Die Jahre der erhabenen Melancholie
Die unbeschwerten Jahre meiner Melancholie rochen nach Pisse und schwarzem Gold. So nannten die Bewohner der Nordseeinsel, auf der ich als Kind einmal für ein Jahr gelebt habe, den Schlick, der in meiner kindlichen Vorstellung fähig war, alles und jeden vollständig in sich aufzunehmen und zu verschlucken. Als ich einige Zeit später auf eine Nachbarinsel dieses meines Kindheitsortes zurückkehrte, stand ich mit nackten Füßen am verregneten Strand und blickte durch den Nebel über das Meer auf die entfernten Ufer meiner Vergangenheit. Zwischen mir und diesem Ort lagen etwa 2 Kilometer und 5 Jahre, in denen meine Haare ihre Farbe von strohblond zu braun gewechselt hatten. Jetzt war ich dort mit meiner Grundschulklasse. Wir hatten den ganzen Tag am Strand auf Sand gebaut, als eine der mitgereisten Lehrerinnen sich mir plötzlich von der Seite näherte. „Du hast dort mal gewohnt, oder?“, fragte sie. “Ja”, antwortete ich, “ist schon ein bisschen her”. „Das muss eine schöne Erinnerung für dich sein!“ Sie legte mir die Hand auf die Schulter, streifte mir die Kapuze meiner Regenjacke über meinen Kopf und ging zurück zu den anderen Kindern. Ich war neun Jahre alt. Und vielleicht begann alles dort, an diesem Strand, im Regen unter einem salzigen Himmel. Meine Erinnerungen an die unbeschwerten Kindheitstage auf dieser Insel, die man nun nur noch im Nebel erahnen konnte, legten sich durch die Worte meiner Lehrerin wie eine herausgerissene Seite meines Tagebuchs um meine Schultern. Meine Innenwelt wurde mit einem warmen, weichen Schmerz übergossen, der neben unlauterem Stolz auch die wilde Vergeblichkeit der vergangenen Zeit in sich trug. Anhaltend und ungehalten aufgestellte Haare bevölkerten meine gepunktete Haut, als flüstere jemand ganz nah an meinem Ohr dunkle Mantras des Konservierens in meine Welt, während meine nackten Füße von schwarzem, feuchtem Sand umspült wurden. Herztöne, die streichenden Wellen, rauschendes Blut, Suchtbeschleunigung durch den ersten Hit vom Meeresboden. Ich konnte plötzlich meine Füße nicht mehr aus dem Sand heben. Wehmutgischt auf meinen Nackenhaaren, es tat so weh, so gut, so scheußlich gut. Die aufgewellten Bilder begannen zu stranden, ich musste sie nur aufheben, nein, mich hineinstürzen in all das Unwiederbringliche. Der Regen wurde stärker, die anderen Kinder begannen, sich in Strandkörben zu verstecken und ich zog die Kapuze zurück in den Nacken, ließ den Nebel in meine Augen, ließ den Regen in meinen Kopf, ich war süchtig, süchtig nach Trübnis, nach sinnlosem, selbstbeschworenem Elend. Doch das war mir dort noch nicht bewusst. Damals war es nur das wohlige innere Brummen im Brustkorb, das man verspürt, wenn man bestimmte Menschen im Fernseher sprechen hört oder sich wirklich einmal einer Sünde ausliefert. Die Atmosphäre faltete sich an diesem Tag zu einem dämmrigen Vakuum und ich allein glättete seine Kanten. Es hatte sich ein Raum eröffnet, in dem ich sein wollte. In diesem Augenblick begann für mich vielleicht das, was man im Rückblick meine Jahre der erhabenen Melancholie nennen könnte. Erhaben, unschuldig.
Meine Füße verkrampften im Sand, ich konnte mich nicht herausnehmen aus diesem Gefühl. Eine Stunde verging, zwei. Die anderen Kinder waren mit den Lehrern wieder zur Herberge gelaufen. Doch ich befürchtete, meine Augen niemals von der entfernten Insel lösen zu können, so lange das Meer immer wieder neue Wellen auf mich warf. Das Rauschen würde nie aufhören und ich würde es mir niemals verzeihen können, auch nur einen dieser Bilderbrüche zu versäumen. Die Dämmerung zeichnete sich ab und die ersten Lichter leuchteten im Hafen auf. Der Strand war immer noch voll mit Wanderern, Flaneuren und Kurgästen. Schon eine Stunde zuvor hatte ich den Drang gespürt, bald pinkeln zu müssen, nun war der Drang zur Not geworden, doch meine damals schon ausgeprägte Scham verbot es mir, mich einfach am Strand oder in den Dünen zu erleichtern, wo mich jemand hätte sehen können. Ich wollte mich immer noch nicht von diesen neu entdeckten Gefühlen losreißen, doch irgendwann musste ich vor meinem Körper kapitulieren und versuchte, möglichst schnell und gleichzeitig unauffällig zurück zur Herberge zu laufen. Das alte, heruntergekommene Haus war auf einem kleinen Hügel gelegen und ein schmaler gepflasterter Weg führte von den Dünen hinauf zum Eingang. Es gibt das Haus heute noch und es heißt Sturmblick.
Ich verkrampfte meinen Körper und versuchte, mit aller Macht diesen Eingang zu erreichen, doch mein Körper versagte mir. Auf dem Weg standen überall Mitschüler, lehnten an den Holzgeländern und redeten und lachten und schrien. Zwanzig Meter vor dem Eingang hielt ich es nicht mehr aus. Ich lehnte mich an ein Geländer, in Sichtweite der anderen Kinder und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Die Pisse tränkte meine Unterhose und lief an meinen Innenschenkeln herab, warm, dann schnell eiskalt, irgendwann lief es aus meiner Trainingshose in und über meine Schuhe und es bildete sich ein kleines Rinnsal, das den Weg hinablief. Ich betete, dass die anderen jetzt nicht den Hang hinaufkämen. Irgendwann lief ich mit eingenässten Hosen um das Gebäude und schlich mich in die Waschküche. Meine Sneaker schmatzten bei jedem Schritt vor Pisse und Sand. Dort zog ich mich aus und wusch in einem großen Industriebecken mit einem Stück Kernseife meine Hosen und Schuhe. Ich versuchte, keine Geräusche zu machen beim Auswringen und fand in einer kleinen Kammer, in der sie das Waschmittel und die Ersatzbettwäsche gelagert hatten, eine kleine Heizung, über die ich die Hosen legen konnte. Ich drehte sie voll auf und nahm ein Handtuch aus dem Regal, das ich davor platzierte, um mit meinem nackten Arsch nicht auf den kalten blauen Fliesen sitzen zu müssen. Die Heizung wärmte meinen Rücken. Ich hatte das Licht ausgemacht, um nach außen unsichtbar zu bleiben, saß für eine Stunde mit einem Lächeln in der pechschwarzen Abstellkammer der Jugendherberge und hing meinen trüben Träumereien nach. Es roch noch immer nach Pisse. Die Melancholie meiner Kindheit roch nach Pisse und Schlick.
Im vergangenen Jahr sah ich in einem Berliner Kino Pedro Almodóvars Film „Leid und Herrlichkeit“ darin gibt es eine Stelle, in der die Hauptfigur über das Kino seiner Kindheit schreibt. Bei dieser Stelle habe ich mich zu ersten Mal seit Jahrzehnten an diesen Moment am Strand meiner eigenen Kindheit zurückerinnern müssen und den obenstehenden Text abends an der Hotelbar in mein Notizbuch geschrieben. Die Stelle im Film ging so:
"Meine Vorstellung von Kino war mal mit dem lauen Wind der Sommernächte verbunden. Kino gab es nur im Sommer. Die Filme wurden auf eine riesige Mauer projiziert, die man weiß getüncht hatte. Besonders gut erinnere ich mich an Filme, in denen Wasser vorkam, Wasserfälle, Meeresstrände, der Grund des Meeres, Flüsse oder Quellen. Nur weil wir das Rauschen des Wassers hörten, hatten wir Kinder einen unglaublichen Drang zu pinkeln. Das erledigten wir an Ort und Stelle, links und rechts von der Leinwand. Im Kino meiner Kindheit roch es immer nach Pisse und nach Jasmin und nach Sommerwind."
- Pedro Almodóvar, Leid und Herrlichkeit