Im Auftrag der Kosmokraten
Ich habe es verpasst. Der Sommer ist vorbei. Und ich habe den Moment verpasst, an dem es sich wie Sommer anfühlte. Eine Sekunde im Sonnenlicht auf dem Balkon und in der nächsten schon vom Schnappschuss in die Langzeitbelichtung gelöst, die Bäume, das Licht der Laternen, Flecken zu Linien, die angestrahlten Fratzen vor meinem Beifahrerfenster und dann der Sommerregen wie ein letzter Vorhang an den östlichen Grenzen unserer Welt. Fünftausend Kilometer, die Kamera auf dem Sitz neben mir, das Atlan-Groschenheft auf dem Amaturenbrett und die Sterntagebücher von Lem aus den Lautsprechern. War wieder allein in diesem Sommer, zurückgeworfen auf den Klamottenhaufen meiner Talsohlenwanderei, auf die Nachwehen der Verzettelungen einiger Frühlingsmonate. Gleichzeitig verbrecherische Zuversicht, dieses mühsam erschaffene Leben, das mir doch entspricht, mit all seiner schlaflosen Fragilität, grazil und auf Sand gebaut.
Es gibt jetzt wieder Tage, an denen ich verschwinde. Nur verschwinde. Ich schreibe niemandem. Niemand schreibt mir. Bis sogar das dauerhafte, unablässige Selbstgespräch versiegt, das mich durch den Kosmos rührt. Bleibe zurück mit diesem Körper, dem Regen auf meinem Gesicht, keine Erinnerungen, kein Ausblick, gleichsam Abschluss und Beginn von etwas, das ich wohl bin, nie war und vielleicht niemals sein werde.
Dann von Berlin nach Polen, fast in der Nacht, die Autobahn weich und grau, das Meer voller Möwen und die Brandung in meinen Stiefeln und später die Markthalle von Breslau und das Netz Orangen und die polnischen Briefmarken für die elenden Hotelbriefe, die ich niemals einwarf, in die Berge nach Tschechien und das letzte Farbfoto in einem Hinterhof, ein Tisch, ein Messer mit einem Holzgriff, eine Schale Pflaumenkerne und schimmelndes Fruchtfleisch, ein Hund, dem ein Auge fehlt, all das auf dem letzten Farbfoto, doch weiß ich es nicht, habe ich doch noch keines der Bilder angeschaut, seitdem ich wieder hier sitze, an diesem Tisch, jeden Abend, jeden Morgen, der peruanische Pfefferbaum vor dem Fenster und seine Tentakeln im Herbstwind wie ausgeworfene Angeln.
Meine Kamera, dieser Röntgenapparat der Vergänglichkeit. Das Alte, Verwelkte, das ewig Gestrige, das Vergessene und das Versehrte zieht meinen Blick durch den Sucher. Auch auf dieser Reise, versteckt hinter Bauvorhaben, einem stolpernden Europa, blutleeren Gassen und Plakatwänden. Die bunten Panzerwagen der Phantasielosen, geleastes Rängegeschacher. Das Versehrte stirbt aus, wird renoviert und meistbietend verteilt. Der Blick aus den Hotelfenstern, die Neonreklamen und der Krebs in den Kneipen an der Rzeznicza, kostenloser Kaffee aus der Lobby und das Brummen der leuchtenden Hotelbuchstaben im Breslauer Nachthimmel. Dabei anhaltender Respekt vor dem Wahnsinn. Und sein Sog. Gerade beim Verfassen dieser Bekennerschreiben. Thomas Brasch vor mir, sein Spiegelbild, der graue Anzug ohne Hemd darunter, sich selbst im Spiegel filmend mit dem alten Camcorder, die wilden Lippenstiftmanifeste auf dem Glas. Die Krankenhausjournale der Ingeborg Bachmann, die niemals hätten veröffentlicht werden dürfen und die mir immer noch Angst machen in meiner Hand. Und jetzt? Die Wirklichkeit und ihre Gesichter, seltsam in Cellophan gehüllt. Irgendwann findet jemand unsere Erinnerungen in Plastiksäcken auf einem Dachboden und wird damit einfach nichts anfangen können.
Wroclaw. Vier Uhr in der Nacht. Ich beginne ein Gedicht auf dem Briefpapier des Hotels, das mit den Zeilen beginnt: "Nur die Wunde ist Leben, alle Narben sind Ohnmacht." Dann fällt mir nichts mehr ein. Ich lösche das Licht und schlafe ein, bei offenem Fenster. Morgen fahre ich weiter.
Aufzeichnungen aus dem Spätsommer 2021