Gelbtrauernacht

Gestern bei der Thalbach im Babylon. Die Letzten, die den Saal betraten, bevor die Türen hinter uns schlossen und plötzlich diese Stimme. Katharina direkt neben uns zwischen den grünen Vorhängen. Das Gesicht hinter den großen Brillenrändern, die dünnen grauen Haare und ihre weichen Hände, die den Stapel Braschseiten umschlossen, aus denen sie später lesen würde. "Du winkst, wenn ich hoch soll, wa?"

Vor einem Jahr fand ich eine Ausgabe mit Braschs Gedichten in einer Berliner Buchhandlung. Ich las den großen Band in zwei Nächten und seitdem lässt mich dieser Mann nicht mehr wirklich los, was auch an Filmen und Veranstaltungen zu seinem zwanzigsten Todestag liegt. Während der ersten Stunde des Abends versunken im Schatten neben der Bühne, dazu die Trompeten der bolschewistischen Kapelle schwarz-rot. Bella Ciao der blausamtenen Kinosessel, Fotos von Brasch auf einem Projektor, meterhoch, schwarz-weiß, seine großen Wasseraugen. Ein Abend für Thomas Brasch, ein Abend ohne Thomas Brasch. Dann die Lesung von Thalbach, die in den Siebzigern mit Brasch nach Westberlin zog, nachdem es beiden unmöglich geworden war künstlerisch tätig zu bleiben in ihrer Heimat. Sie liest Lieblingstexte, Apoll, der Marsyas Mythos, die Häutung, das Blut unter dem Pflaster. Dann Beschreibung der Wohnung in der heutigen Torstr. 68, die Manuskriptseiten von Lovely Rita (damals noch Katharina) and den Wänden, schwarz und rot getippt, ihr gespielte Echauffiertheit, dass das ja alle lesen konnten über sie in seiner Wohnung und auch Argwohn, dass es nun doch einen anderen Titel trägt. Sie liest es vor als "Lovely Katharina", wirkt gelöst, erzählt von viel Liebe und viel Streit. Liest letztlich noch herauskopierte Seiten aus einem Notizbuch ihrer Tochter Anna, eine Geschichte über Marilyn, die Brasch für seine Stieftochter geschrieben hatte. Marilyn, die Wehmut, die Gelbtrauer. Dritte Stelle, an der ich weine.

Danach Braschs Film "Engel aus Eisen". Provisorische Leinwand, Gladows Schauspieler seltsam nah, alle Gesichter des Films trotzdem seltsam entrückt, Risse auf den Wangen und in der Erzählzeit. Der Zerfall, der Riss, das Abebben, das Verzetteln, sich nicht verlieren, sich nur plötzlich nicht mehr wiederfinden. Die Angst vor den Spiegeln. Das Loslassen im Voranschreiten, ein Bedürfnis nach Heil. Das wunde Schaben an der Wahrnehmung. Wege, die sich trennen und wieder zueinander führen, sich bedingen, sich voranwerfen und sich wieder und wieder abhanden kommen. Nach der Vorstellung trunken durch die Straßen, stehen vor seiner alten Wohnung, die Lichter sind aus und wir sprechen über Koordinatensysteme und Unendlichkeit. Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

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Das Theater der Häute

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