Die Smith-Corona Galaxie
Zum ersten Mal sah ich die Galaxie an einem Dienstag Nachmittag. Ich betrat meine Wohnung und verteilte die Überreste meiner Realität über die Haken und Schränke meines Flurs. Als ich mein Schlafzimmer betrat, beiläufig und barfüßig, bemerkte ich mit dem ersten Auge die Galaxie. Sie war über meinem Schreibtisch, direkt gegenüber meines Bettes und neben einem leeren Spiegel. Ich wandte den Blick ab und ging rüber zum Fenster, das zum Fluß vor meiner Wohnung rausgeht. Auf dem Platz mit dem Kino saß auf einer Bank ein schwarzhaariger Junge mit einem schwarzhaarigen Mädchen im Schneidersitz. Neben ihnen stand ein Motorroller und ihre Helme hingen rechts und links über den Lenker. Sie wölbten sich zueinander, hielten die Luft an und berührten sich nur mit ihren Lippen, die Hände im jeweils eigenen Schoß. Sie hatten sich bereits geküsst, als ich aus meiner Realität heimgelaufen und über den Platz mit dem Kino an ihnen vorbeigekommen war —— Dunkle Wolken zogen plötzlich über dem Platz auf und die Filmplakate an der Wand hinter den beiden leuchteten. Sie mussten schon vorher geleuchtet haben, doch man sah es erst jetzt in der Dämmerung glühen. Das Mädchen küsste weiter den schwarzhaarigen Jungen und die ersten Regentropfen landeten auf dem Boden und der Geruch von nassem Asphalt stieg hoch bis an mein Fenster im zweiten Stock und der Regen wurde stärker und die beiden schwarzhaarigen küssten sich mit ihren nassen schwarzen Haaren und berührten sich weiter nicht an den Händen. Als der Regen stärker wurde, schloß ich das Fenster, rollte die Fensterläden herunter und knipste die kleine Lampe auf meinem Nachttisch an. Ich schaute aus dem Augenwinkel in Richtung Schreibtisch. Die Galaxie war immer noch da. Sie bewegte sich nicht. Danach legte ich mich ins Bett und löschte das Licht. Im Gegensatz zu den Filmplakaten begann die Galaxie nicht in der Dunkelheit zu strahlen. Auch ohne Leuchten sah ich sie deutlich vor mir. Ihr schwarz war tiefer als das Milchschwarz dieser Sommernacht.
In der ersten Nacht der Galaxie träumte ich vom Hologram Adolfo Bioy Casares an meinem Küchentisch. Ich träumte, wie er vor mir sitzt und seine weißen Zähne in eine überreife Birne drückt. Aus den dunklen Löchern der angefaulten Frucht kriechen schmerzgelbe Wespen auf seinen Mund zu und mit jedem weiteren Bissen erwischt er auch eine von ihnen mit seinen grauen Zähnen und der Saft der Birne und der Saft der Wespen tropfen an seinem glattrasierten Kinn hinunter auf den gestärkten Hemdkragen unter seiner Weste. Er kann mich nicht sehen, weil jemand die Äpfel aus seinen Augenhöhlen geklaut hat und ich bin erleichtert, weil ich ihm ungestört dabei zuschauen kann wie er Wespenhülsen auf meinen Küchenboden spuckt.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war die Galaxie immer noch da. Ich hatte das Gefühl, sie sei über Nacht gewachsen, aber ich war mir nicht sicher. Ich musste an der Galaxie vorbeilaufen, um zu meiner Küche zu kommen. Zwischen Tür und Galaxie lagen vielleicht neunzig Zentimeter. Ich ließ das Morgenlicht ins Zimmer und lief dann an ihr vorbei, den Rücken an die Wand gedrückt, um den größtmöglichen Abstand zwischen mir und der Galaxie zu gewährleisten. Ich versuchte sie im Vorbeigehen genauer zu untersuchen. Von der Seite konnte man sie kaum erkennen, sie war nicht tiefer als eine Lage Zeitungspapier. Zwischen der Galaxie und dem Schreibtisch konnte ich nichts erkennen. Sie schwebte also in der Luft. Ich ging in meine Küche, kochte Kaffee und überlegte wie die Galaxie dort hingekommen sein konnte. Es musste am Dienstag passiert sein, während ich noch in meiner Realität festgehalten wurde. Ich legte mich mit meiner Tasse Kaffee zurück ins Bett, zog die Decke bis über den Bauchnabel und betrachtete die Galaxie noch genauer. Auf den ersten Blick sah sie aus wie ein schwarzes Loch in meinem Schlafzimmer, mit einem Durchmesser von vielleicht dreißig Zentimetern. Bei Tag war sie nicht so schwarz wie noch in der Nacht. Neben dem Schreibtisch entdeckte ich einen Koffer, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Er war blau und ich vermutete, dass die Galaxie darin hertransportiert worden war. Über dem Schreibtisch hatte ich ein paar Wochen zuvor ein kleines Regalbrett angebracht, auf dem sieben Bücher aufgereiht standen, die eine gewisse Bedeutung für mich hatten. Ich hatte sie sieben Jahre zuvor einem Trödelhändler namens Albrecht Engler in Düsseldorf abgekauft. Er kaufte Nachlässe auf und rief mich immer an, wenn Bücher dabei waren. Die Sieben, die auf meinem Regal standen, hatte ich aus einem Stapel Ananaskisten eines verstorbenen Englischlehrers gefischt, der in seinem Leben exakt dieselben Bücher gekauft und gelesen hatte, die ich in meinem Leben gelesen und gekauft hatte. Ich stand vor sieben Jahren vor sieben Ananaskisten mit meinem eigenen Nachlass. Jetzt schwebten die Bücher über der Galaxie und ich war unsicher, ob sie für immer verloren waren. Ich ging zurück in meine Realität und am Abend lief ich nicht direkt nach Hause sondern zu meinem Nachbarn Ray. Ich erzählte ihm nichts von der Galaxie. Er wärmte ein Süßholzcurry auf, während ich auf meinen Atlantismoment wartete.
In der zweiten Nacht der Galaxie träumte ich von Zahlen. Das schwarze Biest Aleister Crowley brauchte, trotz fiebriger Erkältung, 27 Tage und 12 3/4 Stunden, um „Diary of a Drug Fiend“ zu schreiben. Er schrieb genau 4321 Wörter pro Tag. Ray Bradbury musste wegen seiner kleinen Tochter jeden Tag seine Wohnung verlassen, um die fünfzig Tausend Wörter von Fahrenheit 451 zu schreiben. Er mietete im Keller der städtischen Universität einen Platz an einer Schreibmaschine für 10 Cent pro halbe Stunde, setzte sich mit einem Säckchen voll Kleingeld an die Tasten und beendete die erste Fassung innerhalb von 9 Tagen, sie kostete ihn neun Dollar und achtzig Cent an Schreibmaschinenmiete. Jimi Hendrix ließ sich 1967 im Landmark Motor Hotel 100 Dollar in kleine Münzen umtauschen, um die ganze Nacht auf dem elektrisch vibrierenden Bett seiner Honeymoon Sweet reiten zu können und den ganzen Flur auf einen Ritt in seinem Zimmer einladen zu können. Ich träumte vom zwanzigjährigen Hologram Roberto Bolaños im Jahr 2666 auf einem schwarzen Motorrad, eine Flasche Tequila für zwanzig Freunde in der Armbeuge und drei Notizbücher mit den Gedichten, die ihm nicht peinlich sind, in seinem verkohlten Rucksack.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war die Galaxie immer noch da. Dieses Mal war ich mir sicher, dass sie über Nacht größer geworden war. Mir fiel auf, dass die Galaxie keinen Rand hatte, sie hörte einfach irgendwann auf. Die Luft um die Galaxie sah normal aus. Ich beschloss, mutiger zu sein und setzte mich an die Bettkante. Die Galaxie über meinem Schreibtisch schwebte jetzt etwa einen Meter vor meinem Gesicht. Sie strahlte weder Wärme noch Kälte aus. Sie bewegte sich nicht. Sie machte kein Geräusch. Ich betrachtete ihren Rand, den es nicht gab. Der blaue Koffer lag jetzt geöffnet vor meinen Füßen. Auf einem Metallschild, das in der Mitte des mit bunter Seide gefütterten Koffers angeklemmt war, las ich die Worte „Smith-Corona“. Ich wusste nicht, ob das alles so in Ordnung war. Es war die erste Galaxie, die ich in meinem Leben gesehen hatte. Ich ging noch näher heran und nahm ein Blatt Papier von meinem Schreibtisch und ließ es unter die Galaxie gleiten. Das Blatt landete einfach auf dem Schreibtisch. Es war kein Trick. Die Galaxie schwebte wirklich etwa zwanzig Zentimeter über der Schreibtischoberfläche. Ich führte meine rechte Hand unter die Galaxie und bewegte sie ein paar mal von der einen zur anderen Seite. Es passierte nichts. Auch in ihrer Nähe spürte ich weder Wärme noch Kälte. Ich bewegte mich um den Schreibtisch herum und ließ meinen Arm hinter die Galaxie gleiten. Auch dort war nichts zu spüren. Man konnte sie auch nicht riechen, obwohl ich mir einbildete, einen leicht silbrigen Geschmack auf der Zunge zu haben, während ich so nah an der Galaxie stand. Ich beschloß, meinem Nachbarn Ray von der Galaxie zu erzählen, wenn ich am Abend aus meiner Realität heimkommen würde.
In der dritten Nacht der Galaxie träumte ich von einem gesunden Franz Kafka, der mich wie in einer Fernsehshow durch seine letzte Wohnung in Steglitz führt, einen Tag bevor er stirbt. Am Küchentisch sitzt Dora Diamant, barbusig und Zeitung lesend, ihre schwarzen Locken mit einem Band aus Apfelschale zusammengebunden, das sie in einem Stück von einem faulen Apfel geschält hat. Franz könne es sich im Moment nicht leisten, ihr ein echtes Haarband zu kaufen. Als wir an ihr vorbeigehen, legt sie die Zeitung kurz auf den Tisch und hebt ihre Hand zum Gruß. Sie kann nicht lächeln. Sonst besteht die Wohnung nur aus Kafkas Bett, in dem er die Tage und die Nächte verbringt. Er zeigt mir seine Sammlung pornografischer Magazine - er habe sie abonniert - und zählt mir seine drei Lieblingsbordelle in Prag auf. Er favorisiere Analsex, Oralsex komme an zweiter Stelle und an dritter Stelle Masturbation. „Ich masturbiere jeden Abend vor dem Schreiben!“ sagt er und legt sich in sein Bett, um zu sterben.
Ray hatte vorgeschlagen, sich die Galaxie einmal anzusehen, falls sie am nächsten Morgen noch da wäre. Es war ein Samstag und er musste nicht in seine Realität und ich musste nicht in meine Realität und er fand, das seien gute Voraussetzungen, um sich um die Galaxie zu kümmern. Auch wenn er selbst noch keine Erfahrung mit Galaxien gemacht habe, so sei er doch so etwas wie ein Experte auf dem Gebiet und wenn man sich um eine Galaxie kümmern müsse, sollte man so viel Zeit wie möglich zur Verfügung haben. Worin genau seine Expertise bestand, wusste ich nicht. In der Biografie auf seinem Weblog bezeichnete er sich immer als „Kassierer im Pfandhaus des Universums“. Was er wirklich machte, wusste ich nicht. Die Galaxie war immer noch da und deshalb kam er am Samstag um neun Uhr Morgens zu meiner Wohnungstür und klopfte an. Er bat mich, ihm genau zu schildern, was ich gemacht hatte, bevor ich die die Galaxie zum ersten Mal gesehen hatte und er tat es mir nach und hängte seinen Mantel an den Haken, zog seine Schuhe aus und legte sie in den Schrank in meinem Flur und betrat, barfüßig wie ich, nach mir das Schlafzimmer. Die Galaxie schwebte über dem Schreibtisch und war auf einen Durchmesser von 40 Zentimetern gewachsen. Wir setzten uns auf die Bettkante und betrachteten die Galaxie. Ich war mir nicht sicher, ob er sie auch sah. Ich hoffte es. Dann sagte er, dass das zu einem Problem werden könne. Er fragte mich, wie sehr die Galaxie gewachsen war, seit ich sie zum ersten Mal gesehen hatte. Ich erzählte ihm, dass es vielleicht 10 Zentimeter waren. „Das habe ich befürchtet“, sagte er. Ich hätte keine Chance, gab er mir zu verstehen. Die Galaxie breite sich aus, das sei die Natur des Universums. Und der Ausbreitungsgrad meiner Galaxie sei als verheerend einzustufen. Ich müsse mich damit abfinden. Die Galaxie sei unaufhaltsam. Man könne lediglich versuchen, den Wachstumsprozess zu entschleunigen. „Wie soll das gehen?“, fragte ich Ray. „Nichts entsteht, ohne das etwas verbraucht wird“, sagte Ray. „Die Galaxie kann nur wachsen, wenn sie die Welt um sich herum in sich aufnimmt. Du hast seit Dienstag bereits einen Durchmesser von 10 Zentimetern deiner Wohnung an die Galaxie verloren. Wir können sie vielleicht für einen Moment täuschen, bis uns etwas Besseres einfällt!“ Er nahm ein dunkelblaues Bettlaken aus meinem Schrank und gab mir zwei Zipfel davon in die Hand, spannte das Laken zwischen uns und zählte runter. „3, 2, 1,“ und wir warfen das Laken über die Galaxie, die darunter verschwand. Das Laken schwebte nun über dem Schreibtisch. Es hatte kein Geräusch gemacht, als das Laken die Galaxie berührt hatte. „Du musst mir versprechen, die Galaxie unter dem Laken zu lassen und vor allen Dingen musst du mir versprechen, nicht in die Galaxie hineinzusehen!“ - Erst in diesem Moment war mir aufgefallen, dass ich die Galaxie bisher zwar von allen Seiten aus betrachtet, aber nie in ihre Mitte geschaut hatte. „Warum?“, fragte ich Ray. „Vertrau mir“, sagte Ray. Dann klopfte es an der Tür. Es war der Bruder unseres Nachbarn Richard, der unsere Hilfe brauchte. Wir gingen runter in den ersten Stock, wo Richard gelebt hatte, bevor er seinen Atlantismoment verpasst und sich in seinem Kellerraum mit einem Kabelbinder an einem Abwasserrohr erhängt hatte. Das war etwa einen Monat her. Es hatte fast zwei Wochen gedauert, bis jemand gekommen und ihn in seinem Keller gefunden hatte. Der Leichengeruch war nicht bis in die oberen Etagen vorgedrungen, uns ist nur irgendwann aufgefallen, dass das Obst in unseren Wohnungen schneller faulte und immer mehr Fliegen bei uns wohnten. Wir schleppten Richard’s Bücher und sein Bett aus dem Haus, mehr hatte er vor seinem Tod nicht mehr besessen. Richard’s Bruder wollte alles verbrennen. Im Kühlschrank fanden wir noch einige Tüten Capri-Sonne, jeder bekam zwei und wir standen auf Richard’s Balkon, starrten in den pinken Himmel vor seiner leeren Wohnung und tranken Capri-Sonne und erinnerten uns an seine Geschichten und die Bücher, die er irgendwann mal rausgebracht hatte und die dann irgendwann niemand mehr lesen wollte.
In der vierten Nacht der Galaxie träumte ich von Richard in einer Badewanne voller Zucker. Ich träumte, wie ich ihm erzähle, dass der Tod ein kleiner Mann mit Nelken auf dem Kopf sei und dass seine Bücher wieder gelesen werden und das seine Tochter bei der Beerdigung geweint habe und dass es eine gute Entscheidung gewesen sei, sich zu erhängen und nicht das Gewehr zu nehmen, dass er sich von seinem Bruder geliehen hatte und das sie einen Film über ihn machen würden und eine Parade in Aprilstadt und ich sagte ihm, dass die Leute nur gut über ihn sprachen seit er Tod war und dass er sein Glas mit Mayonnaise immer noch bei mir stehen habe und das Ray immer noch sein Süßholzcurry koche jede Woche, auch wenn er nicht mehr vorbeikommt um sich einen Teller abzuholen und ein Glas Calvados zu trinken und auf den Atlantismoment zu warten.
Am nächsten Tag schwebte das Laken immer noch über dem Schreibtisch. Wenn es nach Ray ging, war die Ausbreitung der Galaxie so oder so unausweichlich und ich beschloss, zum Protagonisten der Sache zu werden. Ich kochte mir einen Kaffee, zündete mir eine Zigarette an und setzte mich vor das schwebende Laken. Dann zog ich das Laken von der Galaxie und sah sie mir an. Sie war um fünf Zentimeter im Umfang gewachsen, seitdem wir sie mit dem Laken bedeckt hatten. Ich betrachtete den Rand der Galaxie, den es nicht gab und rauchte die Zigarette zur Hälfte und nahm einen Schluck von dem Kaffee, den ich mit dem Kaffeesatz des Vortags aufgebrüht hatte und löschte dann die Zigarette in der grauen, geschmacklosen Brühe und stellte den Becher auf den Fußboden. Ich fuhr mit meinem Blick den gesamten Rand, den es nicht gab, des tiefschwarzen Kreises ab und als mein Blick wieder an der rechten Kante der Galaxie angekommen war, wanderte ich mit den Augen weiter zur Mitte, bis ich den für mich mittigsten Punkt im Fokus hatte. Ich sah nichts. Das tiefe Schwarz, das nicht so tief war wie in der Nacht, war in der Mitte genauso schwarz wie am Rand, den es nicht gab. Ich ließ den Blick auf die Mitte gerichtet. Der bittere Geschmack des Kaffees mischte sich auf meiner Zunge mit diesem leicht silbrigen Geschmack. Ich schluckte und der Geschmack war eindeutig da, wie am zweiten Tag der Galaxie, als ich ihr zum ersten Mal nahe gekommen war. Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen und öffnete sie wieder. Ich blickte direkt in die Mitte der Galaxie und nach einigen Minuten meinte ich etwas erkennen zu können. In der Galaxie begann ein Prozess. Wie ein riesiger Milchozean schwappte die Materie in der Galaxie von einer rechten zu einer linken Küste. Es sah aus wie ein Polaroid, das unbelichtet aus der Kamera kommt und dann die Chemikalien aus der Tasche am Rand des Polaroids von unsichtbaren Händen ozeanblau über das schwarze Foto gedrückt werden. Es war wie bei dem Versuch unsere Galaxie von der Erde aus zu fotografieren, es kam auf die Belichtungszeit an. Je länger ich in die Mitte der Galaxie starrte, desto deutlicher konnte ich sie erkennen. Nun hatte sie auch einen Rand und an ihrem Rand erkannte ich Strände, an den Stränden des Milchozeans gab es Häuser aus Buchseiten, die mit karamellisiertem Wassermelonenzucker zusammengehalten wurden und das Wasser an den Stränden reflektierte den gelben Bleistifthimmel und die Galaxie war ein illustrierter Mann mit Händen die Städte waren und 723 Tättowierungen die zu Wäldern wuchsen und der junge Tod saß in einem Café am Strand und schoss Leuchtpatronen zum Farbbandfirmament, die die wahre Einsamkeit versprühten, die Einsamkeit, die auch unter Menschen nicht verschwindet. Meine Konzentration ließ langsam nach und ich bewegte meinen Blick wieder zum Rand der Galaxie, doch ich fand ihn nicht. Nach rechts hin erstreckte sich ein riesiges Bleistiftgebiet, das nicht endete und nach links hin hatten sie die Raffinerien für den Zucker gebaut und ich kreiste mit meinem Blick durch die Galaxie und sah zu wie mich die Galaxie zu ihrem Ende führte, während ich nicht mehr herauskam.
In der letzten Nacht der Galaxie träumte ich von Lucia Berlin und wie sie in der Küche Bourbon kippt und Geschichten tippt, nachdem sie ihre Kinder zu Bett gebracht hat und wie sie in einer kleinen Propellermaschine über die mexikanische Grenze fliegt, um ihren heroinsüchtigen Mann zum seinem nächsten Trip zu bringen, weil es eine gute Kurzgeschichte hergibt und die Grenze zu Mexiko aus der Luft wunderschön aussieht und ihre Kinder im Fußraum der Maschine gut schlafen können und ich träumte, dass sie ihren Mann abwirft und nach Kuba fliegt und Reinaldo Arenas mit ihrer Maschine abholt, bevor er in Vergessenheit geraten kann und sich in New York von Babybrei und Whiskey ernähren muss, während er all die Romane noch einmal schreibt, die Fidel Castro von ihm hat verbrennen lassen. Ich träumte von der verkohlten Truhe Fernando Pessoas. Ich träumte von Wolfgang Herrndorfs Revolver. Ich träumte von Marc Fischers Gitarre. Ich träumte von Ingeborg Bachmanns Traumtagebuch. Ich träumte vom Birnensaft auf Bioy Casares Hemdkragen. Ich träumte von Ray’s Curry. Ich träumte von Richard’s Einmachgläsern. Ich träumte von der alten Galaxie. Und ich träumte, wir wären alle nur Hologramme in Morels Erfindung auf dieser Insel am Rande des Bleistiftgebiets.