Morro dos Cabritos
Die Wilden, die sie nicht
sehen wollen, sperrt man
in Rio auf den Berg
ich weiß das
denn von meinem Balkon
habe ich direkte Sicht und
das eiskalte Bier lässt die feuchte Luft
zu Tropfen auf der Dose
in meiner Hand tauen
und Frederico spielt im
Nebenzimmer den nächsten
Caetano Veloso Schlager
aus der Zeit als man noch
nicht gemäßigt war
1967 oder 1968 oder 1969
und man sieht den Regen
in den Laternenkegeln der
Rua Joaquim Nabuco und riecht
das Meer edel überschlagend im Rücken
und in der Ferne die Lichter
dieser Nacht, Nacht
die sich den Berg
hochwindet und hier und da
vor Unmut flackert
Sie haben sie dort
eingezäunt die Wilden
und bewachen die einzige
Verbindungsstraße zwischen
Elend und Musik runter nach
Copacabana und Ipanema
und hundert braune Soldaten
warten im Gewitter und
putzen ihre Panzer und
Hunter Thompson saß genau
hier auf dem Balkon
vor fünfzig Jahren und
schaute landeinwärts auf dieselbe Favela
als Caetano noch ein Rebell
und der Rum billiger als Bier war
Vor Jahren gab es einen Stromausfall
in Brasilien und die Laternen
an der Copacabana gingen aus
und die Musik in den Bars
von Ipanema verstummte
und der ganze Küstenstreifen
versank in der Nacht
und ich stelle mir vor
wie sie dort oben
wie glücklose Gatsbys
vor ihren Bretterbuden standen
als die grünen Kneipenlichter
des Bossa Nova
an und wieder aus und wieder an
und dann endgültig ausflackerten
und wie sie sich plötzlich
sicher waren dass es noch
etwas anderes geben würde
und sich auf ihre Mopeds warfen
und der gesamte Berg runter
in die Stadt stürzte wie eine
Lawine der Vergeltung und wie
das Gesetz des Stärkeren herrschte
nur für diese eine Nacht.
Ich stelle mir vor
ich sei einer von ihnen
gewesen und die Reichen
in ihren weißen Häusern
weinten und ich nahm es ihnen
nicht übel und sie nahmen es
mir nicht übel
Und die Weichheit wich
aus ihrer Sprache und
sie versteckten sich am
Meeresboden und hofften
ein letztes Mal
auf die braunen Schwarzhelme
denen sie ihr Leben abkauften
für das Kleingeld am Boden
ihrer Leinentaschen und
sie hatten Glück
denn ihr Reichtum
ist nicht weltlich
sondern geschichtlich.