Der schüchterne Kartograph
Mit acht Jahren begann meine Phase als schüchterner Kartograph. Wenn man oft genug die gleiche Abzweigung nimmt, landet man wieder beim Ausgangspunkt. Das hatte ich von meinem Onkel gelernt. Eine Zeit lang stieg ich jeden Nachmittag auf mein mit Panini-Stickern der WM 1990 zugeklebtes Fahrrad und erkundete das Gebiet um das Grundstück meiner Großeltern. Als Einzelkind verursachten mir derlei Alleingänge ein unbestimmtes Rauschgefühl. Ich fuhr jeden Tag in unserer Straße los und erkundete eine unbekannte Straße mehr als am Vortag, Bog dann mehrmals rechts oder links ab und landete wieder vor unserem Haus. Ich sagte meinen Eltern nichts von diesen Ausflügen und wollte kein Risiko eingehen, einmal den Weg zu verlieren. Die ersten Fahrten waren natürlich sehr kurz, doch gewann ich durch mein zögerndes Vorgehen eine gewisse Sicherheit und mit jedem Tag kam eine Kreuzung dazu, ein Wohnblock, ein Viertel. Straße um Straße legte ich eine imaginäre Karte meiner Umgebung an, zeichnete Abkürzungen ein, Obstbäume, die sich vielleicht im Spätsommer lohnen könnten, die weißen Häuser am Rand des Viertels, in denen die Ärzte des Hospitals lebten, die Litfaßsäulen und Zigarettenautomaten, vor denen ich manchmal etwas Kleingeld fand. Jeden Tag verlängerte sich die Route, doch nie erweiterte ich die Karte in meinem Kopf um mehr als eine Kreuzung oder einen Wohnblock auf einmal. Ich blieb ein gehemmter Kartograph. Ich schaute in die Fenster der Häuser, sah die alten Menschen in ihren Gärten arbeiten, Väter und Mütter nach Hause kommen, Spielzeug in den Einfahrten, bunte Kreidezeichnungen auf dem Asphalt und die ersten Blätter, die im September golden auf die Straße regneten. Ich zeichnete wie mit einem Zirkel - die erdachte Nadel stach ich als Startpunkt in den Rasen vor unserem Haus und meine Fahrten waren der Bleistiftstrich durch eine Welt, die ich Tag um Tag erweiterte. Alles wurde zu meinem Gebiet. Hätten meine Eltern gewusst, wo ich mich jeden Nachmittag aufhielt, wären sie sicher außer sich geraten. Doch für mein Verständnis fuhr ich jeden Tag nur eine einzige Kreuzung von meiner Heimat weg. Ich machte niemals größere Sprünge. Und doch erreichte ich nach einigen Wochen andere Viertel, Stadtteile, Dörfer, fuhr bis an den Stadtrand. Ich war ein beständiger, doch schüchterner Kartograph. Ein junger Gaviero Maqroll auf seinen Irrfahrten durch ein imaginäres Land.
Irgendwann erreichte ich bei meinen Touren als Achtjähriger einen Waldweg, der mir durch Wanderungen mit der Großmutter schon bekannt war. Auf diesem Weg gibt es ebenfalls drei Linksabbiegungen, die einen wieder zurück auf die Hauptstraße führen. Doch bei der ersten Abbiegung konnte man auch geradeaus weitergehen, wenn man einen kleinen Zaun überstieg, es schien offensichtlich verboten. Auf einer der Wanderungen hatte ich eine Gruppe Jugendlicher mit Bierdosen in der Hand auf diesem Weg gesehen und nun stand ich allein vor diesem Zaun. Ich band mein Fahrrad an einen Zaunpfahl, versuchte es mit ein paar Blättern zu tarnen und stieg an einer tiefen Stelle über den Stacheldraht. Es war 1991, fast Winter und ich stand bis zu den Knöcheln im nassen Laub, während die kahlen Äste über mir im Wind schaukelten. Ab hier gab es keinen befestigten Weg mehr und ich stapfte durch die matschigen Blätter. Manchmal befürchtete ich erwischt worden zu sein, wenn einer der Äste hinter mir im Wind knackte. Vor mir lag die Ungewissheit, das Rauschen der Autobahn und das Taumeln des Waldes. Zwischen den Bäumen lagen Bierdosen, Plastiktüten, Kondompackungen. Nach einem Kilometer erreichte ich eine kleine Lichtung. Das schien der Treffpunkt der Jugendlichen zu sein, noch mehr Bierdosen, Schnapsflaschen und Müll. Ich lief weiter, tiefer in den Wald hinein, es war ja noch keine Abbiegung gekommen, ich bewegte mich also immer noch innerhalb meines imaginären Konstrukts. Nach einem weiteren Kilometer endete der Weg vor einem großen Zaun. Dahinter eine Reihe Tannen und das Rauschen der nahen Autobahn. Der Zaun war zu hoch, um zu klettern. Also griff ich mit meinen Händen in die Drahtknoten und blieb davor stehen. Ich würde nie erfahren, wie es hinter dem Zaun und hinter den Tannen aussah. Ich kehrte noch sehr oft an diesen Ort zurück in diesem Winter. Das Rauschen der Autobahn täuschte eine Illusion von Unerforschtem vor und ich fiel darauf herein. Es wurde zu einem Rauschen, das mich mein Leben lang begleiten würde. Nur zwei Geräusche können dieses Empfinden in mir auslösen. Das Rauschen der fernen Autobahnen am Stadtrand und das weiche Tosen der Brandung. Die Strahlkraft des Unbekannten. Die Wogen der Unsicherheit, auf die ich mich nie begeben werde. Dreißig Jahre sind seitdem vergangen. Und ich bin immer noch der schüchterne Kartograph von damals, der epische Eroberer, der Urheber hinter der Zeit. Nur dass die Nadel des Zirkels mittlerweile in meinem Inneren eingeschlagen ist. Und ich den kosmischen Raum auf den Seiten anderer durchwandere.