Rocket Man
Je länger ich auf dieser Welt bin, desto mehr verbinden sich die Momente, Begegungen und Dinge aus meiner Vergangenheit und ergeben einen unsichtbaren Sinn. Sie werden allmählich von einem Plot zu einer Story. Ob diese Verbindungen real sind oder nur in meiner Vorstellung fassbar werden, sei dahingestellt. Vielleicht verfolgen mich nur ständig dieselben Dinge.
Als ich gerade 18 geworden war, ein Jahr nachdem ich mit meinem Großvater einen meiner Lieblingsmenschen verabschieden musste, sah ich im Kino den Film „Finding Forrester“. Nach dem Tod meines Opas hatte ich sehr spät in meinem Leben begonnen, Bücher zu lesen und erste Schreibversuche unternommen, ohne recht zu wissen, was ich dabei tun sollte. Die Melancholie nach dieser ersten Berührung mit dem Tod wollte einfach nur auf Papier.
In „Forrester“ geht es um einen alt gewordenen Schriftsteller (Sean Connery), der in New York ein zurückgezogenes Leben führt und, nach großem Erfolg seines Erstlingswerkes „Avalon Landing“, 30 Jahre lang keine einzige Zeile mehr veröffentlicht hat. Er schreibt nur noch für sich selbst. William Forrester hilft im Film einem Jungen aus der Nachbarschaft seinen eigenen Stil zu finden. Es ist sein erster Kontakt zur Außenwelt seit Jahren. Im Film werden zur Einführung der Charaktere ihre Bücherregale abgefilmt, um zu zeigen, dass sie dieselben Autoren schätzen und zumindest auf diese Weise bereits miteinander verbunden sind, bevor sie sich begegnen. Diese Szenen habe ich mir damals mehrfach angeschaut, als die DVD veröffentlicht wurde. Ich schrieb mir jeden der Autoren auf, die man bei den Kamerafahrten erkennen konnte. Darunter waren unter anderem Yukio Mishima, Checkhov, James Joyce, Ken Kesey, Sam Shepard und ein Buch mit dem Titel „The illustrated Man“ von einem Autor namens Ray Bradbury. Ich hatte keine Ahnung von Literatur und hatte damals auch niemanden, der mir beim Einstieg in diese Welt hätte behilflich sein können. Also bestellte ich ein paar der Bücher aus dem Film. Es kam mir cool vor. James Joyce kam damals natürlich zu früh für mich. Ich schaffte nicht ein Kapitel ohne abzuschweifen. Doch dann las ich „The illustrated Man“ von Ray Bradbury. Es ist eine Kurzgeschichtensammlung mit einer interessanten Rahmenhandlung. Ein Landstreicher trifft eines Nachts einen Gleichgesinnten und teilt sich mit ihm Essen und Feuer. Der Fremde stellt sich als ehemaliger Teil einer Freak Show heraus. Sein ganzer Körper ist tättowiert. Die Tattoos sind exakt getrennt in einzelne Stücke, die in der Nacht zu Leben beginnen. Die Geschichten, die von den Tattoos erzählt werden, sind die Kurzgeschichten in dem Band. Ich habe das Buch geliebt.
Acht oder neun Jahre später empfahl mir ein Freund die Serie „Californication“, er sei sich sicher, ich könne mit der Hauptfigur etwas anfangen. Das stimmte natürlich. Am Ende der ersten Folge ertönt zum ersten Mal so etwas wie der Theme Song der ganzen Serie. „Rocket Man“, in der Version von My Morning Jacket von 1999. Später in der Serie taucht der Titel immer wieder im Original von Elton John auf. Und ist seitdem einer meiner liebsten Songs auf diesem Planeten.
Acht oder neun Jahre später sitze ich über den Wolken in einer Emirates Maschine von Dubai nach Brisbane, Australien. Im On-Board Programm sehe ich mir eine Elton John Doku an, in der es viel um seine Songwriting Prozesse geht. Bernie Taupin, der "Rocket Man" geschrieben hat, berichtet, dass der Song von einer Kurzgeschichte von Ray Bradbury beeinflusst ist. Ich recherchierte ein bisschen und tatsächlich, „Rocket Man“ ist eine Kurzgeschichte in „The illustrated Man“. Die Kurzgeschichte handelt von einem Raumfahrer, der Monate unterwegs ist zwischen den Sternen und dann zu seiner Familie heimkehrt, die ihn nicht wieder losziehen lassen will. In der Geschichte geht es um Sehnsüchte, Lebensentscheidungen, Bestimmung, Prioritäten und Melancholie. Je nach Standpunkt in der Geschichte, kann man sie negativ oder positiv auslegen. Wobei die positive Seite vermutlich nur von denen nachvollzogen werden kann, die selbst einmal in den Fußstapfen des Rocket Man gewandelt sind. Und von der herrlichen Zerrissenheit der Getriebenen gekostet hat. Because "next time I come home, I'm home to stay."
“I couldn’t sleep that night. I came downstairs at one in the morning and the moonlight was like ice on all the housetops, and dew glittered in a snow field on our grass. I stood in the doorway in my pajamas, feeling the warm night wind, and then I knew that Dad was sitting in the mechanical porch swing, gliding gently. I could see his profile tilted back, and he was watching the stars wheel over the sky. His eyes were like gray crystal there, the moon in each one.”
— Ray Bradbury, Rocket Man (1951)
“And I think it’s gonna be a long long time
’Till touch down brings me round again to find
I’m not the man they think I am at home
Oh no no no I’m a rocket man
Rocket man burning out his fuse up here alone”
— Bernie Taupin, Rocket Man (1972)