Notizbuch (2)

10. APRIL 2020, 16:24 UHR

Seit der Quarantäne wilde, teils psychedelische Träume in Realzeit. Mehrmals in dieser Woche direkt nach dem Wachwerden Bilder aufgeschrieben, Farben, Nöte. Die Tage entgleiten einem, zwischen Buchseiten, Waldläufen und Telefonaten. Am Morgen Post aus London, Royal Air Mail, Adrian Henri, "Selected Poems 1960-1970", darin der Satz "mein Herz zerplatzt wie ein Aprilballon" - das tut es wirklich. In einem zweiten Paket eine Kiste blauer Bleistifte von Clemens. Gestern beim Umräumen zwischenzeitlich einen großen Kleiderspiegel an die Wand gegenüber des Schreibtischs gelehnt und dort vergessen. Heute dann beim Schreiben ständig versucht, nicht hineinzuschauen. Mein Weinhändler brachte gestern Weißen und Roten im Karton, auf dem Rücksitz seines weißroten Mustangs. Es könnte schlechter sein.

11. APRIL 2020, 1:37 UHR

Der Mond zwischen den Wolken, die nur deswegen ein bisschen schimmern. Höre seit Tagen nachts französische Platten. Ich kann meinen Plattenspieler mit einer kleinen Box verbinden und es klingt wie das Kofferradio, das mein Großvater sonntags in seinem Fahrradkorb durch die Gegend fuhr. Das Zimmer nur erleuchtet von Mond und Flimmerkasten. Mir fehlt die rastlose Ruhe des Lesens im Café. Ruhe dieser Tage ist oft unerträglich. Die Spannung in den Songs von Serge Gainsbourgs "No 4". Der Jarmusch Film in schwarz-weiß. Und man möchte jeden fragen: "Willst du noch nach oben kommen und ein Glas Wein trinken?". Wir, die auf dem Schrottbalkon den Mond anbeten. Ohne diese unerträgliche Spannung. Das Inhaltsverzeichnis der Wünsche.

11. APRIL 2020, 10:12 UHR

Der osmanische Luftfahrtpionier Hezarfen Ahmet Çelebi warf sich vor vierhundert Jahren mit selbstgebauten Holzflügeln (inspiriert von Leonardo da Vinci) vom Galata Turm in Istanbul und gleitete drei Kilometer über den Bosporus bis auf die asiatische Seite zum Dogancılar-Platz. Der Galata Birdman. Vom Sultan Murad IV. wurde er anschließend mit Gold und später mit Verbannung nach Algerien belohnt. Er starb mit 31. Vergangenen Dezember beschloss ich auf dem Dach des Galata Turms, dass ich irgendwann in den nächsten Jahren für ein paar Monate in Istanbul leben will, um zu schreiben. Im Fernsehen heute Bilder vor türkischen Supermärkten, Panik und Schlägereien, weil eine zweitägige Ausgangssperre zwei Stunden vor Ladenschluss über die Radiowellen ging. Die Bilder gefangen in einer Art Nachzeitigkeit. Gerade möchte ich nirgendwo sein. Auch nicht hier.

11. APRIL 2020, 17:37 UHR

Wenn wir uns das nächste Mal sehen, wird es Herbst sein. Deinen Sommer werde ich verpassen.

11. APRIL 2020, 18:45 UHR

Heute abwesend einen frischen Bleistift bis zur Hälfte durchgespitzt und eine kleine blaue Holzblüte neben den Mülleimer fallen lassen. Wenigstens das.

12. APRIL 2020, 11:49 UHR | VERSUCH ÜBER DEN GEGLÜCKTEN TAG

Eine leichte, einsame Trompete in den Hinterhöfen. Ein alter Mann vor dem Fenster im Arbeitszimmer fährt langsam Fahrrad, dass er immer wieder aus dem Gleichgewicht kommt und wild schwenkend ausgleicht. Ab und zu Blättern in "Versuch über den geglückten Tag". Wendungen um Wendungen, im Leeren.

14. APRIL 2020, 2:49 UHR

Wieder keinen Schlaf gefunden. In meine braunen Stiefel gestellt und losgelaufen in der Nacht. Unbestimmte Schritte in den Gassen der Altstadt. Die Wolken über der Straße, die geisterhafte Selbstverständlichkeit. Nächte, die von den Tagen nichts ahnen. Keine Fragen mehr im Raum, nur noch leises Rauschen. Deborah Levy lässt die Schüler ihrer Creative Writing Klassen die fiktiven Biografien schreiben, die die Replikanten in „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ auswendig lernen müssen, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen. Ich spaziere weiter durch die Nacht. Spreche meine Biografie in die kalte Luft, als würde ich mir glauben.

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The Days run away like wild Horse over the Hills

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Der Sommer endet.