Rausgerissenes

17. Juli 2020, 17:20 Uhr

Ich habe vergessen, wie es aussieht, wenn sich jemand zum ersten Mal eines meiner Bilder ansieht. Ich habe eine sehr abgewandte Haltung zu ihnen bekommen. Sie existieren neben mir. Wie ein Schatten, nicht wie ein Spiegelbild. Richard Brautigan schrieb in seinem Vorwort zu „Die Pille gegen das Grubenunglück von Spring Hill“: „Ich schreibe die Bücher bloß, ich bin nicht der Hüter ihrer Seiten. Ich kann mich doch nicht ewig um sie kümmern. Das wäre ja glatter Unsinn.“ Ich wünschte es wäre kein Unsinn. Ich suche die Nähe meiner Arbeit hier und da, doch immer scheint sie mir entglitten, die Berührung verflüchtigt, der Moment vergessen und aufgelöst. Beim Schreiben ist es anders. In meinen alten Notizheften vermag ich in mancher Seite noch einen Funken zu finden, der mich mit meinem damaligen Sentiment verbindet. Mit den Fotos ist es eins geworden. Gerüche, das Licht, der Auslöser, die tiefen Augen, die Haut, Haarsträhnen, alles ist Plattenhören im Pastisrausch, Knistern und Wellen auf den Innenseiten meiner Augenlider. Vielleicht liegt es daran, dass mir die Geschichten abhanden gekommen sind, alles nicht mehr Teil einer Erzählung war ab einem bestimmten Punkt, das Ende des Romans und der Beginn eines niemals endenden Kurzgeschichtenbandes. Manchmal, da sehe ich Menschen meine Fotos betrachten, vielleicht bedeuten sie ihnen irgendwas, sie schauen sie an wie das Foto eines Geliebten, manchmal. Sie sind, und waren, immer meine Realität, auch wenn sie mit ihrer nichts zu tun hatten. Und jetzt sitze ich in diesem Café und trinke Cola und verliere mit jeder Sekunde eine Erinnerung an die Sanduhr meiner Unsicherheit. 

17. Juli 2020, 18:30 Uhr

Doch lasst mich, das hier ist kein Manifest des Trübsals, das bin immer noch ich, die Antenne im Wind, den Empfänger aufs Radiomeer, verblühend und 36, und sehe die Farben vor mir, nicht im Rücken. Und die Cola ist zu Wein geworden und die Sandkörner fallen schneller, und doch weicher an diesem Nachmittag, an dem ich wieder an allen Orten gleichzeitig bin, doch nirgends wirklich. 

21. Juli 2020, 12:40 Uhr

Vor ein paar Wochen ist mir eine ganze Patrone orangener Tinte ausgelaufen in meiner Ledertasche. In der Sonne neben meinem Tisch sieht der getrocknete Fleck aus wie die Silhouette eines totgefahrenen Hüttensängers. 

21. Juli 2020, 13:30 Uhr

Alles hier wirkt französisch. Nichts ist es. 

22. Juli 2020, 18:39 Uhr

Sie trägt eine Zeitung unter dem Arm und geht in ein Café. Wer macht sowas noch?

4 Minuten später…

Ich trage seit Wochen ein Notizbuch mit mir herum und habe noch nicht eine Seite beschrieben. Es ist sehr schwer. Obwohl es nur Papier ist. 

25. Juli 2020, 8:42 Uhr

Von einer Frau geträumt, die in Leinenkleidern lebt und Blüten als Lesezeichen nimmt. Wenn sie mit einem Buch fertig ist, ist die Blüte getrocknet. Sie lässt sie auf der letzten Seite zurück und stellt das Buch in ihr Regal. Ihre Bibliothek - ein unsichtbarer Garten.

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