We are fucking here
Ich bin auf Maui, Kahului Airport. Ein Sonntagmorgen. Pualani, das Hula-Mädchen mit dem einladenden Lächeln auf dem Purpur-Heck der Hawaiian Airlines Maschinen, taucht wieder und wieder in die Wolken über der Startbahn ein.
Der Food Court ist der einzige klimatisierte Raum des Flughafens. Den Tisch am Fenster habe ich mir mit drei 7-Dollar-Bierdosen und einem Stück Pizza für 17 Dollar erkauft. Vor mir liegen die gesammelten Notizbücher der vergangenen Wochen, mein Diktiergerät, die Biografien von Alice Cooper, Shep Gordon und Dennis Dunaway. Außerdem Tourberichte und Albumkritiken von Lester Bangs, Michael Walker und Bob Greene. Dazu die aktuelle Ausgabe der Maui News, die über die bevorstehende Sonnenfinsternis berichtet, und eine Sammlung hawaiianischer Legenden und Mythen, die mir ein Surf Dude mit weißen Zähnen am Flughafenkiosk verkauft hat. Dank meines Jetlags war ich einige Stunden zu früh in der Abflughalle und unter dem Einfluss der morgendlichen Biere beginnen die Protagonisten und Nebenfiguren dieser Geschichte in meiner Fantasie vorstellig zu werden.
Da hätten wir Janis Joplin, die unvermittelt ihren linken Haken auspackt, Jimi Hendrix reitet auf einem vibrierenden Honeymoon-Bett durch das Landmark Motor Hotel, Salvador Dalí schneidet mit einer Nagelschere heißes Wasser und Jim Morrison wandert barfuß durch den Topanga Canyon nach Hollywood. Doch um die geht es hier nicht. Es geht um einen ehemaligen Bewährungshelfer, der den Sohn eines protestantischen Pastors auf den Weg zu einer der bekanntesten Kunstfiguren der Welt führt. Es geht hier und jetzt um hawaiianische Götter, Hühneropfer und ein Quäntchen Glück, um Alkoholsucht und lebenslange Freundschaft, um öffentliche Hinrichtungen, den richtigen Schwung beim Golfen und das Ende der Love & Peace-Kultur. Es geht um Rock’n’Roll in seiner ursprünglichsten Form. Es geht um Shep E. Gordon und Alice Cooper.
I. SCHOOL'S OUT
1972 fiel in einem Labelmeeting bei Warner Bros. der Satz „Let’s wrap a pair of paper panties around the vinyl to piss the parents off and sell more records.“ Dieser Ausspruch stammte von Shep Gordon, dem Manager der Alice Cooper Group, ehemaliger Drogendealer von Jimi Hendrix und zukünftiger Ex-Freund von Sharon Stone. Alice Cooper hatten gerade ihr viertes Album „Killer“ veröffentlicht, das es bis auf Platz 21 der Billboard Charts schaffte. Ein erster Erfolg, aber für Shep Gordon nicht annähernd das angestrebte Ziel. Mit der neuen Platte „School’s Out“ sollte Alice endlich in den Rock Olymp aufsteigen und dazu mussten alle Register gezogen und ein Schlüpfer zum Einsatz gebracht werden.
Doch bevor es zu diesem irrwitzigen Vorschlag kommen konnte, brauchte es eine Reihe kleinerer und größerer Zufälle, einige würden es vielleicht eher Bestimmung nennen. Auf welchen Zeitpunkt soll man den Urknall der Alice Cooper Group also datieren? Auf das Jahr 1968, als Shep in einer drogenvernebelten Nacht im Innenhof des Landmark Motor Hotels in Los Angeles von Janis Joplin verprügelt wird? Als ihre Kunstlehrerin Mrs. Sloan dem damals noch als Vincent Damon Furnier bekannten Alice Cooper und seinem zukünftigen Bassisten Dennis Dunaway an der Cortez High School in Phoenix, Arizona am Ende der Stunde eine Kopie von „The Freewheelin’ Bob Dylan“ überreicht?
2013 veröffentlicht Mike Myers die Dokumentation „Supermensch“, die die Lebensgeschichte Shep Gordons, einem der bekanntesten Unbekannten der Musik- und Fernsehgeschichte, nachzeichnet. Die Dokumentation und die von Shep nachgelieferten Memoiren „They call me Supermensch“ starten beide mit der Janis Joplin Szene im Landmark Hotel. Shep war von New York nach Los Angeles gezogen und hatte innerhalb eines Arbeitstages seinen Job als Bewährungshelfer verloren. Ohne viel Geld, dafür mit einem kleinen Vorrat an Gras und ein paar psychedelischen Drogen, nahm er sich ein Zimmer in dem heruntergekommenen Hotel und warf ein bisschen Acid ein. In der Nacht stand er zugedröhnt auf seinem Balkon und nahm wildes Schreien im Innenhof wahr. Ganz klar, da wurde jemand vergewaltigt. Er lief die Treppen herunter und versuchte die Frau aus ihrer Not zu befreien. Diese verpasste ihm allerdings direkt einen Schlag ins Gesicht. Ob er sie bitte in Ruhe lassen könne? – „We are fucking here!“
Am nächsten Tag ging er an den Pool. Dort sah er die Frau wieder, die er in der Nacht zuvor hatte retten wollen. „Bist du der Typ, der uns letzte Nacht gestört hat?“, blaffte sie ihn an – und stellte sich als Janis Joplin vor. Neben ihr am Pool saßen Jimi Hendrix, Lester und Willie Chambers von den Chambers Brothers, Bobby Neuwirth, der Road Manager von Bob Dylan und Paul Rothchild von Elektra, der damals die Alben von Janis und den Doors produzierte.
Shep entwickelte sich schnell zum Drogendealer Nummer 1 im Landmark und hing mit diesen damals noch nicht ganz so legendären Figuren der Musikgeschichte ab, die ihn irgendwann fragten, was er für ein Alibi hätte, falls die Cops mal im Landmark auftauchen sollten. „Tut einfach so, als wärt ihr unsere Manager.“ Und so wurde Shep Gordon Manager, zwar noch ohne Band, aber die vermittelte ihm dann Jimi Hendrix, der über Ecken von dieser Garagenband aus Phoenix wusste, die vielleicht noch einen Manager gebrauchen konnten. Ihr seltsamer Name: Alice Cooper.
Zurück zum Schlüpfer. Es ist 1972. „School’s Out“ würde der ganz große Wurf werden. Der endgültige Durchbruch. Das ist zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht abzusehen, weshalb Warner Bros. die Idee mit dem Slip aus Kostengründen ablehnen. Und da Shep kein Nein akzeptieren kann, bietet er an, die Kosten selbst zu bezahlen. Ein Vorgehen, das er laut Bob Greenes Tour-Memoiren „Billion Dollar Baby“ auch beim dritten Album der Band mit dem Titel „Love it to Death“ an den Tag gelegt hatte. Um das Album bei den Verkäufen auf Gold-Status zu bekommen, kaufte Shep angeblich selbst die noch fehlenden 250.000 Schallplatten dem Label ab. „Ein Investment in die Zukunft“, habe er es genannt.
Shep Gordon konstruierte öfter kleine Skandale, um seine Künstler in die Presse zu bekommen. Seien es Anrufe bei der Polizei, um ein laufendes Konzert unterbrechen zu lassen oder das eine Mal, als er Alice bei einem der frühen Konzerte ein lebendes Huhn auf die Bühne geworfen hatte, der dieses in die Menge segeln ließ, wo es in tausend blutige Teile gerissen wurde. Die Presse ist ausgerastet. Shep hatte nicht mit dem Hühnermassaker gerechnet und nahm nach eigener Aussage auch nie wieder den Tod von Tieren in Kauf. Die Publicity nahm er aber gern mit.
Zurück zum Schlüpfer. Shep setzte jedenfalls irgendwann seinen Willen durch und brachte den Hersteller der Plattencover dazu, einen guten Preis zu machen und Warner Bros. willigte letztendlich ein. Wobei er darauf achtete, nicht entflammbare Papierslips aus Kanada zu importieren. Gleichzeitig ließ Shep in Frankreich 100.000 weitere Slips anfertigen, die nicht den Regularien entsprachen, ließ diese an Warner Bros. verschicken und rief seinen Freund Tom Zito von der Washington Post an und erzählte ihm von einer großen Story, die er für ihn hätte, wenn dieser ihm dafür die Titelseite versprechen würde. Shep gab ihm die Versandnummer der illegalen Lieferung und was Zito noch so an Infos brauchte und der Plan ging auf. Die Lieferung wurde vom Zoll konfisziert und Tom Zito war vor Ort, um darüber zu berichten. „The Largest Panty Raid in History“ machte die Runde, andere Zeitungen griffen die Story schnell auf und innerhalb von wenigen Tagen wussten Millionen Eltern in Amerika davon, dass das neue Alice Cooper Album, das diese Woche erscheinen sollte, in einem Damenslip eingepackt bei ihren Kindern landen würde. Und der Rest ist Geschichte.
II. BRUTAL PLANET
Eine Woche vor Maui. Sonntagabend. Eine unbeeindruckte Kassiererin drückt mir einen schwarzen Pass mit einem grünen Alice-Cooper-Logo in die Hand: TV/Photo VIP. „Patch that on your jacket“, sagt sie und schickt mich zum Presseeingang des Greek Theatres in Los Angeles. Um mich herum vor allem Freaks. Das Konzert ist ausverkauft. Neben Alice treten Deep Purple und Edgar Winter auf, den man bereits spielen hört. Ein älterer Herr spaziert durch den Sicherheitsscanner, was nicht viel Sinn ergibt, da er nur einen winzigen Slip aus Kunstfell trägt, dazu ist er wild geschminkt und die Fellmütze auf seinem Kopf tropft vor Schweiß. Auf seinem Bierbauch balanciert er eine Coors Light Dose. Niemand beachtet ihn, die Ordner verzichten auf eine Durchsuchung. In einer kleinen Bucht direkt am Eingang zu den Tribünen sammeln sich die Fotografen. Eine sehr kleine Frau mit der Stimme von Sylvester Stallone gibt uns Anweisungen: nur drei Songs dürfen fotografiert werden, bleibt im gekennzeichneten Bereich – „danach führen wir Euch wieder ab.“ Hinter dem Tor sehe ich, wie Shep Gordon auf dem Weg in den Backstage Bereich Hände schüttelt und einem jungen Mann ein Kompliment für seine Alice Verkleidung macht. Er wirkt größer als im Fernsehen, tiefenentspannt und gleichzeitig ein wenig nervös. Sein Hawaiihemd flattert locker im Wind und dann verschwindet er durch eine schwarze Metalltür.
„Okay, let’s go, guys“, die Frau mit der Stimme von Sylvester Stallone läuft vor uns durch die Menge, ihr Klemmbrett eng an die Brust gedrückt und das Headset locker um den Hals. Wir haben Probleme, ihr zu folgen. Das Greek Theatre fasst um die 10.000 Menschen, und diese füllen jeden einzelnen Platz auf den Tribünen über und unter uns. Die Konzerte finden unter freiem Himmel statt. Band-Shirts und kurze Hosen als Dresscode. Der Fotografenbereich ist etwa 30 Meter von der Bühne entfernt und man sieht die Verwunderung in den Gesichtern einiger Kollegen, die auf diese Entfernung nicht vorbereitet sind. Dazu gehöre ich. Die anderen Fotografen flanschen riesige Objektive an ihre Kameras, wie man sie bei Footballübertragungen sieht und richten sie auf das Bühnenbild. Die Spinnenaugen von Alice leuchten auf einem großen Stofftuch über der Menge. Wir stehen direkt hinter der Bucht der Sounddesigner und kurz bevor der Vorhang fällt, nimmt Shep direkt auf dem Platz dem Tontechniker Platz. Noch während er allen die Hände schüttelt, gehen die Lichter aus. Alice betritt die Bühne zu den Klängen von „Brutal Planet“, ganz entspannt im ersten seiner vielen Outfits und genießt die Begeisterung der ersten Reihen. Shep wirft einen Blick über die Schulter zu seinem Techniker und streckt seinen Daumen hoch. In der dunklen Kabine sieht man nur seine Silhouette, die glänzende Stirn, die leicht feuchten Augen und ein stolzes Lächeln, das etwas Väterliches ausstrahlt.
Was dann in knapp zwei Stunden passiert, ist eine über 40 Jahre ausgereifte Eskalation auf allen Ebenen. Ein Alice Cooper Konzert ist ein über Jahre zur Perfektion orchestrierter Exzess. Das geht weit über zu viel Schminke und Geisterbahnrequisiten hinaus. Coopers Welt zwischen Frackträger-Dirigent, Latex-Frankenstein und glitzerndem Leopardenrock lässt dem Zuschauer wenig Gelegenheit, darüber nachzudenken, was dort auf der Bühne gerade passiert. Man bleibt in Alarmbereitschaft, da zu jedem Zeitpunkt alles passieren kann. Die Choreografien haben sich in ihrer Anlage über die Jahrzehnte kaum verändert, auch wenn Alice musikalisch sehr oft neue Wege eingeschlagen hat. Seine Show war und ist sein großes Pfund. Aus heutiger Sicht wirkt sie rührend altmodisch, die Generation der Nullerjahre würden sie vielleicht als retro bezeichnen, doch Alice verfügt aus seiner Karriere über ein Repertoire an Songs, das jeden noch so neutralen Zuschauer nach einiger Zeit vom Sitz holt. Das Greek Theatre steht an diesem Abend im August nach zwei Songs Kopf. Alice reiht Hit an Hit an Fan-Liebling und von vorn. „Ich war auch bei zwei anderen Konzerten der Tour, aber in L.A. war Alice auf der Höhe seines Könnens“, verrät mir Shep Gordon eine Woche später im Garten seines Anwesens am Strand von Maui. Doch von Hawaii weiß ich in diesem Moment noch nichts.
III. EARWIGS TO ETERNITY
Es gibt vier maßgebende Veröffentlichungen, die den Aufstieg Alice Coopers aus Augenzeugensicht beschreiben. Die Bücher unterscheiden sich in einigen Details (das Huhn wird mal von Shep angeschleppt, mal gehört es schon lange zur Bühnenshow, bevor es in der Menge aufschlägt, ...), jedoch vor allem in der Gewichtung der einzelnen Entwicklungsschritte der Band. Shep Gordon geht in „They call me Supermensch“ vor allem auf strategische Komponenten und Marketing-Coups ein, Alice Cooper schließt in „Golf Monster“ nur einen kurzen Abschnitt über die gemeinsamen Jahre ein, Journalist Bob Greene durfte 1973 als Background-Sänger mit auf die „Billion Dollar Babies“-Tour und schaut auf die Geschichte der Band vom Standpunkt zwischen dem größten Erfolg der Band und ihrer Auflösung. Nur Dennis Dunaway geht in seinem Buch „Snakes! Guillotines! Electric Chairs! My Adventures in the Alice Cooper Group“ sehr viel detaillierter auf die ersten Bandjahre ein.
Nach den ersten künstlerischen und musikalischen Aha-Erlebnissen im Kunstunterricht von Mrs. Sloan an der Cortez High, gründeten Vince und Dennis für einen Talentwettbewerb an der Schule eine Band. Sie traten als The Earwigs auf und coverten Beatles-Songs, bevor sie in kleinen Clubs als The Spiders vorwiegend mit Yardbirds- und Rolling Stones-Stücken unterwegs waren. Der letzte Bandname vor Alice Cooper war dann The Nazz. Dennis Dunaway lernte die ersten Griffe auf der Gitarre von Glen Buxton, dem späteren Lead-Gitarristen, verschwand in den Sommerferien nach den ersten Gehversuchen mit seinem Bass in seinem Elternhaus und überraschte Vincent und Glen zum neuen Schuljahr mit seinen neu gelernten Fähigkeiten. Buxton wurde später vom Rolling Stone zu einem der besten 100 Gitarristen aller Zeiten gewählt und seit seinem frühen Tod 1997 zieren die Noten seines legendären Riffs von „School’s out“ seinen Grabstein. Drummer Neal Smith und Keyboarder Michael Bruce vervollständigten die ursprüngliche Besetzung der Alice Cooper Group, ein zu Beginn unschlagbares Team, dessen Zusammenhalt sie alle Klischees der typischen Bandlehrjahre überstehen ließ: Zu fünft im Keller einer Freundin wohnen, in Bullis oder in billigen Hotelzimmern übernachten, die sie oft nicht mal bezahlen konnten, bei denen sie in den schlimmsten Phasen sogar mehrfach die Zeche prellen mussten. Und trotzdem schwammen sie auf einer Welle und bespielten bald dieselben Clubs wie die großen Bands der Zeit. Sie lernten Janis Joplin im Landmark kennen, Jim Morrison besuchte sie in ihrem heruntergekommenen Haus im Topanga Canyon und lief nach einer Séance in ihrem Keller barfuß zurück nach Hollywood. Sie verbrachten viel Zeit mit Jimi Hendrix, Dunaway ist besonders eine Nacht in Erinnerung, in der Jimi die Vibrationsfunktion seines Hotelbetts entdeckt. Er lässt sich sofort Unmengen Vierteldollarmünzen wechseln und lädt das ganze Hotel auf einen Ritt in seinem Zimmer ein.
Zeitgleich zu unzähligen schlecht bezahlten Gigs im Whiskey a Go Go Club ging die Band erstmals ins Studio. Zwei unter Frank Zappas Schirmherrschaft produzierte Alben Ende der 60er hatten mäßigen Erfolg, doch dann trat Shep E. Gordon auf den Plan, der die Band kurze Zeit später mit Bob Ezrin verkuppelte, welcher mit ihnen ihren typischen Sound entwickeln würde. Eigentlich wollte Shep The Guess Who-Produzent Jack Richardson für die Band gewinnen, der schickte jedoch nur seinen Assistenten Ezrin. Ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte. Bis heute zeichnet sich Ezrin für die Produktion des Großteils der Alice-Alben verantwortlich. Neben einem klar de nierten Sound begann sich allmählich auch die markenbildende Bühnenpersönlichkeit zu entwickeln. Die große Stärke der Band war es von Anfang an, sich nicht zu ernst zu nehmen. Vincent und Shep sahen die Industrie als große Spielwiese. Es gab nur Aktion und Reaktion. Mit welchem Coup konnte die größtmögliche Reaktion in der Öffentlichkeit hervorgerufen werden? Papierschlüpfer, Hühnerspielchen und öffentliche Hinrichtungen am Ende jeder Show waren nur die Spitze des Eisbergs.
IV. WELCOME TO MY NIGHTMARE
Nach „School’s Out“ und einer bahnbrechenden Tour mit dem gleichnamigen Album legte die Band mit „Billion Dollar Babies“ ihr erfolgreichstes Album vor. Sie toppten die Charts in den usa und gingen auf eine Tour, die stilprägend für die nachfolgenden Generationen war. Das Ausmaß der Produktion übertraf alles, auch im Bereich der Kosten. Und das in einer Zeit, in der Konzerte nur zur Promotion dienten. „Wir hatten ausverkaufte Hallen, aber wir kamen gerade so bei Null raus. Die Tickets kosteten damals nur 2,50 Dollar oder noch weniger. Es ging darum, die Konzertbesucher anschließend in die Plattenläden zu bekommen“, sagt Shep E. Gordon über diese Zeit. Bands mussten zwei Alben und zwei Touren pro Jahr liefern, um jede mögliche Welle zu reiten und den Umsatz zu verbessern. Ein Rhythmus, den die ursprüngliche Besetzung der Band irgendwann nicht mehr halten konnte. Und so musste Glen Buxton bei den Studioaufnahmen zu „Babies“ in einigen Fällen von einem Gastmusiker ersetzt werden. Die Band verbrachte kaum noch Zeit zusammen. Bob Greenes Bericht über das Ende der Band in „Billion Dollar Baby“ bringt es für Shep auf den Punkt – wobei die Veröffentlichung des Berichts selbst der endgültige Nagel im Sarg war. Vincent Furnier hatte sich unterdessen den Namen Alice Cooper in seinen Pass eintragen lassen und arbeitete nach der Trennung der Band allein mit Shep weiter. Sein TV-Special „Welcome to my Nightmare“ war zu gleichen Teilen Emanzipation und Aufbruch in eine neue Schaffensphase. Der Erfolg des Albums war eine Ansage an seine Kritiker und die Branche.
...Nach dem Aufwachen das erste Budweiser aus dem Kühlschrank neben dem Bett, um in Wallung zu kommen, danach einen halben Liter Blut erbrechen, um das System zu reinigen, im Anschluss die nächsten Budweiser, im Laufe des Tages dann Umstieg auf Coke mit ein paar Schuss Seagram’s VO Whiskey bei härter werdender Mischung gegen Abend...
Mit wachsendem Erfolg und Bekanntheitsgrad verlor Alice Cooper sich zunehmend im Nachtleben von Los Angeles und gründete seinen eigenen Trinker-Club in der oberen Etage der Rainbow Bar. Zu seinen Hollywood Vampires zählten unter anderem John Lennon und Harry Nilsson, die mit ihm über ein Jahr lang sein „neverending weekend“ feierten. In dieser Zeit trafen Shep und Alice auch auf Salvador Dalí, der in einem Restaurant eine Kanne heißes Wasser bestellte, das er im hohen Bogen in seine Tasse goss, um es mit einer kleinen Schere in der Luft abzuschneiden. Alice war schon früh von Dalí beeindruckt und ließ sich von dessen Kunst für die Bühnenshows inspirieren. Diese kleine Heißwassershow war ein erleuchtender Moment für Shep und ihn.
„Ich war ein gut funktionierender Alkoholiker“ schreibt Alice in „Golf Monster“, „man hat mir weder bei den Konzerten noch den Interviews angemerkt, dass ich betrunken war.“ Irgendwann musste er sich jedoch eingestehen, dass er den Alkohol brauchte, um zu funktionieren. Shep und Coopers Frau Sheryl Goddard intervenierten und schickten ihn in seinen ersten Entzug. Die Erfahrungen aus dieser Zeit verarbeitete er in „From the inside“. Und doch sollte es nicht sein letzter Besuch im Entzug gewesen sein. Die Sucht würde ihn noch über Jahre verfolgen, was beinahe auch zum Bruch mit Shep geführt hätte.
V. HOW YOU GONNA SEE ME NOW
Die Küstenstraße in dem kleinen Dorf auf Maui, in dem Shep E. Gordon seit den 70er Jahren wohnt, biegt irgendwann nach einigen Taco Bells und Souvenirshops wieder ins Landesinnere ab. Von dieser Kurve zweigt ein kleiner Weg ab,
„Dead End“ liest man auf einem schwarzen Schild. Ich biege trotzdem ab. Nach ein paar hundert Metern halte ich mit meinem Mietwagen vor einem grauen Metalltor. Die Hausnummer, nach der ich suche, gehört zum letzten Haus in der engen Straße. Ich stelle den Wagen auf ein Rasenstück vor der Einfahrt und schnalle meinen Kamerarucksack um, als ein gedrungener Mann mit einem Schnäuzer mich aus dem Fahrerfenster eines uralten Datsuns anspricht: „You’re going to Shep’s?“
Er wirkt verschlafen, sein Sitz ist weit zurückgekippt und ich kann sein Gesicht kaum erkennen. „Um, yes“, antworte ich. „You need to press the black button.“ Auf der Gegensprechanlage ist tatsächlich nur ein kleiner schwarzer Knopf zu finden. Ein paar Sekunden vergehen und das Tor öffnet sich. Der rostige Datsun folgt mir im Schritttempo und für einen Augenblick befürchte ich, ich habe gerade Sheps hawaiianischen Stalker mit auf das Gelände geschleust. Shep kommt uns entgegen, er humpelt ein wenig, das linke Bein in einer Kunststoffschiene. Er gibt mir die Hand und geht an mir vorbei zum Fahrerfenster des Datsun. Die beiden kennen sich, was mich beruhigt. „Weißt du, wer das war?“ fragt mich Shep. „Nein“, antworte ich. „Kennst du die Band Traffic?“ Es stellt sich heraus, dass ich soeben Dave Mason kennengelernt habe.
Shep hatte in letzter Minute einem kleinen Interview inklusive Fotosession für meinen Trip zugestimmt. Erst am Donnerstag hatte ich mir einen Flug von Los Angels nach Maui für Freitag gebucht und die Nacht zum Samstag in einer Airbnb-Hippie-Siedlung verbracht. Unter dem Einfluss der ersten hawaiianischen Eindrücke betrete ich Gordons Gelände und die Erinnerungen an die „Supermensch“-Doku beginnen sich mit der Realität abzugleichen. Es riecht nach Geschichte. Shep ist ein Gentleman und ein geübter Gastgeber. Sheps Erfolg misst sich nicht an Geld und Ruhm. Ihm ging es immer schon um Selbstverwirklichung, um das „coming to terms with your life“, deshalb ist er eine so unwirkliche Figur in der Musikbranche. Er ist knallharter Geschäftsmann und trotzdem verzichtet er bei Alice schon immer auf einen schriftlichen Vertrag. „Ich vertraue Shep und habe ihm immer all meine Geldangelegenheiten überlassen“, schreibt Alice in seiner Biografie, „und wenn tatsächlich mal irgendwann keins mehr da sein sollte, würde ich ihn nur fragen, wo wir wieder neues herbekommen!“ Als Shep die Band kennengelernt hatte, versprach er ihnen, nicht mit der Arbeit aufzuhören, „bevor wir nicht alle Millionäre sind.“ Für ihn und Alice war der Plan aufgegangen. Doch wenn man durch die Räume seines Hauses auf Maui schreitet, ist Geld das letzte, an das man denkt. Die Wände sind tapeziert mit Erinnerungen. Natürlich gibt es die obligatorischen Collagen aus Goldenen Schallplatten der meisten seiner Künstler. Doch man spürt, dass es hier um mehr geht.
Alice Coopers Alben aus der ersten Hälfte der 1980er fehlen in dieser Sammlung. Er veröffentlichte drei Alben, an die er sich laut eigener Aussage überhaupt nicht mehr erinnern kann. „Das war eine harte Zeit, in der auch wir unsere Probleme hatten“, so Shep, „er nahm auch härtere Drogen und damit wollte ich nichts zu tun haben. Ich hörte auf, für ihn zu arbeiten, ließ ihn lediglich mein Büro benutzen. So lange er Drogen nahm, konnte ich ihn einfach nicht unterstützen.“ Der erneute Absturz führte zu einem weiteren Entzug, der Alice endlich auf den richtigen Weg brachte. Er tauschte seine Alkohol- und Drogensucht endgültig gegen eine exzessive Golfleidenschaft ein, die ihn bis heute fast jeden Tag auf ein Grün führt. Mit der Gesundheit und dem Album „Trash“ kam Ende der 80er dann der Erfolg zurück, bevor Alice 1991 durch die „We’re not worthy“-Szene in Mike Myers Film „Wayne’s World“ auch für die MTV-Generation zu einer popkulturellen Legende avancierte. Und seitdem hält die Erfolgswelle an.
Aktuell ist Alice mit seinem neuen Album „Paranormal“ auf Tour, die Zeichen stehen gut dabei. Max Vaccaro, Labelchef von earMusic, hat dem Großmogul des Hardrocks die Türen geöffnet und jener dankte es mit einer wirklich außergewöhnlichen Platte. Eine Platte, die erneut von Bob Ezrin produziert wurde, sie beinhaltet unter anderem zwei Songs mit der originalen Besetzung der Band. „Wir hatten immer einen guten Kontakt mit den anderen Bandmitgliedern, auch nach der Trennung“, erklärt Shep. Ein gemeinsames Album sei zwar noch nicht geplant, aber „who knows?“
Sheps Haus liegt direkt am Strand und während ich ihn fotografiere reiten ein paar Regenwolken auf den Sommerwinden Richtung Sonnenuntergang. Shep zuzuhören hat etwas Beruhigendes, man spürt seine fast mythische Verbindung zu diesem Ort in der Natur, an dem er seinen Frieden gefunden hat. In dem Flughafenpaperback mit hawaiianischen Legenden wird der Halbgott Maui als Kämpfer für die gute Sache beschrieben, der nicht mit den besten Voraussetzungen gesegnet ist. Er ist nicht der beste Fischer, doch er gelangt in Besitz eines Zauberangelhakens, mit dem er die gesamte hawaiianische Inselgruppe aus den Tiefen des Meeres angelt. Er fängt die Sonne ein und macht sie langsamer, damit der Tag mehr Stunden hat und entdeckt für sein Volk das Feuer. Und er baut einen großen hölzernen Vogel, unter dessen großen Flügeln er seiner Familie Wärme und Sicherheit bieten kann. Wer einen Nachmittag mit Shep verbracht hat, kommt bei der Lektüre dieser Geschichten nicht umhin, ein bisschen von ihm in der polynesischen Mythologie zu sehen. Doch das wiederum wäre Shep Gordon sicher zuwider. Er ist am glücklichsten in seinem Tiki-Häuschen, während ein gutes Footballspiel auf einem übergroßen Fernseher läuft und er seine Familie um sich herum versammelt hat.
ANMERKUNG:
Dieser Text erschien zuerst in dem Bookazine „Vinyl Stories“ – Bookish Periodical – Ausgabe 3/2017, herausgegeben von Elegant, eine Marke der Edel Germany GmbH: https://www.edel.com