.
1. November 2019, 20:17 Uhr
Überspannt. In der vergangenen Woche keine Nacht ohne Traum. Das Gefühl, mitten im Tiefschlaf geweckt zu werden, obwohl man verschlafen hat. Innerlich aber Ruhe, nach dem Entschluss, das Jahr in Teilen verloren zu geben. Volle Konzentration auf die Bereiche, die sich sich gerade noch lohnen. Die Arbeit, der vernachlässigte Körper. Gleichzeitig “Arbeit und Struktur” von Wolfgang Herrndorf wiedergelesen und Dinge in Perspektive bekommen. Am Mittwoch eine komplette Folge meines Podcasts aufgenommen und nur über Handke gesprochen. Gestern die Folge wieder gelöscht, um den Rechtfertigungen aus dem Weg zu gehen. Heute bereut.
2. November 2019, 11:20 Uhr
Kein Traum: Im Zug von Berlin nach Basel Wim Wenders begegnet. Erst die Erscheinung am Bahnsteig, der weite Mantel, der Brillenrahmen und der schwarze Hut mit braunen Ornamenten. Auch der an der Realität unbeteiligt waghalsige Schritt. Nach einer Stunde Fahrt der Beschluss, ihn in der 1. Klasse zu behelligen. Ich fand ihn im letzten Sechserabteil, seine Frau mit ihm am Fenster, zwischen ihnen Bücher und ein Laptop. Kurzer Mutverlust und dann Betreten des Abteils. Ich bedanke mich bei ihm, etwas zu förmlich, er nimmt meine Hand und fragt nach dem Stein um meinen Hals. Schwarzer Turmalin, von einer Freundin. Dann mein Geständnis, dass ich seinen und Peter Handkes Kurzfilm “3 amerikanische LPs” mehrmals die Woche zum Einschlafen schaue. “Da war ich ein sehr sehr junger Mann”, sagt er und wir sprechen über Handke. Die Enttäuschung, dass die meisten, die jetzt über Handke sprechen, ihn niemals gelesen haben. Er signiert meinen “Versuch über die Jukebox” und ich taumele lächelnd zurück in die 2. Klasse.
2. November 2019, 22:40 Uhr
Wieder in “Arbeit und Struktur” gelesen. Gleiche Voraussetzungen was die familiäre Bibliothek angeht. Bei uns im Bücherschrank: Das Guinness Buch der Rekorde 1986 und die 30-bändige Ausgabe der Bertelsmann Enzyklopädie in rotem Kunstleder. Erst mit 17 dann Hesse, Tucholsky, später Fitzgerald und Salinger von meinem Jazzfreund-Englischlehrer. Bildung per Zufall. Schöne Vorstellung, wo ich mich hätte hinlesen können.
3. November 2019, 10:20 Uhr
Der Sommer endet.