AGFAMATIC TEEN 70' UND DAS GEHEIMNIS DES OOZE
Meine erste Kamera schenkte mein Vater mir im Sommer 1991. Fortan trug ich seine ausrangierte Agfamatic Pocket überall herum, knipste, was mir so begegnete, natürlich ohne dass ich einen Film eingelegt hatte - das „Ritsch-Ratsch- Klick“ der Kamera war mir Belohnung genug auf meinen ausgedehnten Ausflügen als Reportagefotograf. Ich betrachtete die Welt nur noch durch den winzigen Sucher des schwarzgrauen Kastens mit dem flachen roten Knopf auf der Oberseite. Schön wäre, und sicherlich die bessere Geschichte, wenn das den Beginn meiner fotografischen Entwicklung markiert hätte. Doch schon drei Tage später nahm ich mein Geschenk mit ins Kino. Während des Abspanns von „Turtles II - Das Geheimnis des Ooze“ ließ ich meine Agfamatic im verdunkelten Saal des Stadttheaters auf dem Kinosessel liegen. Meinen Verlust bemerkte ich erst am Abend. Tags darauf fuhr ich nach der Schule mit dem Rad zum Theater, doch niemand hatte die Kamera gefunden und beim Kartenabreißer abgegeben. Ich traute mich nicht nach Hause und fuhr den Rest des Nachmittags ziellos durch die verregneten Straßen meiner Heimatstadt. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis ich wieder eine Kamera in die Hand nahm.
Kunst spielte in meiner Kindheit keine Rolle. Ich hörte Musik, die in den Charts lief, schaute Samstagabendshows und spielte Fußball bis die Sonne unterging. Erst nach der Trennung meiner Eltern, die mit einem eigenen Fernseher und der Beförderung zum Schlüsselkind einherging, öffnete sich mein Horizont. Ich begann, bis fünf Uhr morgens Filme zu schauen und die Schule zu schwänzen. 1:15 Uhr in der Nacht wurde für mich das 20:15 Uhr der Schafe. Ich schaute Spielfilme, die ich nicht verstand, mit Schauspielern, die ich nicht kannte und fühlte mich wie ein Eroberer, da ich wusste, dass all meine Freunde bereits schliefen und ich allein war. Nur ich, die Nacht, die Litertüte Orangensaft und die Filme, über die sonst keiner sprechen konnte am nächsten Tag in der Schule. An die meisten Streifen kann ich mich nicht erinnern, doch „Der Reporter“ von Michelangelo Antonioni war dabei, auch Wim Wenders „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Die ersten autoerotischen Experimente ereigneten sich, nachdem ich um drei Uhr in der Nacht die Verfilmung von Henry Millers „Stille Tage in Clichy“ auf Tele 5 gesehen hatte. Das Buch las ich erst Jahre später.
Mit 21, als junger Lokaljournalist und selbstsernannter Schriftsteller, fragte mich mein Chefredakteur, ob ich nicht eine Kamera hätte und ein Foto von der nächsten Veranstaltung mitbringen könne. Immer einen Fotografen mitzuschicken, lohne sich nicht. Also lieh ich mir die kleine Kompaktkamera der älteren Schwester meiner Freundin und veröffentlichte mein erstes Foto. Es zeigte eine Frau, die mit Kasperletheater über die Dörfer zog. Der automatische Blitz der kleinen Rollei hatte die herzliche alte Dame zu einer mysteriösen Hexe verschattet, aber meinem Redakteur war das gleich. Nun war ich also Journalist - und Fotograf. Von meinem Ersparten kaufte ich mir im darauffolgenden Sommer eine Einsteiger-DSLR mit KIT-Zoom, ein Setup, das mich über die nächsten zehn Jahre begleiten sollte. Ich verwandte mehr Aufmerksamkeit auf die kleinen Notizbücher und Reporterblöcke, die ich aus aller Welt bestellte und in die Seite meiner Kameratasche stopfte, als auf meine Nikon, die nur dazu diente, mir mehr Platz zum Schreiben zu verschaffen. Denn so lief das damals: je besser das Foto, das ich mitbrachte, desto mehr Text durfte ich dazu schreiben, desto weiter rückte ich nach vorne in der Zeitung, bis ich schließlich auf der Titelseite des Lokalteils landete. Wöchentlich. Dass das allein wegen meiner besser werdenden Fotos geschah und nicht aufgrund der mageren Texte, habe ich damals ignoriert.
INTIMITÄT, AUTHENTIZITÄT UND PHANTASTIK
Erst als mir mit 30 das Buch „You and I“ von Ryan McGinley in die Hand fiel, begann ich die Fotografie als Medium des Geschichten erzählens anzuerkennen und eigene Versuche in dieser Kunstform zu unternehmen. Den Lokaljournalismus ließ ich hinter mir, drei Romanversuche aus meinen Zwanzigern im Keller verstauben. Mein Start in die Fotografie wurde zu einem Ausbruch aus dem bürgerlichen Grab, das ich mir selbst geschaufelt hatte. Ryans Fotografie diente mir als Einstieg, insbesondere die Intimität, die Authentizität und das gleichzeitig Phantastische in seinen Fotos. Alberto García Alix folgte mit seinen 60er Jahre Dokumentarfotos aus seinem Halbstarken- und Motorradfreundeumfeld, doch den absoluten Durchbruch eröffnete mir Saul Leiter. Leiters Einfluss auf meine eigenen Fotos scheint manchmal sicher sehr stark durch. Seine Portrait- und Boudoirfotos schaue ich mir immer wieder an, als wären es visuelle Gebete. Es sind rausgerissene Momente aus einem Tagebuch, dahingeworfene Skizzen und Tagträume, intim, ernsthaft und wahrhaftig. Er ist zu gleichen Teilen Maler und Fotograf.
Leiters Motive stammen aus seinem persönlichen Umfeld. Es sind Wegbegleiter, Ehefrauen, Geliebte, Modelle. Mein Versuch war es, diese Intimität auch zwischen zwei Unbekannten herzustellen, einen Moment außerhalb der Zeit, der vielleicht nur für mich und die Person vor meiner Kamera existiert, eine Erinnerung an einen Moment, der nie stattgefunden hat, das Romanhafte in der Fotografie - authentische Fiktion, eben keine fiktive Authentizität. Die Verbindung im Bereich der achtzigtausend unsichtbaren Zeichen herzustellen, ohne als Regisseur zu sehr einzugreifen. Ich war Wim Wenders auf der Suche nach dem, was ungesagt bleibt und trotzdem erscheint. Bei ihm sind es meist Schauspieler, die er auf diese Weise agieren lässt. Bei mir sind es oft Laien. Das ist meine Aufgabe.
Das Mise en Scène folgt dabei intuitiv der inneren Bilderbibliothek, die ich in mehr als dreißigjähriger Filmsucht unterbewusst bestückt habe. Zufälle und popkulturelle Einflüsse wechseln sich dabei ab und bestenfalls entsteht ein Foto, das auch einem alten Film entnommen sein könnte, ein „Film Still“, das trotzdem etwas Neues in sich trägt. Das ist Fluch und Segen zugleich. Meine Bilderbibliothek hat anscheinend einen hohen Wiedererkennungswert und ich kann ihr kaum noch entfliehen. Mein eigener Stil. Für mich ist er oft die hundertste nächtliche Wiederholung von Cameron Crowes autobiografischem Film „Almost Famous“ auf RTL II. Dann wünsche ich mir manchmal, dass ich doch einen 110 Pocket Film in der geschenkten Agfamatic gehabt hätte, um mir heute die Bilder anschauen zu können, die mein achtjähriges Ich 1991 von seiner Umwelt gemacht hat. Ohne äußere Einflüsse, ohne Kenntnisse. Almost Famous werde ich jedes mal wieder schauen, wenn ich durch Zufall reinschalte. Doch wer weiß, was noch kommt.
Alles ist möglich.
Diesen Text über meine ersten Schritte als Fotograf habe ich für das 2getherMAG geschrieben, das im Dezember im Print rauskam.