Sieben in der Nacht getippte Seiten aus dem Jahr 2009
In der vergangenen Woche habe ich beim Aufräumen ein Bündel mit Schreibmaschinenseiten gefunden. Teilweise ganz beschrieben, teilweise nur mit zwei Sätzen darauf. Es war ein Versuch, einen Einstieg in eine Kurzgeschichte zu finden und er ist fast zehn Jahre her. Manche der Sätze hätte ich auch in den vergangenen Monaten geschrieben haben können.
FRAGMENT 1
Der fette junge, der dich vom unteren Ende der Wippe ansieht. Mit Schachbrettgrinsen und feuchten Augen. Deine Beine hilflos in der Luft.
FRAGMENT 2
Ich hatte den Rausch verloren. Wenn du ihn lebst, ist er nicht existent. Erst in seiner Abwesenheit spürst du die volle Wucht, mit der er dich aus der Wirklichkeit genommen hat.
FRAGMENT 3
Es ist der fette Junge, der dich vom unteren Ende der Wippe ansieht. Mit schimmeligen Lachsalven feiert er die hilflosen Schwünge deiner Beine in der Luft. Er ist der Rausch, der dich aus der Wirklichkeit hebelt. Das Rauschen, das sich über alles legt und dich im Rhythmus der Wiederholung zwischen Morgen und Nacht wiegt. Doch dann gerätst du aus dem Takt. Deine Welt fängt an zu vibrieren und du findest dich in einer Schleife aus endlosen Nächten. Plötzlich wünschst du dir den fetten Jungen zurück, der dich vor der Realität beschützt.
FRAGMENT 4
Es ist der fette Junge, der dich vom unteren Ende der Wippe angrinst. Mit lückenhaftem Lachen quittiert er die hilflosen Schwünge deiner Beine in der Luft. Er ist der Rausch, der dich aus deiner Wirklichkeit hebelt. Es ist das Rauschen, das sich über deine Wahrnehmung legt, sobald du im Rhythmus bist, mit den immer gleichen Wiederholungen zwischen Beginn und Ende. Doch irgendwann gerätst du aus dem Takt. Und deine Welt fängt an zu springen.
FRAGMENT 5
Der Rausch war verloren. Wenn man einfach lebt, ist er kaum spürbar, beinahe nicht existent. Erst, wenn man in das Vakuum tritt, das er hinterlässt, spürt man die volle Kraft mit der man aus der Realität gehebelt war, als säße man am oberen Ende einer Wippe einem tauben Fettsack gegenüber, der einen in der hilflosen Schwerelosigkeit gefangen hält. Der Rausch war das Rauschen, das sich über alles legte, darauf hatte ich mich immer verlassen können, die alte verfilzte Decke, die dir immer wieder bis zum Kinn über den Körper gezogen wird, sobald du sie abstreifst.
FRAGMENT 6
Der Rausch war in Vergessenheit geraten. Wenn man ihn lebt, ist er kaum zu spüren, beinahe ausgedacht. Erst wenn man in das Vakuum sticht, das er hinterlässt, spürt man das volle Gewicht, mit dem er einen aus der Wirklichkeit gehebelt hatte wie ein fetter Junge, der dich vom unteren Ende einer Wippe mit verschimmeltem Lächeln mustert. Es war das Rauschen, das sich über alles legt, die sich abrollenden Wellen im Sand. Die filzige und verlauste Decke, unter der du sofort in zu tiefe Träume versinkst, bei der du jedoch am nächsten Morgen mit brennender Haut in deinem Schweiß aufwachst. Es war das fehlende Stück Film, das dir dein Bewusstsein herausreißt, bevor du auf der Autobahn nach Minuten des Unbewusstseins wieder zu dir kommst, wenige Meter vor deiner Abfahrt, und du dich fragst, wer eigentlich gerade am Steuer war. Es ist der Autopilot, in den dein Leben schaltet, wenn du dich nur annähernd deinen Zielen näherst und dich in Sicherheit wähnst. Es ist die vergängliche Betäubung, die dich den unerträglichen Rhythmus und die Gewöhnlichkeit des Daseins überdauern lässt. Unterbrochen nur von besonderem Glück, vor allem Unglück, oder dem notwendigen Zwilling der beiden, Veränderung.
Das Rauschen wollte sich nicht mehr einstellen, also hörte ich auf danach zu suchen und kehrte aus irgendeinem Ausland zurück. Ich war wie dieser Mann in der Geschichte von Jorge Luis Borges, Funes, der nichts vergessen kann und in ständiger Überwältigung leben muss, von all den Vibrationen im Bereich der Tausend unsichtbaren Zeichen, die auch mich verfolgen.
FRAGMENT 7
Es ist wie der fette Junge, der dich vom unteren Ende einer Wippe anschaut, mit Schimmellachen und schwarzen Augen. Du schreist ihn an, doch er ist taub und grinst weiter, während deine Beine in der Luft schwingen wie lose Äste im Wind. Doch du kannst nichts dafür, es ist nicht deine Schuld, das bildest du dir zumindest ein. Versuchst dir einzureden, der fette Junge sei es, der dir die Wirklichkeit versperrt. Doch der Junge ist nur der Rausch, der dich davon abhält, die Welt wahrzunehmen, voranzukommen. Er ist deine Ausrede. Niemals spürst du wirklich, dass er da ist, er ist wie ausgedacht, die Summe aller schlechten Erfahrungen, die du machen könntest und lieber vermeidest. Doch wehe er lässt dich im Stich. Wenn er nicht erscheint, nach jeder Phase der Ungewissheit und dich wieder durch die Rhythmen und Gewohnheiten deines Alltags schwimmt wie ein vollgesogenes Stück Holz in einem Fluss. Was ist, wenn er nicht mehr lächelt? Was ist, wenn er dich zurücklässt? Allein mit dir. Und der Frage: was jetzt?
Mehr und mehr fühlst du dich wieder Mann in dieser Geschichte von Jorge Luis Borges, Funes, der nichts vergessen kann, der alles und jeden in sich aufnimmt ohne je über etwas hinwegzusehen. Dann suchst du ihn, den Jungen, mit seinem Lachen, der dir nun die Absolution der Gleichgültigkeit verweigert. Und sich versteckt. Und dich zurücklässt. In deiner ewigen Nacht.