Analphabet und glücklicher Mensch
11. Mai 2020, 3:22 UHR
Niemand wartet auf dich. In tiefer Nacht sind es sogar noch weniger. Ich musste eine Reihe meines Bücherregals leerräumen, um diese Zeilen hier im Stehen tippen zu können. Mein Rücken zerfällt langsam auf meinem Stuhl. Zu meinen Füßen liegen unzählige bedruckte Papiere. Matt, glänzend, einige wie Zeitungspapier, einige wie 60er Jahre Tapete. Ich wollte in der letzten Woche anfangen, meine Bilder als Drucke zu verkaufen. Zuerst hatte ich vor, sie bei einem Dienstleister zu bestellen. Doch nach einigem Hin und Her musste ich mir eingestehen, dass das bei mir Kontrollfreak ein Albtraum werden würde. Also baute ich mir von meinen letzten Mücken ein kleines digitales Labor in meine Eulenfarm und verbrachte die letzten Tage mit der Suche nach Papieren. Und oh, boy. Als Papierfetischist eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Zu den ganzen Papieren, die ich probiert habe, werde ich zu gegebener Zeit noch schreiben. Gestern Nachmittag bin ich mit der Einrichtung und den Testdrucken gestartet. Jetzt ist es fast 4 Uhr in der Nacht und in den Stunden nach Mitternacht begannen die Drucke so auszusehen, wie ich es mir gewünscht habe. Die letzte halbe Stunde saß ich hier auf dem Teppich und habe einfach nur das Papier angefasst. Gleichzeitig lief „I could hear the water at the edge of all things“ von Hammock über meine Marshalls und der Titel fasst ganz gut zusammen, was ich jetzt fühle. Ich bin das einzige leuchtende Fenster in dieser Nachtstadt. Nur der Fluss ist mit mir wach geblieben und er wird mich überleben.
12. Mai 2020, 17:44 Uhr
Ein Traum der kurzen Nacht: auf der Suche nach Polaroids mit blauem Rand für einen Bildband mit dem Titel „Blue Summer“ lande ich in einer stillgelegten Schule. Dort warten zwei ältere Damen auf mich in arabischen Nachtgewändern und überreichen mir einen sandigen Umschlag, in dem ich eine Adresse am Rand der Stadt finde. Schnitt. Dort öffnet ein runzeliger Mann die Tür, den ich aus meiner Kindheit erkenne, in meiner Erinnerung lebte er immer in einer Litfaßsäule wie in einem städtischen Leuchtturm, abgeschlossen von der Gesellschaft. Jetzt ist sein Haus ein Anwesen mit einem großen Weingarten. Und wir gehen durch die verwinkelten Räume, die vollgestellt sind mit alten Filmrollen, bis wir in einen kleines Kabuff mit einem Projektor und einigen roten Sesseln aus einem Kino kommen. Der Mann führt mich zu meinem Platz und verschwindet in einer winzigen Vorführkammer, die aussieht wie ein Kassenhäuschen auf einem Jahrmarkt. Schnitt. Der Film beginnt, es ist eine Mischung aus 16mm Film und Super 8. Im Vorspann wird Jonas Mekas als Filmer und Regisseur genannt. Der Film heißt „Die Innenseite des Mantels“ und es ist mein Leben, in Tagebuchform zusammengeschnitten auf drei Stunden wie in Mekas Film „Walden“, und ich spüre in meinem Rücken wie er mich vorwurfsvoll beobachtet, während ich nicht ein einziges Mal weine.
13. Mai 2020, 11:23 Uhr
Das Verpackungsmaterial für die Drucke ist angekommen. Dafür muss ich mir etwas einfallen lassen. Auch für das ganze Papier, die Kamerataschen. Ich ertrinke in Dingen.
14. Mai 2020, 20:00 Uhr
Die Drucke sind online. Ich habe mich für matte Photo Rags entschieden. Alles Glänzende stößt mich auf Dauer ab. Verschickt in flachen Kalenderkartons, die die Hälfte des Zimmers hier einnehmen im Moment. Noch zögere ich, das Ganze öffentlich zu machen.
15. Mai 2020, 23:20 Uhr
Ich habe es getan. Erleichterung und Vorfreude. Und jemand hat meine Kunst gekauft.
17. Mai 2020, 18:30 Uhr
Den ganzen Tag Drucke gemacht und signiert, nachdem ich am Morgen mit dem Bulli in die Nähe von Ramstein gefahren bin, um aus den Untiefen der ebay Kleinanzeigen eine 50 Jahre alte Werkbank zu befreien, die meinem Opa gefallen hätte. Ich brauchte etwas, um das ganze Zeug zu verstauen und das mir Platz gibt, die Drucke einzupacken und aufzuhübschen. Außerdem musste es dazu taugen, daran auch im Stehen an meinem Laptop zu arbeiten. Und das tut es. Diese Zeilen tippe ich frohen Mutes im Stehen über meine mechanische Tastatur in mein Tablet, bevor es gleich weiter ans Einpacken geht, damit Anfang der Woche die ersten Drucke auf den Weg gehen.