Starting out in the Evening
Vor einigen Jahren habe ich einen Film geschaut, den ich seitdem nie wieder finden konnte. Starting out in the Evening, in dem Frank Langella einen alternden Schriftsteller spielt, der es nicht schafft, den letzten Roman, an dem er seit einigen Jahren arbeitet, zu einem Ende zu bringen. Auch im Schriftstellerfilm Wonder Boys bringt die Hauptfigur, gespielt von Michael Douglas, das letzte Romanprojekt - bereits auf mehrere tausend Seiten angeschwollen - zu keinem Ende. In Wonder Boys fliegt das Manuskript irgendwann auf die Straße, im erstgenannten Film ist das Verwerfen des Buches ein bewusster Entschluss der Hauptfigur gegen Ende des Films. Endlich Raum für einen Neuanfang. Beide Figuren fühlten den Zwiespalt zwischen der Unmöglichkeit, die bereits mit dem Kunstwerk verbrachten Jahre vergeudet zu haben und der Angst, zu alt zu sein für einen neuerlichen Anfang. In der Serie True Detective gibt es eine Dialogzeile die paraphrasiert so geht:
”you can only get really good at one thing in your life, so be careful of what you are getting good at”
Ich bin jetzt 42 und damit für ein Schriftstellerleben noch sehr jung. Trotzdem plagen mich immer wieder ähnliche Gefühle, die jedoch in meinem Inneren mit der wilden Planlosigkeit und dem Interesse an immer neuen Ausdrucksformen kollidieren. Wer mich länger kennt, weiß dass ich eigentlich lieber Schriftsteller als Fotograf wäre. Wer mich persönlich kennt, weiß vermutlich, dass ich noch lieber ein Instrument spielen könnte, Musiker wäre, dass ich lieber malen könnte als Fotograf zu sein. Die Fotografie war für mich immer die Kunstform, für die es am wenigsten Talent brauchte, weshalb ich bis heute alle Dinge, die ich durch sie in meinem Leben habe, anzweifle. Im Kunstunterricht auf dem Gymnasium hatte ich durchgehend ein Ausreichend auf den Zeugnissen. Ich war oft anwesend und habe die Aufgaben einigermaßen korrekt erledigt. Die Techniken habe ich mir nie zu eigen gemacht und meine Bilder sahen noch in der Oberstufe aus wie von einem Grundschüler.
Gleichzeitig gehören Illustrationen, Graphic Novels, ja vor allem die Kunst auf Album Covern zu meinen Lieblingsdingen auf dieser Welt. Ich liebe die illustrierten Artikel im New Yorker, im Zeit oder Süddeutsche Magazin. Zu Coronazeiten habe ich auch noch einmal versucht, mit Pinseln und Farben umzugehen, doch auch diese Skizzen waren mir durchweg peinlich. Selbst die abstrakte Acrylmalerei auf meinen eigenen Drucken im Stil von Saul Leiter wirkten auf mich erbärmlich. In Kunstbedarfläden zu stehen und mir schöne Pinsel und Farben und Skizzenbücher anzusehen, war für mich der größere Teil der Schönheit dieser kurzen Begegnung mit der Kunst.
Dabei scheue ich mich gar nicht, schlecht in etwas zu sein. Doch ich brauche kleine Entwicklungsschritte, sonst verliere ich schnell die Aufmerksamkeit und den Willen. In diesem Sommer sah ich meine Freundin an einem Strand in der Toskana ihren kleinen Aquarellkasten auspacken. Wir tranken Cutty Sark mit Lemon Soda, ich schrieb und sie malte ein paar der Dinge um uns herum, einen gelben Sonnenschirm vor einem blauen Himmel, eine Bierflasche. Ihr dabei zuzusehen hat mich selbst passiv in einen fast meditativen Zustand gebracht, die Konzentration, die Liebe zum Gegenstand. Ihr Vater war ein sehr talentierter Maler, dieser Ausdruck hat sie also schon seit ihrer Kindheit begleitet, weshalb die Kunstfertigkeit ihrer Notizbücher im Sommer einen großen Einfluss auf die Wiederaufnahme meines eigenen Junk Journals hatte.
Und dann fing ich plötzlich auch an, zu zeichnen. Mit Ölkreiden in den Collagen rumzuschmieren. Meinen alten Aquarellkasten vom Dachboden zu holen und zu spielen. Einfach zu spielen. Mit so einem Prozess geht bei mir auch eine komplette Umleitung der Algorithmen einher, Maltutorials, Künstlerinnen und ihre Vlogs, ich habe mich mit nichts anderem mehr beschäftigt in meiner Freizeit. Nachts schaue ich einstündige Videos auf YouTube mit Titeln wie „Cozy flower painting session with oil pastels“, die oft mit entspanntem Ambient unterlegt sind und male selbst auf meinen Blöcken und Notizbüchern herum. Kleine Blüten und Blumen, genau die Dinge, die ich auch zu Beginn meiner Fotografie aufgenommen habe. Eskapismus mit Bleistift und Wasserfarbe. Irgendwann fing ich dann auch an, auf dem Tablet digital zu zeichnen, ich wollte es noch einmal wissen.
Und das war plötzlich der Durchbruch in eine so produktive Phase wie ich sie seit Jahren nicht hatte. Ich male morgens, male abends, male nachts. Vieles davon scheitert immernoch ganz kläglich, doch manches finde ich bereits ok für das, was ich damit vorhabe. Denn ein großer Traum von mir war es immer, eigene Sticker und Zines zu illustrieren, die Cover meiner Podcasts und Artikel und auf meiner Webseite. Ich fing an Filmszenen nachzumalen, Album Cover Fotos (siehe weiter unten), meine Lieblingsgegenstände wie meine Schreibmaschine (siehe oben). Meine Bildschirmzeit war im Herbst ein Graus, und seit Dezember habe ich diese Sucht endlich wieder im Griff durch die Produktivität, die mit dem Zeichnen einherging. Das wird jetzt erstmal Teil von allem werden. Fotos mache ich natürlich weiterhin und hoffentlich auch wieder Videos für meinen YouTube Kanal. Doch bis dahin ist mein Himmel erstmal ein Tisch in einem Café in schöner Begleitung, eine kalte Coke und mein Notizbuch.
Hier noch ein paar Fotos der schönen bunten Dinge auf meinem Schreibtisch derzeit: