The Days run away like wild Horse over the Hills

Seit Wochen erzähle ich jedem, der es hören mag, dass es mir den Umständen entsprechend gut gehe. Dass es Menschen gebe, die in viel gravierenderen Situationen sind, die unmögliches Leid erdulden müssten. Zuhause bleiben und lesen, das schafft man schon. Was macht es schon aus, dass viele Dinge im persönlichen Kontext jetzt nicht mehr funktionieren, Projekte abgesagt werden, die Freiheit maßgeblich eingeschränkt ist und vermutlich auch bleibt. Wir leiden ja im Kollektiv und jegliches Jammern gilt es zu verkneifen. Manchmal fühlt sich dann ja direkt auf derselben Kampfseite mit den „I need a haircut“ Protestlern in den vereinigten Staaten. Doch es geht gerade nicht um den Einzelnen, auch wenn das Gravierende an der Situation von den Entbehrungen und Herausforderungen des Individuums befeuert wird.

ICH BIN EIN NARZISST, DU BIST EIN NARZISST

In etwa so habe ich es auch Frank Berzbach in einem Telefonat gesagt, der als Schriftsteller und Künstler ähnlich von der Krise betroffen ist. Seine Antwort: das stimmt schon, doch man muss sein Leid und seine Schwierigkeiten auch mal kommunizieren, ganz unabhängig von der Ausgangslage und ob man nun mehr oder weniger betroffen ist von der Krise. Das hat mir in den Tagen danach zu denken gegeben. Das Problem, offen zu sprechen, liegt in diesem Fall nicht daran, dass ich Narzisst bin. Sondern daran, dass ich das weiß und es versuche zu verbergen. In der Fotografie ist das kein Problem, da habe ich diese Figur „Bob Sala“ erfunden, an die ich diesen Narzissmus abtreten konnte in den letzten Jahren.

In den vergangenen Wochen ging es mir ähnlich wie den meisten. Es gab gute, es gab schlechte Tage. Ingesamt habe ich mich ganz gut durch die Wochen getragen, bin zusammengerechnet drei Marathons gelaufen in den Weinbergen, etwas das zu meinem Anker geworden ist im Tagesablauf, lasse ich einen Tag aus, endet dieser gedanklich nicht an guten Orten. Gleichzeitig mischt sich bei mir das Verarbeiten der aktuellen Lage und alle gesundheitlichen Sorgen mit meinem Verdrängungsimpuls. Das hier auszusprechen kommt mir immer noch falsch vor. Doch es ist auch eine Wut in mir, die ich in den vergangenen Wochen verdrängen musste. Und ich habe Angst, dass diese Wut derjenigen dieser Wutbürger nicht so unähnlich ist, wie ich mir immer versuche einzureden.

WENN ICH NUR MEHR ZEIT HÄTTE

Ich werde in zwei Wochen 37. Meine Biografie bis hier hin, alles andere als ein gerader Weg mit fest definierten Zielen. Viele Kurswechsel, Abbrüche, Neustarts prägten die Jahre nach meinem Abitur, in denen es mir nie wirklich schlecht ging. Ich hatte gute Jobs, Freunde, ich hätte immer wieder im Status Quo verweilen können. Trotzdem stach ich wieder und wieder in See, da das unterschwellige Gefühl, doch nicht an dem Ort zu sein, an dem ich sein wollte, immer wieder überhand nahm.

Etwa in der Zeit nach meinem 18. Geburtstag reifte in mir die undefinierte Vorstellung von einem Künstlerleben, die befeuert war von den Romanen, Briefen und Tagebüchern meiner liebsten Schriftsteller. Ich wollte Künstler werden, vielleicht schreiben. Seit diesem Entschluss sind fast zwanzig Jahre vergangen. Und in diesen zwanzig Jahren habe ich nicht ein einziges Mal wirklich versucht ohne doppelten Boden und nur als Künstler zu leben. Ich hatte die verschiedensten Jobs, die mir alle viel Spaß bereitet haben, doch immer hatte ich diese Vorstellung von einem nicht eingelösten Lotto Ticket, von dem man sich einredet, dass es gewinnen wird. „Wenn ich irgendwann mal wirklich Zeit habe, schreibe ich meinen Roman“, „Ich nehme mir irgendwann ein Sabbatical“, „Wenn ich nur mehr Zeit für meine Kunst hätte“ - Ausreden habe ich über die Jahre genug gefunden. Diese Ausreden führten vor knapp zehn Jahren zu der ersten Krise meines Lebens, die von ungelebten Träumen angetrieben war. Aus dieser Krise bin ich damals als „Bob Sala“ herausgekrochen und habe in einer neuen Kunstform viele Dinge ausgelebt, die mir all die Jahre gefehlt hatten. Dieses „jetzt mach ich das für mich und versuche nicht mehr irgendwem zu gefallen“ förderte jedoch auch den anfangs angesprochenen Narzissmus in der Sache, die ich für mich Kunst nenne.

BOB`S LETZTER SOMMER

In den letzten Jahren führte die Kurve dann wieder weiter nach unten. Immer wieder entmutigte mich der Gedanke, nicht endlich von meiner Passion und der Kunst leben zu können. Die Schere zwischen Realität und Traumwelt wurde wieder größer und im vergangenen Winter beschloss ich nach vielen durchdachten Nächten, dass ich es in diesem Jahr endlich versuchen will. Ich beschloss, einen sehr guten Job in Karlsruhe zu kündigen und es auf eigene Faust zu versuchen, mit meinen Fotos, dem Schreiben, mein ganzes Jahr habe ich auf den Start in mein Künstlerdasein ausglegt. Angefangen mit einigen Reisen, im März sollte es losgehen. Mein letzter Arbeitstag war der 11.3. Danach sollte es nach Barcelona, Panama, Sri Lanka, Kanada, Kalifornien, ein paar Wochen nach Paris und im Sommer für einen ganzen Monat nach Berlin gehen. Ich hatte mir einen kleinen Puffer aufgebaut und die Aufträge, die ich hatte, hätten mich auf jeden Fall bis in den Herbst gebracht, vielleicht sogar bis in den Winter. Ich wollte einfach sehen, was passiert, wenn ich wirklich mal all die Energie in mein Projekt stecke und mir keine Ausreden mehr suche. Ich wollte reisen, darüber schreiben, ungebunden sein, arbeiten egal von welchem Ort, mich verpflanzen würde Hemingway sagen.

All das hat sich innerhalb der ersten zwei Wochen nach meiner Kündigung zerschlagen. Ich verlor Jobs mit einem Volumen von knapp 20.000 Euro, alle Reisen und Auslandsjobs sind on hold. Und ich landete nach 15 Jahren als Angestellter allein in meiner Wohnung. Ohne Strukturen, mit großer Unsicherheit, einem finanziellen Puffer, der eigentlich für schlechte Zeiten gedacht war und der mich vielleicht bis in den Juni bringen wird. Es hätte keinen schlechteren Zeitpunkt für meinen Start in die Selbständigkeit geben können. In Krisenzeiten und bei wichtigen Entscheidungen stelle ich mir grundsätzlich dieselbe Frage: „Was ist das Schlimmste, das passieren kann?“ - die Antwort darauf war zu Beginn des Jahres: „Nach einem tollen Sommer voller Reisen und neuer Erfahrungen, merkst du, dass es nicht hinhaut und du musst dir im Herbst wieder einen festen Job suchen.“

Es kam bekanntlich alles anders und im Moment weiß man nichts so wirklich. Doch in den ersten Tagen der Quarantäne konnte ich es mir nicht verkneifen zu denken, dass das ein besonderes Zeichen sein könnte, dass es vielleicht doch nicht der richtige Weg ist. Ich bin nicht gläubig, sehe jedoch ständig Zeichen. Und vielleicht ist das alles auch nur ein Test, ob ich es wirklich will und kein dezenter Wink, dass ich es lassen soll. Das wird sich zeigen. Es geht bei allem nicht um mich. Wir sind die Randfiguren der Existenzen anderer. Doch meine Welt wird auf diese Weise geprüft im Moment. So wie andere Welten anderen Prüfungen ausgesetzt sind. Es tut trotzdem gut, es aufzuschreiben.

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Analphabet und glücklicher Mensch

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Notizbuch (2)