Gedichte Bob Sala Gedichte Bob Sala

Der letzte Leser von Christoph Derschau

ausnahmslos jedem zug nachgesehen will
nur den nachtzug gerade so betreten und
selbst das ohne gewähr sie haben
hier am gleis die laternen
gelöscht und die fahrpläne

ausnahmslos jedem zug nachgesehen will

nur den nachtzug gerade so betreten und

selbst das ohne gewähr sie haben

hier am gleis die laternen

gelöscht und die fahrpläne

abgehangen nur der cola-automat

strahlt im schummerlicht

bleib trotzdem hier erwarte 

meinen turn nur kein windzug

ganz leicht um die knie die

gefaltete zeitung des vortags 

vom fußrücken über über das 

kaugummipflaster gestrichen

grüne rose im gleißbett dreh

dich nochmal um und fühl die

letzten tropfen licht vom automaten

grüne rose letzte hymne vor dem morgen

der letzte zug am letzten steig 

ein blick die letzte täuschung dieses 

automatenlichts dieses gleises 

dieser gedichte aus dem schatten

steig ein lass ausbruchsicher das

paradies vergehen und gleite

in der perlennacht der weichen 

kann noch immer keine rose 

besprechen bin doch nur

dein letzter leser

christoph derschau.

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Fetzen

Tropfen punkten Fenster blind
wild tanzen leere Stunden 
ich bleib zurück als Narbe
dieser schäumend schönen Wunden

Die Fetzen hängend aufgeleint
sind Worte nur im Wind noch eins
Wut schwimmt starr auf Böen heim
und Nacht bricht übers Knie herein

Tropfen punkten Fenster blind
wild tanzen leere Stunden 
ich bleib zurück als Narbe
dieser schäumend schönen Wunden

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AGFAMATIC TEEN 70' UND DAS GEHEIMNIS DES OOZE

Meine erste Kamera schenkte mein Vater mir im Sommer 1991. Fortan trug ich seine ausrangierte Agfamatic Pocket überall herum, knipste, was mir so begegnete, natürlich ohne dass ich einen Film eingelegt hatte - das „Ritsch-Ratsch- Klick“ der Kamera war mir Belohnung genug auf meinen ausgedehnten Ausflügen als Reportagefotograf.

Meine erste Kamera schenkte mein Vater mir im Sommer 1991. Fortan trug ich seine ausrangierte Agfamatic Pocket überall herum, knipste, was mir so begegnete, natürlich ohne dass ich einen Film eingelegt hatte - das „Ritsch-Ratsch- Klick“ der Kamera war mir Belohnung genug auf meinen ausgedehnten Ausflügen als Reportagefotograf. Ich betrachtete die Welt nur noch durch den winzigen Sucher des schwarzgrauen Kastens mit dem flachen roten Knopf auf der Oberseite. Schön wäre, und sicherlich die bessere Geschichte, wenn das den Beginn meiner fotografischen Entwicklung markiert hätte. Doch schon drei Tage später nahm ich mein Geschenk mit ins Kino. Während des Abspanns von „Turtles II - Das Geheimnis des Ooze“ ließ ich meine Agfamatic im verdunkelten Saal des Stadttheaters auf dem Kinosessel liegen. Meinen Verlust bemerkte ich erst am Abend. Tags darauf fuhr ich nach der Schule mit dem Rad zum Theater, doch niemand hatte die Kamera gefunden und beim Kartenabreißer abgegeben. Ich traute mich nicht nach Hause und fuhr den Rest des Nachmittags ziellos durch die verregneten Straßen meiner Heimatstadt. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis ich wieder eine Kamera in die Hand nahm.

Kunst spielte in meiner Kindheit keine Rolle. Ich hörte Musik, die in den Charts lief, schaute Samstagabendshows und spielte Fußball bis die Sonne unterging. Erst nach der Trennung meiner Eltern, die mit einem eigenen Fernseher und der Beförderung zum Schlüsselkind einherging, öffnete sich mein Horizont. Ich begann, bis fünf Uhr morgens Filme zu schauen und die Schule zu schwänzen. 1:15 Uhr in der Nacht wurde für mich das 20:15 Uhr der Schafe. Ich schaute Spielfilme, die ich nicht verstand, mit Schauspielern, die ich nicht kannte und fühlte mich wie ein Eroberer, da ich wusste, dass all meine Freunde bereits schliefen und ich allein war. Nur ich, die Nacht, die Litertüte Orangensaft und die Filme, über die sonst keiner sprechen konnte am nächsten Tag in der Schule. An die meisten Streifen kann ich mich nicht erinnern, doch „Der Reporter“ von Michelangelo Antonioni war dabei, auch Wim Wenders „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Die ersten autoerotischen Experimente ereigneten sich, nachdem ich um drei Uhr in der Nacht die Verfilmung von Henry Millers „Stille Tage in Clichy“ auf Tele 5 gesehen hatte. Das Buch las ich erst Jahre später.

Mit 21, als junger Lokaljournalist und selbstsernannter Schriftsteller, fragte mich mein Chefredakteur, ob ich nicht eine Kamera hätte und ein Foto von der nächsten Veranstaltung mitbringen könne. Immer einen Fotografen mitzuschicken, lohne sich nicht. Also lieh ich mir die kleine Kompaktkamera der älteren Schwester meiner Freundin und veröffentlichte mein erstes Foto. Es zeigte eine Frau, die mit Kasperletheater über die Dörfer zog. Der automatische Blitz der kleinen Rollei hatte die herzliche alte Dame zu einer mysteriösen Hexe verschattet, aber meinem Redakteur war das gleich. Nun war ich also Journalist - und Fotograf. Von meinem Ersparten kaufte ich mir im darauffolgenden Sommer eine Einsteiger-DSLR mit KIT-Zoom, ein Setup, das mich über die nächsten zehn Jahre begleiten sollte. Ich verwandte mehr Aufmerksamkeit auf die kleinen Notizbücher und Reporterblöcke, die ich aus aller Welt bestellte und in die Seite meiner Kameratasche stopfte, als auf meine Nikon, die nur dazu diente, mir mehr Platz zum Schreiben zu verschaffen. Denn so lief das damals: je besser das Foto, das ich mitbrachte, desto mehr Text durfte ich dazu schreiben, desto weiter rückte ich nach vorne in der Zeitung, bis ich schließlich auf der Titelseite des Lokalteils landete. Wöchentlich. Dass das allein wegen meiner besser werdenden Fotos geschah und nicht aufgrund der mageren Texte, habe ich damals ignoriert.

INTIMITÄT, AUTHENTIZITÄT UND PHANTASTIK

Erst als mir mit 30 das Buch „You and I“ von Ryan McGinley in die Hand fiel, begann ich die Fotografie als Medium des Geschichten erzählens anzuerkennen und eigene Versuche in dieser Kunstform zu unternehmen. Den Lokaljournalismus ließ ich hinter mir, drei Romanversuche aus meinen Zwanzigern im Keller verstauben. Mein Start in die Fotografie wurde zu einem Ausbruch aus dem bürgerlichen Grab, das ich mir selbst geschaufelt hatte. Ryans Fotografie diente mir als Einstieg, insbesondere die Intimität, die Authentizität und das gleichzeitig Phantastische in seinen Fotos. Alberto García Alix folgte mit seinen 60er Jahre Dokumentarfotos aus seinem Halbstarken- und Motorradfreundeumfeld, doch den absoluten Durchbruch eröffnete mir Saul Leiter. Leiters Einfluss auf meine eigenen Fotos scheint manchmal sicher sehr stark durch. Seine Portrait- und Boudoirfotos schaue ich mir immer wieder an, als wären es visuelle Gebete. Es sind rausgerissene Momente aus einem Tagebuch, dahingeworfene Skizzen und Tagträume, intim, ernsthaft und wahrhaftig. Er ist zu gleichen Teilen Maler und Fotograf.

Leiters Motive stammen aus seinem persönlichen Umfeld. Es sind Wegbegleiter, Ehefrauen, Geliebte, Modelle. Mein Versuch war es, diese Intimität auch zwischen zwei Unbekannten herzustellen, einen Moment außerhalb der Zeit, der vielleicht nur für mich und die Person vor meiner Kamera existiert, eine Erinnerung an einen Moment, der nie stattgefunden hat, das Romanhafte in der Fotografie - authentische Fiktion, eben keine fiktive Authentizität. Die Verbindung im Bereich der achtzigtausend unsichtbaren Zeichen herzustellen, ohne als Regisseur zu sehr einzugreifen. Ich war Wim Wenders auf der Suche nach dem, was ungesagt bleibt und trotzdem erscheint. Bei ihm sind es meist Schauspieler, die er auf diese Weise agieren lässt. Bei mir sind es oft Laien. Das ist meine Aufgabe.

Das Mise en Scène folgt dabei intuitiv der inneren Bilderbibliothek, die ich in mehr als dreißigjähriger Filmsucht unterbewusst bestückt habe. Zufälle und popkulturelle Einflüsse wechseln sich dabei ab und bestenfalls entsteht ein Foto, das auch einem alten Film entnommen sein könnte, ein „Film Still“,  das trotzdem etwas Neues in sich trägt. Das ist Fluch und Segen zugleich. Meine Bilderbibliothek hat anscheinend einen hohen Wiedererkennungswert und ich kann ihr kaum noch entfliehen. Mein eigener Stil. Für mich ist er oft die hundertste nächtliche Wiederholung von Cameron Crowes autobiografischem Film „Almost Famous“ auf RTL II. Dann wünsche ich mir manchmal, dass ich doch einen 110 Pocket Film in der geschenkten Agfamatic gehabt hätte, um mir heute die Bilder anschauen zu können,  die mein achtjähriges Ich 1991 von seiner Umwelt gemacht hat. Ohne äußere Einflüsse, ohne Kenntnisse. Almost Famous werde ich jedes mal wieder schauen, wenn ich durch Zufall reinschalte. Doch wer weiß, was noch kommt.

Alles ist möglich.

Diesen Text über meine ersten Schritte als Fotograf habe ich für das 2getherMAG geschrieben, das im Dezember im Print rauskam.

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Pulp Master - Verlagsvideo

Verlagsvideo für den Pulp Master Verlag und den Verleger Frank Nowatzki

Endlich kann Ich Euch etwas zeigen, an dem wir im Sommer gearbeitet haben. Passion Project nennt man sowas wohl. Ich durfte meinen guten Freund und @pulpmaster Verleger Frank Nowatzki ein bisschen ausquetschen über seinen Weg vom Berliner Punkrocker bis zum Träger des deutschen Verlagspreises. Das hier ist die erste Minute einer kleinen Kurzdoku, die Ihr ab sofort auf pulpmaster.de und bei YouTube findet. Das Ganze war mein erster Versuch mit so etwas und ich freue mich sehr, dass ich dafür direkt so ein Berliner Original wie Frank vor der Linse haben durfte. Christian Koch von der @hammett_krimibuchandlung ist auch dabei und berichtet aus Buchhändlersicht. Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr das Video anschaut und vielleicht sogar teilt, wenn es Euch gefällt! Guten Rutsch, Euer Bob

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Der schüchterne Kartograph

Mit acht Jahren begann meine Phase als schüchterner Kartograph. Wenn man oft genug die gleiche Abzweigung nimmt, landet man wieder beim Ausgangspunkt. Das hatte ich von meinem Onkel gelernt.

Mit acht Jahren begann meine Phase als schüchterner Kartograph. Wenn man oft genug die gleiche Abzweigung nimmt, landet man wieder beim Ausgangspunkt. Das hatte ich von meinem Onkel gelernt. Eine Zeit lang stieg ich jeden Nachmittag auf mein mit Panini-Stickern der WM 1990 zugeklebtes Fahrrad und erkundete das Gebiet um das Grundstück meiner Großeltern. Als Einzelkind verursachten mir derlei Alleingänge ein unbestimmtes Rauschgefühl. Ich fuhr jeden Tag in unserer Straße los und erkundete eine unbekannte Straße mehr als am Vortag, Bog dann mehrmals rechts oder links ab und landete wieder vor unserem Haus. Ich sagte meinen Eltern nichts von diesen Ausflügen und wollte kein Risiko eingehen, einmal den Weg zu verlieren. Die ersten Fahrten waren natürlich sehr kurz, doch gewann ich durch mein zögerndes Vorgehen eine gewisse Sicherheit und mit jedem Tag kam eine Kreuzung dazu, ein Wohnblock, ein Viertel. Straße um Straße legte ich eine imaginäre Karte meiner Umgebung an, zeichnete Abkürzungen ein, Obstbäume, die sich vielleicht im Spätsommer lohnen könnten, die weißen Häuser am Rand des Viertels, in denen die Ärzte des Hospitals lebten, die Litfaßsäulen und Zigarettenautomaten, vor denen ich manchmal etwas Kleingeld fand. Jeden Tag verlängerte sich die Route, doch nie erweiterte ich die Karte in meinem Kopf um mehr als eine Kreuzung oder einen Wohnblock auf einmal. Ich blieb ein gehemmter Kartograph. Ich schaute in die Fenster der Häuser, sah die alten Menschen in ihren Gärten arbeiten, Väter und Mütter nach Hause kommen, Spielzeug in den Einfahrten, bunte Kreidezeichnungen auf dem Asphalt und die ersten Blätter, die im September golden auf die Straße regneten. Ich zeichnete wie mit einem Zirkel - die erdachte Nadel stach ich als Startpunkt in den Rasen vor unserem Haus und meine Fahrten waren der Bleistiftstrich durch eine Welt, die ich Tag um Tag erweiterte. Alles wurde zu meinem Gebiet. Hätten meine Eltern gewusst, wo ich mich jeden Nachmittag aufhielt, wären sie sicher außer sich geraten. Doch für mein Verständnis fuhr ich jeden Tag nur eine einzige Kreuzung von meiner Heimat weg. Ich machte niemals größere Sprünge. Und doch erreichte ich nach einigen Wochen andere Viertel, Stadtteile, Dörfer, fuhr bis an den Stadtrand. Ich war ein beständiger, doch schüchterner Kartograph. Ein junger Gaviero Maqroll auf seinen Irrfahrten durch ein imaginäres Land.

Irgendwann erreichte ich bei meinen Touren als Achtjähriger einen Waldweg, der mir durch Wanderungen mit der Großmutter schon bekannt war. Auf diesem Weg gibt es ebenfalls drei Linksabbiegungen, die einen wieder zurück auf die Hauptstraße führen. Doch bei der ersten Abbiegung konnte man auch geradeaus weitergehen, wenn man einen kleinen Zaun überstieg, es schien offensichtlich verboten. Auf einer der Wanderungen hatte ich eine Gruppe Jugendlicher mit Bierdosen in der Hand auf diesem Weg gesehen und nun stand ich allein vor diesem Zaun. Ich band mein Fahrrad an einen Zaunpfahl, versuchte es mit ein paar Blättern zu tarnen und stieg an einer tiefen Stelle über den Stacheldraht. Es war 1991, fast Winter und ich stand bis zu den Knöcheln im nassen Laub, während die kahlen Äste über mir im Wind schaukelten. Ab hier gab es keinen befestigten Weg mehr und ich stapfte durch die matschigen Blätter. Manchmal befürchtete ich erwischt worden zu sein, wenn einer der Äste hinter mir im Wind knackte. Vor mir lag die Ungewissheit, das Rauschen der Autobahn und das Taumeln des Waldes. Zwischen den Bäumen lagen Bierdosen, Plastiktüten, Kondompackungen. Nach einem Kilometer erreichte ich eine kleine Lichtung. Das schien der Treffpunkt der Jugendlichen zu sein, noch mehr Bierdosen, Schnapsflaschen und Müll. Ich lief weiter, tiefer in den Wald hinein, es war ja noch keine Abbiegung gekommen, ich bewegte mich also immer noch innerhalb meines imaginären Konstrukts. Nach einem weiteren Kilometer endete der Weg vor einem großen Zaun. Dahinter eine Reihe Tannen und das Rauschen der nahen Autobahn. Der Zaun war zu hoch, um zu klettern. Also griff ich mit meinen Händen in die Drahtknoten und blieb davor stehen. Ich würde nie erfahren, wie es hinter dem Zaun und hinter den Tannen aussah. Ich kehrte noch sehr oft an diesen Ort zurück in diesem Winter. Das Rauschen der Autobahn täuschte eine Illusion von Unerforschtem vor und ich fiel darauf herein. Es wurde zu einem Rauschen, das mich mein Leben lang begleiten würde. Nur zwei Geräusche können dieses Empfinden in mir auslösen. Das Rauschen der fernen Autobahnen am Stadtrand und das weiche Tosen der Brandung. Die Strahlkraft des Unbekannten. Die Wogen der Unsicherheit, auf die ich mich nie begeben werde. Dreißig Jahre sind seitdem vergangen. Und ich bin immer noch der schüchterne Kartograph von damals, der epische Eroberer, der Urheber hinter der Zeit. Nur dass die Nadel des Zirkels mittlerweile in meinem Inneren eingeschlagen ist. Und ich den kosmischen Raum auf den Seiten anderer durchwandere.

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Pflaumenbaum

Die Bleistiftkästen in der Werkstatt meines Großvaters. 

Jede meiner Wohnungen, in der jetzt jemand anderes lebt. 

Die Holzstühle in meiner alten Schule. 

Der leere Waldweg, wenn ich nicht darauf laufe. 

Die Nadel meines Plattenspielers, die sich die ganze Nacht im toten Wachs dreht, nachdem ich zu Concierto de Aranjuez auf dem Sofa einschlafe. 

Die Nachttischlampe, die ich vergesse auszuschalten, bevor ich das Haus verlasse. 

Der Karton mit den handgetippten Erstfassungen.

Der Band mit Gedichten von Brautigan im Lichtkegel meiner Abwesenheit.

Der ausgewaschene Strafzettel, der seit Wochen hinter meiner Windschutzscheibe klemmt. 

Die Smith-Corona Galaxie, die in ihrem Koffer auf dem Dachboden steht. 

Die Flasche Pastis, die ich im Hotelzimmer in Istanbul stehen lasse. 

Die Tagebuchseiten, die ich seit zehn Jahren nicht wiedergelesen habe. 

Das Kinoticket in der Tasche des Mantels, den ich seit Jahren zum Schneider bringen will. 

Die Big Star Platte, die Hinter dem Regal festklemmt. 

Der Ast des Pflaumenbaums, auf den mein Onkel mich in meiner Kindheit jeden Abend hievt und der jetzt Morsch im Wind wippt. 

Die Bleistiftkästen in der Werkstatt meines Großvaters. 

Jede meiner Wohnungen, in der jetzt jemand anderes lebt. 

Die Holzstühle in meiner alten Schule. 

Der leere Waldweg, wenn ich nicht darauf laufe. 

Die Felskante der Klippe in Cassis, am Plage de Bestouan, und das Haus am anderen Ufer, mit dem Balkon auf das Meer hinaus. 

Das Café am Bosporus, in dem jetzt jemand anderes schreibt. 

Der kleine Pausenraum der Buchhandlung, in dem ich mich vor den Kunden verstecke und Borges lese. 

Der Schuppen, in dem ich zum ersten Mal geküsst werde. 

Der Karton mit Wollresten im Schlafzimmer meiner Großmutter. 

Der botanische Garten, in dem sie sich mit meinem Großvater fotografieren lässt. 

Die Triumph auf der sie dann nach Hause fahren. 

Die seifigen Blätter unter meinen Fahrradreifen. 

Das offene Notizbuch in meinem Schoß. 

Gulliver auf der verregneten Fensterbank. 

Der Rücksitz des orangenen Ford Capri meines Vaters. 

Die kühle Luft, die das Ohr unter dem Stetson streift. 

Das Schwarz-Weiß Kino der romanischen Fakultät. 

Weißweinküsse in der Caféteria.

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Analphabet und glücklicher Mensch

Niemand wartet auf dich. In tiefer Nacht sind es sogar noch weniger. Ich musste eine Reihe meines Bücherregals leerräumen, um diese Zeilen hier im Stehen tippen zu können. Mein Rücken zerfällt langsam auf meinem Stuhl. Zu meinen Füßen liegen unzählige bedruckte Papiere.

11. Mai 2020, 3:22 UHR

Niemand wartet auf dich. In tiefer Nacht sind es sogar noch weniger. Ich musste eine Reihe meines Bücherregals leerräumen, um diese Zeilen hier im Stehen tippen zu können. Mein Rücken zerfällt langsam auf meinem Stuhl. Zu meinen Füßen liegen unzählige bedruckte Papiere. Matt, glänzend, einige wie Zeitungspapier, einige wie 60er Jahre Tapete. Ich wollte in der letzten Woche anfangen, meine Bilder als Drucke zu verkaufen. Zuerst hatte ich vor, sie bei einem Dienstleister zu bestellen. Doch nach einigem Hin und Her musste ich mir eingestehen, dass das bei mir Kontrollfreak ein Albtraum werden würde. Also baute ich mir von meinen letzten Mücken ein kleines digitales Labor in meine Eulenfarm und verbrachte die letzten Tage mit der Suche nach Papieren. Und oh, boy. Als Papierfetischist eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Zu den ganzen Papieren, die ich probiert habe, werde ich zu gegebener Zeit noch schreiben. Gestern Nachmittag bin ich mit der Einrichtung und den Testdrucken gestartet. Jetzt ist es fast 4 Uhr in der Nacht und in den Stunden nach Mitternacht begannen die Drucke so auszusehen, wie ich es mir gewünscht habe. Die letzte halbe Stunde saß ich hier auf dem Teppich und habe einfach nur das Papier angefasst. Gleichzeitig lief „I could hear the water at the edge of all things“ von Hammock über meine Marshalls und der Titel fasst ganz gut zusammen, was ich jetzt fühle. Ich bin das einzige leuchtende Fenster in dieser Nachtstadt. Nur der Fluss ist mit mir wach geblieben und er wird mich überleben. 

12. Mai 2020, 17:44 Uhr

Ein Traum der kurzen Nacht: auf der Suche nach Polaroids mit blauem Rand für einen Bildband mit dem Titel „Blue Summer“ lande ich in einer stillgelegten Schule. Dort warten zwei ältere Damen auf mich in arabischen Nachtgewändern und überreichen mir einen sandigen Umschlag, in dem ich eine Adresse am Rand der Stadt finde. Schnitt. Dort öffnet ein runzeliger Mann die Tür, den ich aus meiner Kindheit erkenne, in meiner Erinnerung lebte er immer in einer Litfaßsäule wie in einem städtischen Leuchtturm, abgeschlossen von der Gesellschaft. Jetzt ist sein Haus ein Anwesen mit einem großen Weingarten. Und wir gehen durch die verwinkelten Räume, die vollgestellt sind mit alten Filmrollen, bis wir in einen kleines Kabuff mit einem Projektor und einigen roten Sesseln aus einem Kino kommen. Der Mann führt mich zu meinem Platz und verschwindet in einer winzigen Vorführkammer, die aussieht wie ein Kassenhäuschen auf einem Jahrmarkt. Schnitt. Der Film beginnt, es ist eine Mischung aus 16mm Film und Super 8. Im Vorspann wird Jonas Mekas als Filmer und Regisseur genannt. Der Film heißt „Die Innenseite des Mantels“ und es ist mein Leben, in Tagebuchform zusammengeschnitten auf drei Stunden wie in Mekas Film „Walden“, und ich spüre in meinem Rücken wie er mich vorwurfsvoll beobachtet, während ich nicht ein einziges Mal weine. 

13. Mai 2020, 11:23 Uhr

Das Verpackungsmaterial für die Drucke ist angekommen. Dafür muss ich mir etwas einfallen lassen. Auch für das ganze Papier, die Kamerataschen. Ich ertrinke in Dingen. 

14. Mai 2020, 20:00 Uhr

Die Drucke sind online. Ich habe mich für matte Photo Rags entschieden. Alles Glänzende stößt mich auf Dauer ab. Verschickt in flachen Kalenderkartons, die die Hälfte des Zimmers hier einnehmen im Moment. Noch zögere ich, das Ganze öffentlich zu machen. 

15. Mai 2020, 23:20 Uhr 

Ich habe es getan. Erleichterung und Vorfreude. Und jemand hat meine Kunst gekauft. 

17. Mai 2020, 18:30 Uhr 

Den ganzen Tag Drucke gemacht und signiert, nachdem ich am Morgen mit dem Bulli in die Nähe von Ramstein gefahren bin, um aus den Untiefen der ebay Kleinanzeigen eine 50 Jahre alte Werkbank zu befreien, die meinem Opa gefallen hätte. Ich brauchte etwas, um das ganze Zeug zu verstauen und das mir Platz gibt, die Drucke einzupacken und aufzuhübschen. Außerdem musste es dazu taugen, daran auch im Stehen an meinem Laptop zu arbeiten. Und das tut es. Diese Zeilen tippe ich frohen Mutes im Stehen über meine mechanische Tastatur in mein Tablet, bevor es gleich weiter ans Einpacken geht, damit Anfang der Woche die ersten Drucke auf den Weg gehen. 

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The Days run away like wild Horse over the Hills

Ich werde in zwei Wochen 37. Meine Biografie bis hier hin, alles andere als ein gerader Weg mit fest definierten Zielen. Viele Kurswechsel, Abbrüche, Neustarts prägten die Jahre nach meinem Abitur, in denen es mir nie wirklich schlecht ging.

Seit Wochen erzähle ich jedem, der es hören mag, dass es mir den Umständen entsprechend gut gehe. Dass es Menschen gebe, die in viel gravierenderen Situationen sind, die unmögliches Leid erdulden müssten. Zuhause bleiben und lesen, das schafft man schon. Was macht es schon aus, dass viele Dinge im persönlichen Kontext jetzt nicht mehr funktionieren, Projekte abgesagt werden, die Freiheit maßgeblich eingeschränkt ist und vermutlich auch bleibt. Wir leiden ja im Kollektiv und jegliches Jammern gilt es zu verkneifen. Manchmal fühlt sich dann ja direkt auf derselben Kampfseite mit den „I need a haircut“ Protestlern in den vereinigten Staaten. Doch es geht gerade nicht um den Einzelnen, auch wenn das Gravierende an der Situation von den Entbehrungen und Herausforderungen des Individuums befeuert wird.

ICH BIN EIN NARZISST, DU BIST EIN NARZISST

In etwa so habe ich es auch Frank Berzbach in einem Telefonat gesagt, der als Schriftsteller und Künstler ähnlich von der Krise betroffen ist. Seine Antwort: das stimmt schon, doch man muss sein Leid und seine Schwierigkeiten auch mal kommunizieren, ganz unabhängig von der Ausgangslage und ob man nun mehr oder weniger betroffen ist von der Krise. Das hat mir in den Tagen danach zu denken gegeben. Das Problem, offen zu sprechen, liegt in diesem Fall nicht daran, dass ich Narzisst bin. Sondern daran, dass ich das weiß und es versuche zu verbergen. In der Fotografie ist das kein Problem, da habe ich diese Figur „Bob Sala“ erfunden, an die ich diesen Narzissmus abtreten konnte in den letzten Jahren.

In den vergangenen Wochen ging es mir ähnlich wie den meisten. Es gab gute, es gab schlechte Tage. Ingesamt habe ich mich ganz gut durch die Wochen getragen, bin zusammengerechnet drei Marathons gelaufen in den Weinbergen, etwas das zu meinem Anker geworden ist im Tagesablauf, lasse ich einen Tag aus, endet dieser gedanklich nicht an guten Orten. Gleichzeitig mischt sich bei mir das Verarbeiten der aktuellen Lage und alle gesundheitlichen Sorgen mit meinem Verdrängungsimpuls. Das hier auszusprechen kommt mir immer noch falsch vor. Doch es ist auch eine Wut in mir, die ich in den vergangenen Wochen verdrängen musste. Und ich habe Angst, dass diese Wut derjenigen dieser Wutbürger nicht so unähnlich ist, wie ich mir immer versuche einzureden.

WENN ICH NUR MEHR ZEIT HÄTTE

Ich werde in zwei Wochen 37. Meine Biografie bis hier hin, alles andere als ein gerader Weg mit fest definierten Zielen. Viele Kurswechsel, Abbrüche, Neustarts prägten die Jahre nach meinem Abitur, in denen es mir nie wirklich schlecht ging. Ich hatte gute Jobs, Freunde, ich hätte immer wieder im Status Quo verweilen können. Trotzdem stach ich wieder und wieder in See, da das unterschwellige Gefühl, doch nicht an dem Ort zu sein, an dem ich sein wollte, immer wieder überhand nahm.

Etwa in der Zeit nach meinem 18. Geburtstag reifte in mir die undefinierte Vorstellung von einem Künstlerleben, die befeuert war von den Romanen, Briefen und Tagebüchern meiner liebsten Schriftsteller. Ich wollte Künstler werden, vielleicht schreiben. Seit diesem Entschluss sind fast zwanzig Jahre vergangen. Und in diesen zwanzig Jahren habe ich nicht ein einziges Mal wirklich versucht ohne doppelten Boden und nur als Künstler zu leben. Ich hatte die verschiedensten Jobs, die mir alle viel Spaß bereitet haben, doch immer hatte ich diese Vorstellung von einem nicht eingelösten Lotto Ticket, von dem man sich einredet, dass es gewinnen wird. „Wenn ich irgendwann mal wirklich Zeit habe, schreibe ich meinen Roman“, „Ich nehme mir irgendwann ein Sabbatical“, „Wenn ich nur mehr Zeit für meine Kunst hätte“ - Ausreden habe ich über die Jahre genug gefunden. Diese Ausreden führten vor knapp zehn Jahren zu der ersten Krise meines Lebens, die von ungelebten Träumen angetrieben war. Aus dieser Krise bin ich damals als „Bob Sala“ herausgekrochen und habe in einer neuen Kunstform viele Dinge ausgelebt, die mir all die Jahre gefehlt hatten. Dieses „jetzt mach ich das für mich und versuche nicht mehr irgendwem zu gefallen“ förderte jedoch auch den anfangs angesprochenen Narzissmus in der Sache, die ich für mich Kunst nenne.

BOB`S LETZTER SOMMER

In den letzten Jahren führte die Kurve dann wieder weiter nach unten. Immer wieder entmutigte mich der Gedanke, nicht endlich von meiner Passion und der Kunst leben zu können. Die Schere zwischen Realität und Traumwelt wurde wieder größer und im vergangenen Winter beschloss ich nach vielen durchdachten Nächten, dass ich es in diesem Jahr endlich versuchen will. Ich beschloss, einen sehr guten Job in Karlsruhe zu kündigen und es auf eigene Faust zu versuchen, mit meinen Fotos, dem Schreiben, mein ganzes Jahr habe ich auf den Start in mein Künstlerdasein ausglegt. Angefangen mit einigen Reisen, im März sollte es losgehen. Mein letzter Arbeitstag war der 11.3. Danach sollte es nach Barcelona, Panama, Sri Lanka, Kanada, Kalifornien, ein paar Wochen nach Paris und im Sommer für einen ganzen Monat nach Berlin gehen. Ich hatte mir einen kleinen Puffer aufgebaut und die Aufträge, die ich hatte, hätten mich auf jeden Fall bis in den Herbst gebracht, vielleicht sogar bis in den Winter. Ich wollte einfach sehen, was passiert, wenn ich wirklich mal all die Energie in mein Projekt stecke und mir keine Ausreden mehr suche. Ich wollte reisen, darüber schreiben, ungebunden sein, arbeiten egal von welchem Ort, mich verpflanzen würde Hemingway sagen.

All das hat sich innerhalb der ersten zwei Wochen nach meiner Kündigung zerschlagen. Ich verlor Jobs mit einem Volumen von knapp 20.000 Euro, alle Reisen und Auslandsjobs sind on hold. Und ich landete nach 15 Jahren als Angestellter allein in meiner Wohnung. Ohne Strukturen, mit großer Unsicherheit, einem finanziellen Puffer, der eigentlich für schlechte Zeiten gedacht war und der mich vielleicht bis in den Juni bringen wird. Es hätte keinen schlechteren Zeitpunkt für meinen Start in die Selbständigkeit geben können. In Krisenzeiten und bei wichtigen Entscheidungen stelle ich mir grundsätzlich dieselbe Frage: „Was ist das Schlimmste, das passieren kann?“ - die Antwort darauf war zu Beginn des Jahres: „Nach einem tollen Sommer voller Reisen und neuer Erfahrungen, merkst du, dass es nicht hinhaut und du musst dir im Herbst wieder einen festen Job suchen.“

Es kam bekanntlich alles anders und im Moment weiß man nichts so wirklich. Doch in den ersten Tagen der Quarantäne konnte ich es mir nicht verkneifen zu denken, dass das ein besonderes Zeichen sein könnte, dass es vielleicht doch nicht der richtige Weg ist. Ich bin nicht gläubig, sehe jedoch ständig Zeichen. Und vielleicht ist das alles auch nur ein Test, ob ich es wirklich will und kein dezenter Wink, dass ich es lassen soll. Das wird sich zeigen. Es geht bei allem nicht um mich. Wir sind die Randfiguren der Existenzen anderer. Doch meine Welt wird auf diese Weise geprüft im Moment. So wie andere Welten anderen Prüfungen ausgesetzt sind. Es tut trotzdem gut, es aufzuschreiben.

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Notizbuch (2)

Seit der Quarantäne wilde, teils psychedelische Träume in Realzeit. Mehrmals in dieser Woche direkt nach dem Wachwerden Bilder aufgeschrieben, Farben, Nöte. Die Tage entgleiten einem, zwischen Buchseiten, Waldläufen und Telefonaten.

10. APRIL 2020, 16:24 UHR

Seit der Quarantäne wilde, teils psychedelische Träume in Realzeit. Mehrmals in dieser Woche direkt nach dem Wachwerden Bilder aufgeschrieben, Farben, Nöte. Die Tage entgleiten einem, zwischen Buchseiten, Waldläufen und Telefonaten. Am Morgen Post aus London, Royal Air Mail, Adrian Henri, "Selected Poems 1960-1970", darin der Satz "mein Herz zerplatzt wie ein Aprilballon" - das tut es wirklich. In einem zweiten Paket eine Kiste blauer Bleistifte von Clemens. Gestern beim Umräumen zwischenzeitlich einen großen Kleiderspiegel an die Wand gegenüber des Schreibtischs gelehnt und dort vergessen. Heute dann beim Schreiben ständig versucht, nicht hineinzuschauen. Mein Weinhändler brachte gestern Weißen und Roten im Karton, auf dem Rücksitz seines weißroten Mustangs. Es könnte schlechter sein.

11. APRIL 2020, 1:37 UHR

Der Mond zwischen den Wolken, die nur deswegen ein bisschen schimmern. Höre seit Tagen nachts französische Platten. Ich kann meinen Plattenspieler mit einer kleinen Box verbinden und es klingt wie das Kofferradio, das mein Großvater sonntags in seinem Fahrradkorb durch die Gegend fuhr. Das Zimmer nur erleuchtet von Mond und Flimmerkasten. Mir fehlt die rastlose Ruhe des Lesens im Café. Ruhe dieser Tage ist oft unerträglich. Die Spannung in den Songs von Serge Gainsbourgs "No 4". Der Jarmusch Film in schwarz-weiß. Und man möchte jeden fragen: "Willst du noch nach oben kommen und ein Glas Wein trinken?". Wir, die auf dem Schrottbalkon den Mond anbeten. Ohne diese unerträgliche Spannung. Das Inhaltsverzeichnis der Wünsche.

11. APRIL 2020, 10:12 UHR

Der osmanische Luftfahrtpionier Hezarfen Ahmet Çelebi warf sich vor vierhundert Jahren mit selbstgebauten Holzflügeln (inspiriert von Leonardo da Vinci) vom Galata Turm in Istanbul und gleitete drei Kilometer über den Bosporus bis auf die asiatische Seite zum Dogancılar-Platz. Der Galata Birdman. Vom Sultan Murad IV. wurde er anschließend mit Gold und später mit Verbannung nach Algerien belohnt. Er starb mit 31. Vergangenen Dezember beschloss ich auf dem Dach des Galata Turms, dass ich irgendwann in den nächsten Jahren für ein paar Monate in Istanbul leben will, um zu schreiben. Im Fernsehen heute Bilder vor türkischen Supermärkten, Panik und Schlägereien, weil eine zweitägige Ausgangssperre zwei Stunden vor Ladenschluss über die Radiowellen ging. Die Bilder gefangen in einer Art Nachzeitigkeit. Gerade möchte ich nirgendwo sein. Auch nicht hier.

11. APRIL 2020, 17:37 UHR

Wenn wir uns das nächste Mal sehen, wird es Herbst sein. Deinen Sommer werde ich verpassen.

11. APRIL 2020, 18:45 UHR

Heute abwesend einen frischen Bleistift bis zur Hälfte durchgespitzt und eine kleine blaue Holzblüte neben den Mülleimer fallen lassen. Wenigstens das.

12. APRIL 2020, 11:49 UHR | VERSUCH ÜBER DEN GEGLÜCKTEN TAG

Eine leichte, einsame Trompete in den Hinterhöfen. Ein alter Mann vor dem Fenster im Arbeitszimmer fährt langsam Fahrrad, dass er immer wieder aus dem Gleichgewicht kommt und wild schwenkend ausgleicht. Ab und zu Blättern in "Versuch über den geglückten Tag". Wendungen um Wendungen, im Leeren.

14. APRIL 2020, 2:49 UHR

Wieder keinen Schlaf gefunden. In meine braunen Stiefel gestellt und losgelaufen in der Nacht. Unbestimmte Schritte in den Gassen der Altstadt. Die Wolken über der Straße, die geisterhafte Selbstverständlichkeit. Nächte, die von den Tagen nichts ahnen. Keine Fragen mehr im Raum, nur noch leises Rauschen. Deborah Levy lässt die Schüler ihrer Creative Writing Klassen die fiktiven Biografien schreiben, die die Replikanten in „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ auswendig lernen müssen, um in der Gesellschaft nicht aufzufallen. Ich spaziere weiter durch die Nacht. Spreche meine Biografie in die kalte Luft, als würde ich mir glauben.

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Der Sommer endet.

Überspannt. In der vergangenen Woche keine Nacht ohne Traum. Das Gefühl, mitten im Tiefschlaf geweckt zu werden, obwohl man verschlafen hat. Innerlich aber Ruhe, nach dem Entschluss, das Jahr in Teilen verloren zu geben.

1. November 2019, 20:17 Uhr

Überspannt. In der vergangenen Woche keine Nacht ohne Traum. Das Gefühl, mitten im Tiefschlaf geweckt zu werden, obwohl man verschlafen hat. Innerlich aber Ruhe, nach dem Entschluss, das Jahr in Teilen verloren zu geben. Volle Konzentration auf die Bereiche, die sich sich gerade noch lohnen. Die Arbeit, der vernachlässigte Körper. Gleichzeitig “Arbeit und Struktur” von Wolfgang Herrndorf wiedergelesen und Dinge in Perspektive bekommen. Am Mittwoch eine komplette Folge meines Podcasts aufgenommen und nur über Handke gesprochen. Gestern die Folge wieder gelöscht, um den Rechtfertigungen aus dem Weg zu gehen. Heute bereut.

2. November 2019, 11:20 Uhr

Kein Traum: Im Zug von Berlin nach Basel Wim Wenders begegnet. Erst die Erscheinung am Bahnsteig, der weite Mantel, der Brillenrahmen und der schwarze Hut mit braunen Ornamenten. Auch der an der Realität unbeteiligt waghalsige Schritt. Nach einer Stunde Fahrt der Beschluss, ihn in der 1. Klasse zu behelligen. Ich fand ihn im letzten Sechserabteil, seine Frau mit ihm am Fenster, zwischen ihnen Bücher und ein Laptop. Kurzer Mutverlust und dann Betreten des Abteils. Ich bedanke mich bei ihm, etwas zu förmlich, er nimmt meine Hand und fragt nach dem Stein um meinen Hals. Schwarzer Turmalin, von einer Freundin. Dann mein Geständnis, dass ich seinen und Peter Handkes Kurzfilm “3 amerikanische LPs” mehrmals die Woche zum Einschlafen schaue. “Da war ich ein sehr sehr junger Mann”, sagt er und wir sprechen über Handke. Die Enttäuschung, dass die meisten, die jetzt über Handke sprechen, ihn niemals gelesen haben. Er signiert meinen “Versuch über die Jukebox” und ich taumele lächelnd zurück in die 2. Klasse.

2. November 2019, 22:40 Uhr

Wieder in “Arbeit und Struktur” gelesen. Gleiche Voraussetzungen was die familiäre Bibliothek angeht. Bei uns im Bücherschrank: Das Guinness Buch der Rekorde 1986 und die 30-bändige Ausgabe der Bertelsmann Enzyklopädie in rotem Kunstleder. Erst mit 17 dann Hesse, Tucholsky, später Fitzgerald und Salinger von meinem Jazzfreund-Englischlehrer. Bildung per Zufall. Schöne Vorstellung, wo ich mich hätte hinlesen können.

3. November 2019, 10:20 Uhr

Der Sommer endet.

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We are fucking here

Ich bin auf Maui, Kahului Airport. Ein Sonntagmorgen. Pualani, das Hula-Mädchen mit dem einladenden Lächeln auf dem Purpur-Heck der Hawaiian Airlines Maschinen, taucht wieder und wieder in die Wolken über der Startbahn ein. Der Food Court ist der einzige klimatisierte Raum des Flughafens. Den Tisch am Fenster habe ich mir mit drei 7-Dollar-Bierdosen und einem Stück Pizza für 17 Dollar erkauft.

Ich bin auf Maui, Kahului Airport. Ein Sonntagmorgen. Pualani, das Hula-Mädchen mit dem einladenden Lächeln auf dem Purpur-Heck der Hawaiian Airlines Maschinen, taucht wieder und wieder in die Wolken über der Startbahn ein. 

Der Food Court ist der einzige klimatisierte Raum des Flughafens. Den Tisch am Fenster habe ich mir mit drei 7-Dollar-Bierdosen und einem Stück Pizza für 17 Dollar erkauft. Vor mir liegen die gesammelten Notizbücher der vergangenen Wochen, mein Diktiergerät, die Biografien von Alice Cooper, Shep Gordon und Dennis Dunaway. Außerdem Tourberichte und Albumkritiken von Lester Bangs, Michael Walker und Bob Greene. Dazu die aktuelle Ausgabe der Maui News, die über die bevorstehende Sonnenfinsternis berichtet, und eine Sammlung hawaiianischer Legenden und Mythen, die mir ein Surf Dude mit weißen Zähnen am Flughafenkiosk verkauft hat. Dank meines Jetlags war ich einige Stunden zu früh in der Abflughalle und unter dem Einfluss der morgendlichen Biere beginnen die Protagonisten und Nebenfiguren dieser Geschichte in meiner Fantasie vorstellig zu werden.

Da hätten wir Janis Joplin, die unvermittelt ihren linken Haken auspackt, Jimi Hendrix reitet auf einem vibrierenden Honeymoon-Bett durch das Landmark Motor Hotel, Salvador Dalí schneidet mit einer Nagelschere heißes Wasser und Jim Morrison wandert barfuß durch den Topanga Canyon nach Hollywood. Doch um die geht es hier nicht. Es geht um einen ehemaligen Bewährungshelfer, der den Sohn eines protestantischen Pastors auf den Weg zu einer der bekanntesten Kunstfiguren der Welt führt. Es geht hier und jetzt um hawaiianische Götter, Hühneropfer und ein Quäntchen Glück, um Alkoholsucht und lebenslange Freundschaft, um öffentliche Hinrichtungen, den richtigen Schwung beim Golfen und das Ende der Love & Peace-Kultur. Es geht um Rock’n’Roll in seiner ursprünglichsten Form. Es geht um Shep E. Gordon und Alice Cooper.

I. SCHOOL'S OUT

1972 fiel in einem Labelmeeting bei Warner Bros. der Satz „Let’s wrap a pair of paper panties around the vinyl to piss the parents off and sell more records.“ Dieser Ausspruch stammte von Shep Gordon, dem Manager der Alice Cooper Group, ehemaliger Drogendealer von Jimi Hendrix und zukünftiger Ex-Freund von Sharon Stone. Alice Cooper hatten gerade ihr viertes Album „Killer“ veröffentlicht, das es bis auf Platz 21 der Billboard Charts schaffte. Ein erster Erfolg, aber für Shep Gordon nicht annähernd das angestrebte Ziel. Mit der neuen Platte „School’s Out“ sollte Alice endlich in den Rock Olymp aufsteigen und dazu mussten alle Register gezogen und ein Schlüpfer zum Einsatz gebracht werden.

Doch bevor es zu diesem irrwitzigen Vorschlag kommen konnte, brauchte es eine Reihe kleinerer und größerer Zufälle, einige würden es vielleicht eher Bestimmung nennen. Auf welchen Zeitpunkt soll man den Urknall der Alice Cooper Group also datieren? Auf das Jahr 1968, als Shep in einer drogenvernebelten Nacht im Innenhof des Landmark Motor Hotels in Los Angeles von Janis Joplin verprügelt wird? Als ihre Kunstlehrerin Mrs. Sloan dem damals noch als Vincent Damon Furnier bekannten Alice Cooper und seinem zukünftigen Bassisten Dennis Dunaway an der Cortez High School in Phoenix, Arizona am Ende der Stunde eine Kopie von „The Freewheelin’ Bob Dylan“ überreicht?

2013 veröffentlicht Mike Myers die Dokumentation „Supermensch“, die die Lebensgeschichte Shep Gordons, einem der bekanntesten Unbekannten der Musik- und Fernsehgeschichte, nachzeichnet. Die Dokumentation und die von Shep nachgelieferten Memoiren „They call me Supermensch“ starten beide mit der Janis Joplin Szene im Landmark Hotel. Shep war von New York nach Los Angeles gezogen und hatte innerhalb eines Arbeitstages seinen Job als Bewährungshelfer verloren. Ohne viel Geld, dafür mit einem kleinen Vorrat an Gras und ein paar psychedelischen Drogen, nahm er sich ein Zimmer in dem heruntergekommenen Hotel und warf ein bisschen Acid ein. In der Nacht stand er zugedröhnt auf seinem Balkon und nahm wildes Schreien im Innenhof wahr. Ganz klar, da wurde jemand vergewaltigt. Er lief die Treppen herunter und versuchte die Frau aus ihrer Not zu befreien. Diese verpasste ihm allerdings direkt einen Schlag ins Gesicht. Ob er sie bitte in Ruhe lassen könne? – „We are fucking here!“

Am nächsten Tag ging er an den Pool. Dort sah er die Frau wieder, die er in der Nacht zuvor hatte retten wollen. „Bist du der Typ, der uns letzte Nacht gestört hat?“, blaffte sie ihn an – und stellte sich als Janis Joplin vor. Neben ihr am Pool saßen Jimi Hendrix, Lester und Willie Chambers von den Chambers Brothers, Bobby Neuwirth, der Road Manager von Bob Dylan und Paul Rothchild von Elektra, der damals die Alben von Janis und den Doors produzierte.

Shep entwickelte sich schnell zum Drogendealer Nummer 1 im Landmark und hing mit diesen damals noch nicht ganz so legendären Figuren der Musikgeschichte ab, die ihn irgendwann fragten, was er für ein Alibi hätte, falls die Cops mal im Landmark auftauchen sollten. „Tut einfach so, als wärt ihr unsere Manager.“ Und so wurde Shep Gordon Manager, zwar noch ohne Band, aber die vermittelte ihm dann Jimi Hendrix, der über Ecken von dieser Garagenband aus Phoenix wusste, die vielleicht noch einen Manager gebrauchen konnten. Ihr seltsamer Name: Alice Cooper.

Zurück zum Schlüpfer. Es ist 1972. „School’s Out“ würde der ganz große Wurf werden. Der endgültige Durchbruch. Das ist zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht abzusehen, weshalb Warner Bros. die Idee mit dem Slip aus Kostengründen ablehnen. Und da Shep kein Nein akzeptieren kann, bietet er an, die Kosten selbst zu bezahlen. Ein Vorgehen, das er laut Bob Greenes Tour-Memoiren „Billion Dollar Baby“ auch beim dritten Album der Band mit dem Titel „Love it to Death“ an den Tag gelegt hatte. Um das Album bei den Verkäufen auf Gold-Status zu bekommen, kaufte Shep angeblich selbst die noch fehlenden 250.000 Schallplatten dem Label ab. „Ein Investment in die Zukunft“, habe er es genannt.

Shep Gordon konstruierte öfter kleine Skandale, um seine Künstler in die Presse zu bekommen. Seien es Anrufe bei der Polizei, um ein laufendes Konzert unterbrechen zu lassen oder das eine Mal, als er Alice bei einem der frühen Konzerte ein lebendes Huhn auf die Bühne geworfen hatte, der dieses in die Menge segeln ließ, wo es in tausend blutige Teile gerissen wurde. Die Presse ist ausgerastet. Shep hatte nicht mit dem Hühnermassaker gerechnet und nahm nach eigener Aussage auch nie wieder den Tod von Tieren in Kauf. Die Publicity nahm er aber gern mit.

Zurück zum Schlüpfer. Shep setzte jedenfalls irgendwann seinen Willen durch und brachte den Hersteller der Plattencover dazu, einen guten Preis zu machen und Warner Bros. willigte letztendlich ein. Wobei er darauf achtete, nicht entflammbare Papierslips aus Kanada zu importieren. Gleichzeitig ließ Shep in Frankreich 100.000 weitere Slips anfertigen, die nicht den Regularien entsprachen, ließ diese an Warner Bros. verschicken und rief seinen Freund Tom Zito von der Washington Post an und erzählte ihm von einer großen Story, die er für ihn hätte, wenn dieser ihm dafür die Titelseite versprechen würde. Shep gab ihm die Versandnummer der illegalen Lieferung und was Zito noch so an Infos brauchte und der Plan ging auf. Die Lieferung wurde vom Zoll konfisziert und Tom Zito war vor Ort, um darüber zu berichten. „The Largest Panty Raid in History“ machte die Runde, andere Zeitungen griffen die Story schnell auf und innerhalb von wenigen Tagen wussten Millionen Eltern in Amerika davon, dass das neue Alice Cooper Album, das diese Woche erscheinen sollte, in einem Damenslip eingepackt bei ihren Kindern landen würde. Und der Rest ist Geschichte.

II. BRUTAL PLANET

Eine Woche vor Maui. Sonntagabend. Eine unbeeindruckte Kassiererin drückt mir einen schwarzen Pass mit einem grünen Alice-Cooper-Logo in die Hand: TV/Photo VIP. „Patch that on your jacket“, sagt sie und schickt mich zum Presseeingang des Greek Theatres in Los Angeles. Um mich herum vor allem Freaks. Das Konzert ist ausverkauft. Neben Alice treten Deep Purple und Edgar Winter auf, den man bereits spielen hört. Ein älterer Herr spaziert durch den Sicherheitsscanner, was nicht viel Sinn ergibt, da er nur einen winzigen Slip aus Kunstfell trägt, dazu ist er wild geschminkt und die Fellmütze auf seinem Kopf tropft vor Schweiß. Auf seinem Bierbauch balanciert er eine Coors Light Dose. Niemand beachtet ihn, die Ordner verzichten auf eine Durchsuchung. In einer kleinen Bucht direkt am Eingang zu den Tribünen sammeln sich die Fotografen. Eine sehr kleine Frau mit der Stimme von Sylvester Stallone gibt uns Anweisungen: nur drei Songs dürfen fotografiert werden, bleibt im gekennzeichneten Bereich – „danach führen wir Euch wieder ab.“ Hinter dem Tor sehe ich, wie Shep Gordon auf dem Weg in den Backstage Bereich Hände schüttelt und einem jungen Mann ein Kompliment für seine Alice Verkleidung macht. Er wirkt größer als im Fernsehen, tiefenentspannt und gleichzeitig ein wenig nervös. Sein Hawaiihemd flattert locker im Wind und dann verschwindet er durch eine schwarze Metalltür.

„Okay, let’s go, guys“, die Frau mit der Stimme von Sylvester Stallone läuft vor uns durch die Menge, ihr Klemmbrett eng an die Brust gedrückt und das Headset locker um den Hals. Wir haben Probleme, ihr zu folgen. Das Greek Theatre fasst um die 10.000 Menschen, und diese füllen jeden einzelnen Platz auf den Tribünen über und unter uns. Die Konzerte finden unter freiem Himmel statt. Band-Shirts und kurze Hosen als Dresscode. Der Fotografenbereich ist etwa 30 Meter von der Bühne entfernt und man sieht die Verwunderung in den Gesichtern einiger Kollegen, die auf diese Entfernung nicht vorbereitet sind. Dazu gehöre ich. Die anderen Fotografen flanschen riesige Objektive an ihre Kameras, wie man sie bei Footballübertragungen sieht und richten sie auf das Bühnenbild. Die Spinnenaugen von Alice leuchten auf einem großen Stofftuch über der Menge. Wir stehen direkt hinter der Bucht der Sounddesigner und kurz bevor der Vorhang fällt, nimmt Shep direkt auf dem Platz dem Tontechniker Platz. Noch während er allen die Hände schüttelt, gehen die Lichter aus. Alice betritt die Bühne zu den Klängen von „Brutal Planet“, ganz entspannt im ersten seiner vielen Outfits und genießt die Begeisterung der ersten Reihen. Shep wirft einen Blick über die Schulter zu seinem Techniker und streckt seinen Daumen hoch. In der dunklen Kabine sieht man nur seine Silhouette, die glänzende Stirn, die leicht feuchten Augen und ein stolzes Lächeln, das etwas Väterliches ausstrahlt.

Was dann in knapp zwei Stunden passiert, ist eine über 40 Jahre ausgereifte Eskalation auf allen Ebenen. Ein Alice Cooper Konzert ist ein über Jahre zur Perfektion orchestrierter Exzess. Das geht weit über zu viel Schminke und Geisterbahnrequisiten hinaus. Coopers Welt zwischen Frackträger-Dirigent, Latex-Frankenstein und glitzerndem Leopardenrock lässt dem Zuschauer wenig Gelegenheit, darüber nachzudenken, was dort auf der Bühne gerade passiert. Man bleibt in Alarmbereitschaft, da zu jedem Zeitpunkt alles passieren kann. Die Choreografien haben sich in ihrer Anlage über die Jahrzehnte kaum verändert, auch wenn Alice musikalisch sehr oft neue Wege eingeschlagen hat. Seine Show war und ist sein großes Pfund. Aus heutiger Sicht wirkt sie rührend altmodisch, die Generation der Nullerjahre würden sie vielleicht als retro bezeichnen, doch Alice verfügt aus seiner Karriere über ein Repertoire an Songs, das jeden noch so neutralen Zuschauer nach einiger Zeit vom Sitz holt. Das Greek Theatre steht an diesem Abend im August nach zwei Songs Kopf. Alice reiht Hit an Hit an Fan-Liebling und von vorn. „Ich war auch bei zwei anderen Konzerten der Tour, aber in L.A. war Alice auf der Höhe seines Könnens“, verrät mir Shep Gordon eine Woche später im Garten seines Anwesens am Strand von Maui. Doch von Hawaii weiß ich in diesem Moment noch nichts.

III. EARWIGS TO ETERNITY

Es gibt vier maßgebende Veröffentlichungen, die den Aufstieg Alice Coopers aus Augenzeugensicht beschreiben. Die Bücher unterscheiden sich in einigen Details (das Huhn wird mal von Shep angeschleppt, mal gehört es schon lange zur Bühnenshow, bevor es in der Menge aufschlägt, ...), jedoch vor allem in der Gewichtung der einzelnen Entwicklungsschritte der Band. Shep Gordon geht in „They call me Supermensch“ vor allem auf strategische Komponenten und Marketing-Coups ein, Alice Cooper schließt in „Golf Monster“ nur einen kurzen Abschnitt über die gemeinsamen Jahre ein, Journalist Bob Greene durfte 1973 als Background-Sänger mit auf die „Billion Dollar Babies“-Tour und schaut auf die Geschichte der Band vom Standpunkt zwischen dem größten Erfolg der Band und ihrer Auflösung. Nur Dennis Dunaway geht in seinem Buch „Snakes! Guillotines! Electric Chairs! My Adventures in the Alice Cooper Group“ sehr viel detaillierter auf die ersten Bandjahre ein.

Nach den ersten künstlerischen und musikalischen Aha-Erlebnissen im Kunstunterricht von Mrs. Sloan an der Cortez High, gründeten Vince und Dennis für einen Talentwettbewerb an der Schule eine Band. Sie traten als The Earwigs auf und coverten Beatles-Songs, bevor sie in kleinen Clubs als The Spiders vorwiegend mit Yardbirds- und Rolling Stones-Stücken unterwegs waren. Der letzte Bandname vor Alice Cooper war dann The Nazz. Dennis Dunaway lernte die ersten Griffe auf der Gitarre von Glen Buxton, dem späteren Lead-Gitarristen, verschwand in den Sommerferien nach den ersten Gehversuchen mit seinem Bass in seinem Elternhaus und überraschte Vincent und Glen zum neuen Schuljahr mit seinen neu gelernten Fähigkeiten. Buxton wurde später vom Rolling Stone zu einem der besten 100 Gitarristen aller Zeiten gewählt und seit seinem frühen Tod 1997 zieren die Noten seines legendären Riffs von „School’s out“ seinen Grabstein. Drummer Neal Smith und Keyboarder Michael Bruce vervollständigten die ursprüngliche Besetzung der Alice Cooper Group, ein zu Beginn unschlagbares Team, dessen Zusammenhalt sie alle Klischees der typischen Bandlehrjahre überstehen ließ: Zu fünft im Keller einer Freundin wohnen, in Bullis oder in billigen Hotelzimmern übernachten, die sie oft nicht mal bezahlen konnten, bei denen sie in den schlimmsten Phasen sogar mehrfach die Zeche prellen mussten. Und trotzdem schwammen sie auf einer Welle und bespielten bald dieselben Clubs wie die großen Bands der Zeit. Sie lernten Janis Joplin im Landmark kennen, Jim Morrison besuchte sie in ihrem heruntergekommenen Haus im Topanga Canyon und lief nach einer Séance in ihrem Keller barfuß zurück nach Hollywood. Sie verbrachten viel Zeit mit Jimi Hendrix, Dunaway ist besonders eine Nacht in Erinnerung, in der Jimi die Vibrationsfunktion seines Hotelbetts entdeckt. Er lässt sich sofort Unmengen Vierteldollarmünzen wechseln und lädt das ganze Hotel auf einen Ritt in seinem Zimmer ein.

Zeitgleich zu unzähligen schlecht bezahlten Gigs im Whiskey a Go Go Club ging die Band erstmals ins Studio. Zwei unter Frank Zappas Schirmherrschaft produzierte Alben Ende der 60er hatten mäßigen Erfolg, doch dann trat Shep E. Gordon auf den Plan, der die Band kurze Zeit später mit Bob Ezrin verkuppelte, welcher mit ihnen ihren typischen Sound entwickeln würde. Eigentlich wollte Shep The Guess Who-Produzent Jack Richardson für die Band gewinnen, der schickte jedoch nur seinen Assistenten Ezrin. Ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte. Bis heute zeichnet sich Ezrin für die Produktion des Großteils der Alice-Alben verantwortlich. Neben einem klar de nierten Sound begann sich allmählich auch die markenbildende Bühnenpersönlichkeit zu entwickeln. Die große Stärke der Band war es von Anfang an, sich nicht zu ernst zu nehmen. Vincent und Shep sahen die Industrie als große Spielwiese. Es gab nur Aktion und Reaktion. Mit welchem Coup konnte die größtmögliche Reaktion in der Öffentlichkeit hervorgerufen werden? Papierschlüpfer, Hühnerspielchen und öffentliche Hinrichtungen am Ende jeder Show waren nur die Spitze des Eisbergs.

IV. WELCOME TO MY NIGHTMARE

Nach „School’s Out“ und einer bahnbrechenden Tour mit dem gleichnamigen Album legte die Band mit „Billion Dollar Babies“ ihr erfolgreichstes Album vor. Sie toppten die Charts in den usa und gingen auf eine Tour, die stilprägend für die nachfolgenden Generationen war. Das Ausmaß der Produktion übertraf alles, auch im Bereich der Kosten. Und das in einer Zeit, in der Konzerte nur zur Promotion dienten. „Wir hatten ausverkaufte Hallen, aber wir kamen gerade so bei Null raus. Die Tickets kosteten damals nur 2,50 Dollar oder noch weniger. Es ging darum, die Konzertbesucher anschließend in die Plattenläden zu bekommen“, sagt Shep E. Gordon über diese Zeit. Bands mussten zwei Alben und zwei Touren pro Jahr liefern, um jede mögliche Welle zu reiten und den Umsatz zu verbessern. Ein Rhythmus, den die ursprüngliche Besetzung der Band irgendwann nicht mehr halten konnte. Und so musste Glen Buxton bei den Studioaufnahmen zu „Babies“ in einigen Fällen von einem Gastmusiker ersetzt werden. Die Band verbrachte kaum noch Zeit zusammen. Bob Greenes Bericht über das Ende der Band in „Billion Dollar Baby“ bringt es für Shep auf den Punkt – wobei die Veröffentlichung des Berichts selbst der endgültige Nagel im Sarg war. Vincent Furnier hatte sich unterdessen den Namen Alice Cooper in seinen Pass eintragen lassen und arbeitete nach der Trennung der Band allein mit Shep weiter. Sein TV-Special „Welcome to my Nightmare“ war zu gleichen Teilen Emanzipation und Aufbruch in eine neue Schaffensphase. Der Erfolg des Albums war eine Ansage an seine Kritiker und die Branche.

...Nach dem Aufwachen das erste Budweiser aus dem Kühlschrank neben dem Bett, um in Wallung zu kommen, danach einen halben Liter Blut erbrechen, um das System zu reinigen, im Anschluss die nächsten Budweiser, im Laufe des Tages dann Umstieg auf Coke mit ein paar Schuss Seagram’s VO Whiskey bei härter werdender Mischung gegen Abend...

Mit wachsendem Erfolg und Bekanntheitsgrad verlor Alice Cooper sich zunehmend im Nachtleben von Los Angeles und gründete seinen eigenen Trinker-Club in der oberen Etage der Rainbow Bar. Zu seinen Hollywood Vampires zählten unter anderem John Lennon und Harry Nilsson, die mit ihm über ein Jahr lang sein „neverending weekend“ feierten. In dieser Zeit trafen Shep und Alice auch auf Salvador Dalí, der in einem Restaurant eine Kanne heißes Wasser bestellte, das er im hohen Bogen in seine Tasse goss, um es mit einer kleinen Schere in der Luft abzuschneiden. Alice war schon früh von Dalí beeindruckt und ließ sich von dessen Kunst für die Bühnenshows inspirieren. Diese kleine Heißwassershow war ein erleuchtender Moment für Shep und ihn.

„Ich war ein gut funktionierender Alkoholiker“ schreibt Alice in „Golf Monster“, „man hat mir weder bei den Konzerten noch den Interviews angemerkt, dass ich betrunken war.“ Irgendwann musste er sich jedoch eingestehen, dass er den Alkohol brauchte, um zu funktionieren. Shep und Coopers Frau Sheryl Goddard intervenierten und schickten ihn in seinen ersten Entzug. Die Erfahrungen aus dieser Zeit verarbeitete er in „From the inside“. Und doch sollte es nicht sein letzter Besuch im Entzug gewesen sein. Die Sucht würde ihn noch über Jahre verfolgen, was beinahe auch zum Bruch mit Shep geführt hätte.

V. HOW YOU GONNA SEE ME NOW

Die Küstenstraße in dem kleinen Dorf auf Maui, in dem Shep E. Gordon seit den 70er Jahren wohnt, biegt irgendwann nach einigen Taco Bells und Souvenirshops wieder ins Landesinnere ab. Von dieser Kurve zweigt ein kleiner Weg ab,

„Dead End“ liest man auf einem schwarzen Schild. Ich biege trotzdem ab. Nach ein paar hundert Metern halte ich mit meinem Mietwagen vor einem grauen Metalltor. Die Hausnummer, nach der ich suche, gehört zum letzten Haus in der engen Straße. Ich stelle den Wagen auf ein Rasenstück vor der Einfahrt und schnalle meinen Kamerarucksack um, als ein gedrungener Mann mit einem Schnäuzer mich aus dem Fahrerfenster eines uralten Datsuns anspricht: „You’re going to Shep’s?“

Er wirkt verschlafen, sein Sitz ist weit zurückgekippt und ich kann sein Gesicht kaum erkennen. „Um, yes“, antworte ich. „You need to press the black button.“ Auf der Gegensprechanlage ist tatsächlich nur ein kleiner schwarzer Knopf zu finden. Ein paar Sekunden vergehen und das Tor öffnet sich. Der rostige Datsun folgt mir im Schritttempo und für einen Augenblick befürchte ich, ich habe gerade Sheps hawaiianischen Stalker mit auf das Gelände geschleust. Shep kommt uns entgegen, er humpelt ein wenig, das linke Bein in einer Kunststoffschiene. Er gibt mir die Hand und geht an mir vorbei zum Fahrerfenster des Datsun. Die beiden kennen sich, was mich beruhigt. „Weißt du, wer das war?“ fragt mich Shep. „Nein“, antworte ich. „Kennst du die Band Traffic?“ Es stellt sich heraus, dass ich soeben Dave Mason kennengelernt habe.

Shep hatte in letzter Minute einem kleinen Interview inklusive Fotosession für meinen Trip zugestimmt. Erst am Donnerstag hatte ich mir einen Flug von Los Angels nach Maui für Freitag gebucht und die Nacht zum Samstag in einer Airbnb-Hippie-Siedlung verbracht. Unter dem Einfluss der ersten hawaiianischen Eindrücke betrete ich Gordons Gelände und die Erinnerungen an die „Supermensch“-Doku beginnen sich mit der Realität abzugleichen. Es riecht nach Geschichte. Shep ist ein Gentleman und ein geübter Gastgeber. Sheps Erfolg misst sich nicht an Geld und Ruhm. Ihm ging es immer schon um Selbstverwirklichung, um das „coming to terms with your life“, deshalb ist er eine so unwirkliche Figur in der Musikbranche. Er ist knallharter Geschäftsmann und trotzdem verzichtet er bei Alice schon immer auf einen schriftlichen Vertrag. „Ich vertraue Shep und habe ihm immer all meine Geldangelegenheiten überlassen“, schreibt Alice in seiner Biografie, „und wenn tatsächlich mal irgendwann keins mehr da sein sollte, würde ich ihn nur fragen, wo wir wieder neues herbekommen!“ Als Shep die Band kennengelernt hatte, versprach er ihnen, nicht mit der Arbeit aufzuhören, „bevor wir nicht alle Millionäre sind.“ Für ihn und Alice war der Plan aufgegangen. Doch wenn man durch die Räume seines Hauses auf Maui schreitet, ist Geld das letzte, an das man denkt. Die Wände sind tapeziert mit Erinnerungen. Natürlich gibt es die obligatorischen Collagen aus Goldenen Schallplatten der meisten seiner Künstler. Doch man spürt, dass es hier um mehr geht.

Alice Coopers Alben aus der ersten Hälfte der 1980er fehlen in dieser Sammlung. Er veröffentlichte drei Alben, an die er sich laut eigener Aussage überhaupt nicht mehr erinnern kann. „Das war eine harte Zeit, in der auch wir unsere Probleme hatten“, so Shep, „er nahm auch härtere Drogen und damit wollte ich nichts zu tun haben. Ich hörte auf, für ihn zu arbeiten, ließ ihn lediglich mein Büro benutzen. So lange er Drogen nahm, konnte ich ihn einfach nicht unterstützen.“ Der erneute Absturz führte zu einem weiteren Entzug, der Alice endlich auf den richtigen Weg brachte. Er tauschte seine Alkohol- und Drogensucht endgültig gegen eine exzessive Golfleidenschaft ein, die ihn bis heute fast jeden Tag auf ein Grün führt. Mit der Gesundheit und dem Album „Trash“ kam Ende der 80er dann der Erfolg zurück, bevor Alice 1991 durch die „We’re not worthy“-Szene in Mike Myers Film „Wayne’s World“ auch für die MTV-Generation zu einer popkulturellen Legende avancierte. Und seitdem hält die Erfolgswelle an.

Aktuell ist Alice mit seinem neuen Album „Paranormal“ auf Tour, die Zeichen stehen gut dabei. Max Vaccaro, Labelchef von earMusic, hat dem Großmogul des Hardrocks die Türen geöffnet und jener dankte es mit einer wirklich außergewöhnlichen Platte. Eine Platte, die erneut von Bob Ezrin produziert wurde, sie beinhaltet unter anderem zwei Songs mit der originalen Besetzung der Band. „Wir hatten immer einen guten Kontakt mit den anderen Bandmitgliedern, auch nach der Trennung“, erklärt Shep. Ein gemeinsames Album sei zwar noch nicht geplant, aber „who knows?“

Sheps Haus liegt direkt am Strand und während ich ihn fotografiere reiten ein paar Regenwolken auf den Sommerwinden Richtung Sonnenuntergang. Shep zuzuhören hat etwas Beruhigendes, man spürt seine fast mythische Verbindung zu diesem Ort in der Natur, an dem er seinen Frieden gefunden hat. In dem Flughafenpaperback mit hawaiianischen Legenden wird der Halbgott Maui als Kämpfer für die gute Sache beschrieben, der nicht mit den besten Voraussetzungen gesegnet ist. Er ist nicht der beste Fischer, doch er gelangt in Besitz eines Zauberangelhakens, mit dem er die gesamte hawaiianische Inselgruppe aus den Tiefen des Meeres angelt. Er fängt die Sonne ein und macht sie langsamer, damit der Tag mehr Stunden hat und entdeckt für sein Volk das Feuer. Und er baut einen großen hölzernen Vogel, unter dessen großen Flügeln er seiner Familie Wärme und Sicherheit bieten kann. Wer einen Nachmittag mit Shep verbracht hat, kommt bei der Lektüre dieser Geschichten nicht umhin, ein bisschen von ihm in der polynesischen Mythologie zu sehen. Doch das wiederum wäre Shep Gordon sicher zuwider. Er ist am glücklichsten in seinem Tiki-Häuschen, während ein gutes Footballspiel auf einem übergroßen Fernseher läuft und er seine Familie um sich herum versammelt hat.

ANMERKUNG:

Dieser Text erschien zuerst in dem Bookazine „Vinyl Stories“ – Bookish Periodical – Ausgabe 3/2017, herausgegeben von Elegant, eine Marke der Edel Germany GmbH: https://www.edel.com

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Salao

Auf dem Weg nach Hause hörte ich gestern das Hörbuch von Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Es ist fast 15 Jahre her, seit ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, danach dann noch ein paar Mal in meinen Zwanzigern und gestern dann wieder.

Auf dem Weg nach Hause hörte ich gestern das Hörbuch von Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Es ist fast 15 Jahre her, seit ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, danach dann noch ein paar Mal in meinen Zwanzigern und gestern dann wieder. Gleich zu Beginn benutzt Hemingway dort ein Wort, das ich vergessen hatte. „Salao“, was wohl vom spanischen „salado“ kommt, salzig, und so viel bedeutet wie das größtmögliche Pech, das ein Fischer haben kann. In Hemingways Buch geht es um einen alten Fischer, Santiago, der fast drei Monate lang jeden Tag ohne Beute in den Hafen zurückkehrt und deshalb von den anderen Fischern als salao abgetan wird, der seinen Mut aber noch nicht verloren hat und jeden Morgen aufs Neue aufs Meer rudert. 

“Das Segel war mit Mehlsäcken geflickt, und zusammengerollt sah es wie die Fahne der endgültigen Niederlage aus”

— Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

Salao - Dieses Wort und der Satz, „Das Segel war mit Mehlsäcken geflickt, und zusammengerollt sah es wie die Fahne der endgültigen Niederlage aus“, ließen mich gestern abschweifen. Die letzten Wochen waren so voll von Ereignissen, guten und teilweise wunderbaren Ereignissen, dass ich mir fast erlaubt hätte, den vorangegangenen Winter ganz zu vergessen. Einen Abschnitt in meinem Leben, ohne den ich das jetzige Hoch sicher nicht halb so wertschätzen würde. Salao, das größtmögliche Pech, hat eigentlich nur seine Richtigkeit, wenn man in der Umkehr davon ausgeht, dass alles was einem normalerweise passiert mit Glück zu tun hat. Wenn man das Wort Glück benutzt, läuft man allerdings in unserer Gesellschaft direkt Gefahr, seine Leistung zu schmälern. Es kommt fast einem Geständnis gleich. Doch wenn ich auf die letzten zwei Jahre Blicke, komme ich nicht umher, einzugestehen, dass all die wirklich großen Ereignisse durch glückliche Zufälle zustande gekommen sind. Australien, Las Vegas, Hawaii. Es brauchte natürlich ein paar Jahre harter Arbeit von mir, das ist mir bewusst, aber am Ende spielt Glück doch einen großen Faktor. Vielleicht habe ich mir das aber auch nur zu sehr eingeredet, mir eine Ausrede gesucht, meinen Einfluss auf mein Schicksal unterschätzt. Immer wieder gab es diese Momente unglaublichen Glücks in den letzten zwei Jahren. Immer wenn ich dachte, jetzt hätte ich meine Reserven davon endgültig aufgebraucht, kam ein neues, aufregendes Projekt oder eine schicksalhafte Begegnung aus dem Nichts und es ging wieder für ein paar Monate weiter. Irgendwo in dieser Welt aus Rausch und Bestimmung habe ich dann wohl das Lenkrad losgelassen und mich komplett in die Hände des Schicksals begeben. Und das hielt in diesem Winter keine Pläne sondern eine Prüfung für mich bereit. 

Viele Worte gehen den Leuten mittlerweile sehr leicht von der Hand. Schwere Worte, die man nicht leichtfertig benutzen sollte. Schicksal ist so eins. Und irgendwie ist auch das Wort „Depression“ so eins. Meine Innenwelt mit diesem Begriff in Verbindung zu bringen, das wäre nicht richtig. Da ich Menschen kennengelernt habe, die wirklich unter einer Depression leiden. So tief ist das Schwarz bei mir nicht, ist meine Gewalt über mein Denken und zu fühlen noch zu stark. Über richtige Depressionen hat David Foster Wallace in seinem Text „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ sehr treffend geschrieben. Umschrieben vielleicht. Es sei zum Beispiel als wäre man unter Wasser, es gibt aber keine Wasseroberfläche und egal wohin man schwimmt, man trifft überall nur wieder auf dunkles Wasser und kommt nie an die Luft. So ist es bei mir nicht. Aber manchmal so ähnlich. Bei mir gibt es eine Wasseroberfläche, eine Meeresoberfläche. Und ich bin auch nicht direkt im Wasser, sondern in einem muffigen, schweren Taucheranzug mit einem altmodischen Taucherhelm aus Metall. Ich fühle mich durch ein Seil verbunden mit der Wasseroberfläche und in meinem Bewusstsein weiß ich immer, dass ich mich an diesem Seil wieder nach oben ziehen kann, retten kann. Mein Unterbewusstsein zieht mich allerdings immer wieder und gerne tief in das dunkle Wasser und dort fühlt es sich manchmal sehr gut an, weshalb auch mein Bewusstsein sich, mit der Gewissheit des sicheren Seils zur Oberfläche, absichtlich mit in noch tiefere Gewässer bewegt. Dort bin ich allein, ich blicke nicht mehr auf zur Oberfläche, schwebe nur durch unzählige Schattierungen der Dunkelheit, die auf mich wirken wie müde gewordene Farben. Dort bin ich allein, und salao, denn das ist dort unten nicht das größtmögliche Pech, dort ist es Glück. Dort unten leben alle meine Niederlagen und sie erwachen zum Leben, wenn ich sie dort besuche, feiern ein großes Fest mit alldem als Gast, mit dem ich nie meinen Frieden gefunden habe. Es ist eine schwarze Feier. Und ich bin der Gastgeber. Man trinkt dickflüssige Melancholie aus Sektschalen, ist gekleidet wie Scott und Zelda Fitzgerald und immer gleichbleibend erregt. Es ist leicht, sich dort einen Rausch anzutrinken. Drei, vier Gläser dieser Melancholie und ich fühle mich unbesiegbar. 

Von dem Festsaal führt ein langer, fensterloser Gang zu einem kleinen Zimmer mit einem Schreibtisch. An den Wänden hängen meine Erinnerungen als gerahmte Fotografien und während die feierlichen Geräusche aus dem Festsaal noch leise an mein Ohr dringen, tippe ich diese Worte hier auf geliehenes Papier. Manchmal kann ich nur dort schreiben. Manchmal nur dort fotografieren. Manchmal nur dort leben. Es gelingt mir immer, von dort zurückzukehren. Gestärkt und voller Inspiration. Nur im vergangenen Winter gelang mir das nicht. 

Ich will mich gedanklich nicht wieder in diese Zeit zurückversetzen, die etwa im November vergangenen Jahres begann. Nachdem ich die Reportage über Shep Gordon und Hawaii geschrieben hatte, setzte bei mir eine große innere Leere ein. Was jetzt? Eine Frage, die ich mir zum ersten Mal seit langer Zeit nicht beantworten konnte. Ich tauchte wieder unter Wasser, doch im Vergleich zu den Malen davor, blieb ich für eine lange Zeit unter der Wasseroberfläche. Auch wenn ich nicht tief getaucht bin, wirklich oben war ich in dieser Zeit dann nie. Auf einmal konnte ich Peter Handke lesen, ein Autor, der mich mit seiner pedantischen und kleinteiligen Schreibweise während des Studiums zum Wahnsinn getrieben hat. Plötzlich fand ich Ruhe in seinen Worten, in seiner Kleinteiligkeit und las mich durch fast zehn seiner großen Romane in nur ein paar Wochen. Um den Jahreswechsel kamen dann noch finanzielle Schwierigkeiten dazu, da einige fest eingeplante Jobs abgesagt und mein Magazin vom Markt genommen wurde. Ein neues Jahr begann, nach all dem RocknRoll der Zeit davor, und ich konnte meine Miete nicht zahlen. In diesem Abschnitt meines Lebens tauchte ich so tief wie nie zuvor. Doch statt in dem Schreibzimmer verbrachte ich Wochen auf dem schwarzen Fest meines Unterbewusstseins und besoff mich an der Melancholie und feierte mein ganz eigenes, nie Enden wollendes Wochenende aus Regennächten und Schlaftabletten. Bis ich Ende Februar dann im Krankenhaus landete. Ich war bei mir im Büro zusammengebrochen und mit einem Krankenwagen in die Notaufnahme gebracht worden, die völlig überfüllt gewesen war und wo man mich auf dem Flur in einer Ecke abgestellt hatte.  Es roch nach Fäkalien und Desinfektion. Niemand beachtete mich für eine Weile und ich konnte die Augen fest schließen und mir bewusst machen, was da gerade passiert war. Ab jetzt kann ich dem Seil nicht mehr vertrauen, dachte ich. Gleichzeitig fühlte es sich aber auch lächerlich an. Ich hatte Angst. Weinte, mit dem Gesicht an der Wand des Notaufnahmenflures und dachte, dass man vor Rauhfaser keine Fotos machen sollte.

Seit diesem Tag ist sehr viel passiert in meinem Leben. Ich habe viele Entscheidungen getroffen, Dinge verändert, mein Denken verändert, so weit ich das schaffen konnte. Ich denke endlich wieder mit dem Herzen, bin den wichtigen Menschen wieder näher. Ich habe es geschafft, mir ein Schreibstübchen einzurichten, das nicht ganz so tief unter der Meeresoberfläche liegt. Doch das Wichtigste: Ich habe wieder 100 Antworten auf die Frage „was jetzt?“

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Texte Bob Sala Texte Bob Sala

Sieben in der Nacht getippte Seiten aus dem Jahr 2009

Mehr und mehr fühlst du dich wieder Mann in dieser Geschichte von Jorge Luis Borges, Funes, der nichts vergessen kann, der alles und jeden in sich aufnimmt ohne je über etwas hinwegzusehen. Dann suchst du ihn, den Jungen, mit seinem Lachen, der dir nun die Absolution der Gleichgültigkeit verweigert. Und sich versteckt. Und dich zurücklässt. In deiner ewigen Nacht.

In der vergangenen Woche habe ich beim Aufräumen ein Bündel mit Schreibmaschinenseiten gefunden. Teilweise ganz beschrieben, teilweise nur mit zwei Sätzen darauf. Es war ein Versuch, einen Einstieg in eine Kurzgeschichte zu finden und er ist fast zehn Jahre her. Manche der Sätze hätte ich auch in den vergangenen Monaten geschrieben haben können. 

FRAGMENT 1

Der fette junge, der dich vom unteren Ende der Wippe ansieht. Mit Schachbrettgrinsen und feuchten Augen. Deine Beine hilflos in der Luft. 

FRAGMENT 2

Ich hatte den Rausch verloren. Wenn du ihn lebst, ist er nicht existent. Erst in seiner Abwesenheit spürst du die volle Wucht, mit der er dich aus der Wirklichkeit genommen hat. 

FRAGMENT 3

Es ist der fette Junge, der dich vom unteren Ende der Wippe ansieht. Mit schimmeligen Lachsalven feiert er die hilflosen Schwünge deiner Beine in der Luft. Er ist der Rausch, der dich aus der Wirklichkeit hebelt. Das Rauschen, das sich über alles legt und dich im Rhythmus der Wiederholung zwischen Morgen und Nacht wiegt. Doch dann gerätst du aus dem Takt. Deine Welt fängt an zu vibrieren und du findest dich in einer Schleife aus endlosen Nächten. Plötzlich wünschst du dir den fetten Jungen zurück, der dich vor der Realität beschützt.

FRAGMENT 4

Es ist der fette Junge, der dich vom unteren Ende der Wippe angrinst. Mit lückenhaftem Lachen quittiert er die hilflosen Schwünge deiner Beine in der Luft. Er ist der Rausch, der dich aus deiner Wirklichkeit hebelt. Es ist das Rauschen, das sich über deine Wahrnehmung legt, sobald du im Rhythmus bist, mit den immer gleichen Wiederholungen zwischen Beginn und Ende. Doch irgendwann gerätst du aus dem Takt. Und deine Welt fängt an zu springen.

FRAGMENT 5

Der Rausch war verloren. Wenn man einfach lebt, ist er kaum spürbar, beinahe nicht existent. Erst, wenn man in das Vakuum tritt, das er hinterlässt, spürt man die volle Kraft mit der man aus der Realität gehebelt war, als säße man am oberen Ende einer Wippe einem tauben Fettsack gegenüber, der einen in der hilflosen Schwerelosigkeit gefangen hält. Der Rausch war das Rauschen, das sich über alles legte, darauf hatte ich mich immer verlassen können, die alte verfilzte Decke, die dir immer wieder bis zum Kinn über den Körper gezogen wird, sobald du sie abstreifst. 

FRAGMENT 6

Der Rausch war in Vergessenheit geraten. Wenn man ihn lebt, ist er kaum zu spüren, beinahe ausgedacht. Erst wenn man in das Vakuum sticht, das er hinterlässt, spürt man das volle Gewicht, mit dem er einen aus der Wirklichkeit gehebelt hatte wie ein fetter Junge, der dich vom unteren Ende einer Wippe mit verschimmeltem Lächeln mustert. Es war das Rauschen, das sich über alles legt, die sich abrollenden Wellen im Sand. Die filzige und verlauste Decke, unter der du sofort in zu tiefe Träume versinkst, bei der du jedoch am nächsten Morgen mit brennender Haut in deinem Schweiß aufwachst. Es war das fehlende Stück Film, das dir dein Bewusstsein herausreißt, bevor du auf der Autobahn nach Minuten des Unbewusstseins wieder zu dir kommst, wenige Meter vor deiner Abfahrt, und du dich fragst, wer eigentlich gerade am Steuer war. Es ist der Autopilot, in den dein Leben schaltet, wenn du dich nur annähernd deinen Zielen näherst und dich in Sicherheit wähnst. Es ist die vergängliche Betäubung, die dich den unerträglichen Rhythmus und die Gewöhnlichkeit des Daseins überdauern lässt. Unterbrochen nur von besonderem Glück, vor allem Unglück, oder dem notwendigen Zwilling der beiden, Veränderung. 

Das Rauschen wollte sich nicht mehr einstellen, also hörte ich auf danach zu suchen und kehrte aus irgendeinem Ausland zurück. Ich war wie dieser Mann in der Geschichte von Jorge Luis Borges, Funes, der nichts vergessen kann und in ständiger Überwältigung leben muss, von all den Vibrationen im Bereich der Tausend unsichtbaren Zeichen, die auch mich verfolgen.

FRAGMENT 7

Es ist wie der fette Junge, der dich vom unteren Ende einer Wippe anschaut, mit Schimmellachen und schwarzen Augen. Du schreist ihn an, doch er ist taub und grinst weiter, während deine Beine in der Luft schwingen wie lose Äste im Wind. Doch du kannst nichts dafür, es ist nicht deine Schuld, das bildest du dir zumindest ein. Versuchst dir einzureden, der fette Junge sei es, der dir die Wirklichkeit versperrt. Doch der Junge ist nur der Rausch, der dich davon abhält, die Welt wahrzunehmen, voranzukommen. Er ist deine Ausrede. Niemals spürst du wirklich, dass er da ist, er ist wie ausgedacht, die Summe aller schlechten Erfahrungen, die du machen könntest und lieber vermeidest. Doch wehe er lässt dich im Stich. Wenn er nicht erscheint, nach jeder Phase der Ungewissheit und dich wieder durch die Rhythmen und Gewohnheiten deines Alltags schwimmt wie ein vollgesogenes Stück Holz in einem Fluss. Was ist, wenn er nicht mehr lächelt? Was ist, wenn er dich zurücklässt? Allein mit dir. Und der Frage: was jetzt? 

Mehr und mehr fühlst du dich wieder Mann in dieser Geschichte von Jorge Luis Borges, Funes, der nichts vergessen kann, der alles und jeden in sich aufnimmt ohne je über etwas hinwegzusehen. Dann suchst du ihn, den Jungen, mit seinem Lachen, der dir nun die Absolution der Gleichgültigkeit verweigert. Und sich versteckt. Und dich zurücklässt. In deiner ewigen Nacht.

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Texte Bob Sala Texte Bob Sala

Rocket Man

Ein Landstreicher trifft eines Nachts einen Gleichgesinnten und teilt sich mit ihm Essen und Feuer. Der Fremde stellt sich als ehemaliger Teil einer Freak Show heraus. Sein ganzer Körper ist tättowiert. Die Tattoos sind exakt getrennt in einzelne Stücke, die in der Nacht zu Leben beginnen. Die Geschichten, die von den Tattoos erzählt werden, sind die Kurzgeschichten in dem Band.

Je länger ich auf dieser Welt bin, desto mehr verbinden sich die Momente, Begegungen und Dinge aus meiner Vergangenheit und ergeben einen unsichtbaren Sinn. Sie werden allmählich von einem Plot zu einer Story. Ob diese Verbindungen real sind oder nur in meiner Vorstellung fassbar werden, sei dahingestellt. Vielleicht verfolgen mich nur ständig dieselben Dinge. 

Als ich gerade 18 geworden war, ein Jahr nachdem ich mit meinem Großvater einen meiner Lieblingsmenschen verabschieden musste, sah ich im Kino den Film „Finding Forrester“. Nach dem Tod meines Opas hatte ich sehr spät in meinem Leben begonnen, Bücher zu lesen und erste Schreibversuche unternommen, ohne recht zu wissen, was ich dabei tun sollte. Die Melancholie nach dieser ersten Berührung mit dem Tod wollte einfach nur auf Papier. 

In „Forrester“ geht es um einen alt gewordenen Schriftsteller (Sean Connery), der in New York ein zurückgezogenes Leben führt und, nach großem Erfolg seines Erstlingswerkes „Avalon Landing“, 30 Jahre lang keine einzige Zeile mehr veröffentlicht hat. Er schreibt nur noch für sich selbst. William Forrester hilft im Film einem Jungen aus der Nachbarschaft seinen eigenen Stil zu finden. Es ist sein erster Kontakt zur Außenwelt seit Jahren. Im Film werden zur Einführung der Charaktere ihre Bücherregale abgefilmt, um zu zeigen, dass sie dieselben Autoren schätzen und zumindest auf diese Weise bereits miteinander verbunden sind, bevor sie sich begegnen. Diese Szenen habe ich mir damals mehrfach angeschaut, als die DVD veröffentlicht wurde. Ich schrieb mir jeden der Autoren auf, die man bei den Kamerafahrten erkennen konnte. Darunter waren unter anderem Yukio Mishima, Checkhov, James Joyce, Ken Kesey, Sam Shepard und ein Buch mit dem Titel „The illustrated Man“ von einem Autor namens Ray Bradbury. Ich hatte keine Ahnung von Literatur und hatte damals auch niemanden, der mir beim Einstieg in diese Welt hätte behilflich sein können. Also bestellte ich ein paar der Bücher aus dem Film. Es kam mir cool vor. James Joyce kam damals natürlich zu früh für mich. Ich schaffte nicht ein Kapitel ohne abzuschweifen. Doch dann las ich „The illustrated Man“ von Ray Bradbury. Es ist eine Kurzgeschichtensammlung mit einer interessanten Rahmenhandlung. Ein Landstreicher trifft eines Nachts einen Gleichgesinnten und teilt sich mit ihm Essen und Feuer. Der Fremde stellt sich als ehemaliger Teil einer Freak Show heraus. Sein ganzer Körper ist tättowiert. Die Tattoos sind exakt getrennt in einzelne Stücke, die in der Nacht zu Leben beginnen. Die Geschichten, die von den Tattoos erzählt werden, sind die Kurzgeschichten in dem Band. Ich habe das Buch geliebt. 

Acht oder neun Jahre später empfahl mir ein Freund die Serie „Californication“, er sei sich sicher, ich könne mit der Hauptfigur etwas anfangen. Das stimmte natürlich. Am Ende der ersten Folge ertönt zum ersten Mal so etwas wie der Theme Song der ganzen Serie. „Rocket Man“, in der Version von My Morning Jacket von 1999. Später in der Serie taucht der Titel immer wieder im Original von Elton John auf. Und ist seitdem einer meiner liebsten Songs auf diesem Planeten. 

Acht oder neun Jahre später sitze ich über den Wolken in einer Emirates Maschine von Dubai nach Brisbane, Australien. Im On-Board Programm sehe ich mir eine Elton John Doku an, in der es viel um seine Songwriting Prozesse geht. Bernie Taupin, der "Rocket Man" geschrieben hat, berichtet, dass der Song von einer Kurzgeschichte von Ray Bradbury beeinflusst ist. Ich recherchierte ein bisschen und tatsächlich, „Rocket Man“ ist eine Kurzgeschichte in „The illustrated Man“. Die Kurzgeschichte handelt von einem Raumfahrer, der Monate unterwegs ist zwischen den Sternen und dann zu seiner Familie heimkehrt, die ihn nicht wieder losziehen lassen will. In der Geschichte geht es um Sehnsüchte, Lebensentscheidungen, Bestimmung, Prioritäten und Melancholie. Je nach Standpunkt in der Geschichte, kann man sie negativ oder positiv auslegen. Wobei die positive Seite vermutlich nur von denen nachvollzogen werden kann, die selbst einmal in den Fußstapfen des Rocket Man gewandelt sind. Und von der herrlichen Zerrissenheit der Getriebenen gekostet hat. Because "next time I come home, I'm home to stay."

“I couldn’t sleep that night. I came downstairs at one in the morning and the moonlight was like ice on all the housetops, and dew glittered in a snow field on our grass. I stood in the doorway in my pajamas, feeling the warm night wind, and then I knew that Dad was sitting in the mechanical porch swing, gliding gently. I could see his profile tilted back, and he was watching the stars wheel over the sky. His eyes were like gray crystal there, the moon in each one.”

— Ray Bradbury, Rocket Man (1951)

“And I think it’s gonna be a long long time
’Till touch down brings me round again to find
I’m not the man they think I am at home
Oh no no no I’m a rocket man
Rocket man burning out his fuse up here alone”

— Bernie Taupin, Rocket Man (1972)

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