Zu Lebzeiten

Ich werde es müde, mit Menschen über Online-Plattformen zu reden, Menschen, die darin den einzigen Wert ihrer Arbeit zu finden suchen. Paul Auster hat mal über das Schreiben gesagt (sinngemäß): Mit 20 ist jeder ein Schriftsteller, bei den Dreißigjährigen sind es schon sehr viele weniger, mit 40, 50 schreiben nur noch die, die nicht anders können. So werden auch die Fotografen ausdünnen, die nur für die Online-Welt Fotos machen. Die Leute mit 2K Followern sehnen sich die 5K herbei, die mit 5 die 10, 20 die 50, 50 die 100 und auf dem Weg fällt einem plötzlich auf, wie egal es ist und in welche Abhängigkeit man sich zu einer Plattform begeben hat, die in einem nichts sieht außer Werberelevanz. Was bleibt, sind die Begegnungen, die daraus entstanden sind. 

Franz Kafka hat 1912 mit knapp 30 seinen ersten Kurzgeschichtenband „Betrachtung“ herausgebracht. Auflage: 800 Stück. Kurz vor seinem Tod kam der Band „Ein Landarzt“ heraus. Kafka war in Literaturkreisen nun schon bekannter, mehr als 10 Jahre nach der ersten Veröffentlichung. Auflage: 2000 Stück. Er hat über Jahre hunderte Briefe an seine Freundinnen Felice Bauer und später Milena Jesenská geschrieben, die zum Schönsten gehören, das jemals verfasst wurde. Empfänger: 1. Seine Tagebücher und Notizhefte sind noch heute mein ständiger Begleiter. Leser zu Lebzeiten: 0. 

Kafka hörte nie auf zu schreiben. Arbeitete bei einer Versicherungsgesellschaft von morgens bis nachmittags, lief nach Hause, schlief eine Stunde, ging spazieren, aß etwas Käse und Nüsse zu Abend und wenn alle Geräusche im Hause verstummt waren, schrieb er von 10 Uhr bis 3 Uhr nachts oder länger in seine Hefte und rannte morgens wieder zu seiner Versicherung, sich selbst stets sein schärfster Kritiker. Alle Künstler sind eitel. Und der bloße Akt des Veröffentlichens ist dafür Beweis genug. Wir müssen uns glücklich schätzen, so einfach wie heute so viele Menschen erreichen zu können. Und trotzdem hat nichts davon Wert ohne die konstante, manchmal mühsame Arbeit am Werk. Denn wie oft ist das, was wir für uns fotografieren, für uns schreiben oder malen, im Rückblick weitaus bedeutender als das, was wir für andere erschaffen?  

Jack Kerouac schrieb Roman um Roman, bevor er 1957 mit “On the Road” endlich einen Erfolg hatte. Da war er 35 und sah aus wie 45, weil er tatsächlich die meisten Geschichten aus seinen Roman selbst gelebt hat und danach scheuchten sie ihn durch alle Talk Shows, wo er jedem von der Schriftrolle berichten durfte, auf der er “On the Road” in wenigen Wochen zusammengetippt hatte. Die Geschichte trug zum Mythos bei und dass er zuvor unzählige Versuche, den Roman zu schreiben in den Sand gesetzt hatte, interessiert danach niemanden. Nach “On the Road” wurden endlich auch seine früheren Romane nach und nach an die Öffentlichkeit gebracht. Die Verkaufszahlen sanken jedoch stetig und er konnte nie wieder an den alten Erfolg anknüpfen. Trotzdem schrieb er weiter, bis er sich irgendwann zu Tode soff. 

Öffentlichkeit ist ein wichtiges Element im Schaffensprozess. Peter Handke schrieb einmal in einem Brief an seinen Verleger Siegfried Unseld, nachdem eines seiner Theaterstücke großen Anklang fand: “Man hat doch zu viel von sich auf seine Gebilde übertragen und lebt erst richtig auf, wenn diese in den Leuten aufleben.” Trotzdem kommt das Werk immer vor der Rezeption. Und wer sich trotz ausbleibender Reaktion auf seine Arbeit nicht von der Schreibmaschine oder der Kamera loseisen lässt, ist in meinen Augen ein ebenso würdiger Künstler wie die, die man im Louvre findet. Ich könnte es niemals so treffend ausdrücken wie Fernando Pessoa:

“Selbst wenn wir wissen, dass ein nie zustande kommendes Werk schlecht sein wird, ein nie begonnenes ist noch schlechter! Ein zustande gekommenes Werk ist zumindest entstanden. Kein Meisterwerk vielleicht, aber es existiert, wenn auch kümmerlich wie die Pflanze meiner gebrechlichen Nachbarin. Diese Pflanze ist ihre Freude, und hin und wieder auch die meine. Was ich schreibe und als schlecht erkenne, kann dennoch die eine oder andere verwundete, traurige Seele für Augenblicke noch Schlechteres vergessen lassen. Ob es mir nun genügt oder nicht, es nützt auf irgendeine Art, und so ist das ganze Leben.” - Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe

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