Salao

Auf dem Weg nach Hause hörte ich gestern das Hörbuch von Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Es ist fast 15 Jahre her, seit ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, danach dann noch ein paar Mal in meinen Zwanzigern und gestern dann wieder. Gleich zu Beginn benutzt Hemingway dort ein Wort, das ich vergessen hatte. „Salao“, was wohl vom spanischen „salado“ kommt, salzig, und so viel bedeutet wie das größtmögliche Pech, das ein Fischer haben kann. In Hemingways Buch geht es um einen alten Fischer, Santiago, der fast drei Monate lang jeden Tag ohne Beute in den Hafen zurückkehrt und deshalb von den anderen Fischern als salao abgetan wird, der seinen Mut aber noch nicht verloren hat und jeden Morgen aufs Neue aufs Meer rudert. 

“Das Segel war mit Mehlsäcken geflickt, und zusammengerollt sah es wie die Fahne der endgültigen Niederlage aus”

— Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

Salao - Dieses Wort und der Satz, „Das Segel war mit Mehlsäcken geflickt, und zusammengerollt sah es wie die Fahne der endgültigen Niederlage aus“, ließen mich gestern abschweifen. Die letzten Wochen waren so voll von Ereignissen, guten und teilweise wunderbaren Ereignissen, dass ich mir fast erlaubt hätte, den vorangegangenen Winter ganz zu vergessen. Einen Abschnitt in meinem Leben, ohne den ich das jetzige Hoch sicher nicht halb so wertschätzen würde. Salao, das größtmögliche Pech, hat eigentlich nur seine Richtigkeit, wenn man in der Umkehr davon ausgeht, dass alles was einem normalerweise passiert mit Glück zu tun hat. Wenn man das Wort Glück benutzt, läuft man allerdings in unserer Gesellschaft direkt Gefahr, seine Leistung zu schmälern. Es kommt fast einem Geständnis gleich. Doch wenn ich auf die letzten zwei Jahre Blicke, komme ich nicht umher, einzugestehen, dass all die wirklich großen Ereignisse durch glückliche Zufälle zustande gekommen sind. Australien, Las Vegas, Hawaii. Es brauchte natürlich ein paar Jahre harter Arbeit von mir, das ist mir bewusst, aber am Ende spielt Glück doch einen großen Faktor. Vielleicht habe ich mir das aber auch nur zu sehr eingeredet, mir eine Ausrede gesucht, meinen Einfluss auf mein Schicksal unterschätzt. Immer wieder gab es diese Momente unglaublichen Glücks in den letzten zwei Jahren. Immer wenn ich dachte, jetzt hätte ich meine Reserven davon endgültig aufgebraucht, kam ein neues, aufregendes Projekt oder eine schicksalhafte Begegnung aus dem Nichts und es ging wieder für ein paar Monate weiter. Irgendwo in dieser Welt aus Rausch und Bestimmung habe ich dann wohl das Lenkrad losgelassen und mich komplett in die Hände des Schicksals begeben. Und das hielt in diesem Winter keine Pläne sondern eine Prüfung für mich bereit. 

Viele Worte gehen den Leuten mittlerweile sehr leicht von der Hand. Schwere Worte, die man nicht leichtfertig benutzen sollte. Schicksal ist so eins. Und irgendwie ist auch das Wort „Depression“ so eins. Meine Innenwelt mit diesem Begriff in Verbindung zu bringen, das wäre nicht richtig. Da ich Menschen kennengelernt habe, die wirklich unter einer Depression leiden. So tief ist das Schwarz bei mir nicht, ist meine Gewalt über mein Denken und zu fühlen noch zu stark. Über richtige Depressionen hat David Foster Wallace in seinem Text „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ sehr treffend geschrieben. Umschrieben vielleicht. Es sei zum Beispiel als wäre man unter Wasser, es gibt aber keine Wasseroberfläche und egal wohin man schwimmt, man trifft überall nur wieder auf dunkles Wasser und kommt nie an die Luft. So ist es bei mir nicht. Aber manchmal so ähnlich. Bei mir gibt es eine Wasseroberfläche, eine Meeresoberfläche. Und ich bin auch nicht direkt im Wasser, sondern in einem muffigen, schweren Taucheranzug mit einem altmodischen Taucherhelm aus Metall. Ich fühle mich durch ein Seil verbunden mit der Wasseroberfläche und in meinem Bewusstsein weiß ich immer, dass ich mich an diesem Seil wieder nach oben ziehen kann, retten kann. Mein Unterbewusstsein zieht mich allerdings immer wieder und gerne tief in das dunkle Wasser und dort fühlt es sich manchmal sehr gut an, weshalb auch mein Bewusstsein sich, mit der Gewissheit des sicheren Seils zur Oberfläche, absichtlich mit in noch tiefere Gewässer bewegt. Dort bin ich allein, ich blicke nicht mehr auf zur Oberfläche, schwebe nur durch unzählige Schattierungen der Dunkelheit, die auf mich wirken wie müde gewordene Farben. Dort bin ich allein, und salao, denn das ist dort unten nicht das größtmögliche Pech, dort ist es Glück. Dort unten leben alle meine Niederlagen und sie erwachen zum Leben, wenn ich sie dort besuche, feiern ein großes Fest mit alldem als Gast, mit dem ich nie meinen Frieden gefunden habe. Es ist eine schwarze Feier. Und ich bin der Gastgeber. Man trinkt dickflüssige Melancholie aus Sektschalen, ist gekleidet wie Scott und Zelda Fitzgerald und immer gleichbleibend erregt. Es ist leicht, sich dort einen Rausch anzutrinken. Drei, vier Gläser dieser Melancholie und ich fühle mich unbesiegbar. 

Von dem Festsaal führt ein langer, fensterloser Gang zu einem kleinen Zimmer mit einem Schreibtisch. An den Wänden hängen meine Erinnerungen als gerahmte Fotografien und während die feierlichen Geräusche aus dem Festsaal noch leise an mein Ohr dringen, tippe ich diese Worte hier auf geliehenes Papier. Manchmal kann ich nur dort schreiben. Manchmal nur dort fotografieren. Manchmal nur dort leben. Es gelingt mir immer, von dort zurückzukehren. Gestärkt und voller Inspiration. Nur im vergangenen Winter gelang mir das nicht. 

Ich will mich gedanklich nicht wieder in diese Zeit zurückversetzen, die etwa im November vergangenen Jahres begann. Nachdem ich die Reportage über Shep Gordon und Hawaii geschrieben hatte, setzte bei mir eine große innere Leere ein. Was jetzt? Eine Frage, die ich mir zum ersten Mal seit langer Zeit nicht beantworten konnte. Ich tauchte wieder unter Wasser, doch im Vergleich zu den Malen davor, blieb ich für eine lange Zeit unter der Wasseroberfläche. Auch wenn ich nicht tief getaucht bin, wirklich oben war ich in dieser Zeit dann nie. Auf einmal konnte ich Peter Handke lesen, ein Autor, der mich mit seiner pedantischen und kleinteiligen Schreibweise während des Studiums zum Wahnsinn getrieben hat. Plötzlich fand ich Ruhe in seinen Worten, in seiner Kleinteiligkeit und las mich durch fast zehn seiner großen Romane in nur ein paar Wochen. Um den Jahreswechsel kamen dann noch finanzielle Schwierigkeiten dazu, da einige fest eingeplante Jobs abgesagt und mein Magazin vom Markt genommen wurde. Ein neues Jahr begann, nach all dem RocknRoll der Zeit davor, und ich konnte meine Miete nicht zahlen. In diesem Abschnitt meines Lebens tauchte ich so tief wie nie zuvor. Doch statt in dem Schreibzimmer verbrachte ich Wochen auf dem schwarzen Fest meines Unterbewusstseins und besoff mich an der Melancholie und feierte mein ganz eigenes, nie Enden wollendes Wochenende aus Regennächten und Schlaftabletten. Bis ich Ende Februar dann im Krankenhaus landete. Ich war bei mir im Büro zusammengebrochen und mit einem Krankenwagen in die Notaufnahme gebracht worden, die völlig überfüllt gewesen war und wo man mich auf dem Flur in einer Ecke abgestellt hatte.  Es roch nach Fäkalien und Desinfektion. Niemand beachtete mich für eine Weile und ich konnte die Augen fest schließen und mir bewusst machen, was da gerade passiert war. Ab jetzt kann ich dem Seil nicht mehr vertrauen, dachte ich. Gleichzeitig fühlte es sich aber auch lächerlich an. Ich hatte Angst. Weinte, mit dem Gesicht an der Wand des Notaufnahmenflures und dachte, dass man vor Rauhfaser keine Fotos machen sollte.

Seit diesem Tag ist sehr viel passiert in meinem Leben. Ich habe viele Entscheidungen getroffen, Dinge verändert, mein Denken verändert, so weit ich das schaffen konnte. Ich denke endlich wieder mit dem Herzen, bin den wichtigen Menschen wieder näher. Ich habe es geschafft, mir ein Schreibstübchen einzurichten, das nicht ganz so tief unter der Meeresoberfläche liegt. Doch das Wichtigste: Ich habe wieder 100 Antworten auf die Frage „was jetzt?“

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Sieben in der Nacht getippte Seiten aus dem Jahr 2009